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Die andere EM
Eurovision in Belgrad, die EM der Herzen – und der schrägen Töne
Vor den Bällen werden Noten jongliert. Der 53. Eurovision Song Contest, erstmals verteilt auf drei Abende, bietet Altes und Neues, Lustiges und Ernstes, Engel und Eintagsfliegen. Für 3 Minuten ist jeder Traum möglich.
Die Euro08 dribbelt sich vor die Tür, unübersehbar: Mars liegt plötzlich als Hopp im Regal, neben Fanburgern, Fandrinks und Fan-Fähnli. Beim Euro-Shopping sollte man sich aber auch für eine andere Meisterschaft eindecken, den Grand Prix hmhm de la Dings, seit einiger Zeit Jurowischn Song Contest genannt. Was auch treffender ist, denn zum ersten Mal sucht man 2008 vergeblich nach einem französischen Beitrag. Belgiens polyphoner Jodel wird in Fantasiesprache vorgetragen, Frankreichs Avantgarde-Prophet Tellier trällert englisch. Empfehlenswert ist übrigens, bei jedem Lied eine landesübliche Spezialität zu sich zu nehmen. Man freut sich dann nach Raki und Guinness auf das slowenische Mineralwasser. Hoffentlich heissen die Maltesers momentan nicht Hopp-Pops, Malta wird sonst schwierig. Die 11 Spieler dürfen auf der Wartebank Platz nehmen, wenn Ende Mai europaweit die 12 Punkte verteilt werden.
Neue Regeln, alte Bekannte
Diese Verteilung beschränkte sich zunehmend auf die immer zahlreicheren osteuropäischen Länder. Nachbarschaftsbonus gab es schon immer, so war in der Bewertungsrunde der 12-Punkte-Austausch innerhalb Skandinaviens so sicher wie der Eiffelturm hinter der französischen Resultateverkünderin oder die johlende Fanmasse im deutschen Hintergrund. Als letztes Jahr Osteuropa allerdings die 16 vorderen Ränge allein unter sich ausmachte, wurden Kritik und Rückzugsdrohungen immer lauter (Österreich hat diese auch wahr gemacht). Die Organisatoren gingen über die Bücher. Neu gibt es zwei zufällig zusammengestellte Halbfinal-Shows. Neben dem Televoting bestimmt eine Jury zwei weitere Final-Einzüge. Welche Ergebnisse die Neuerung mit sich bringt, bleibt abzuwarten.
Musikalisch setzen 2008 viele auf Altbewährtes. Das Motto Confluence of Sound wurde etwa im weissrussischen Beitrag gar ernst genommen: Mit breitem russischen Akzent singt Ruslan «Hasta la Vista», einen englischen Latino-Rocksong. Im Teilnehmerfeld ist ein Reigen der üblichen Verdächtigen auszumachen. Nicht mit von der Partie ist Ralph Siegel. Auch das vollumfängliche Comeback der maltesischen Chiara lässt auf sich warten. Nach einem dritten und einem zweiten Platz arbeitet sie gerüchteweise an einem neuen Lied, nun schon seit drei Jahren. Schwergewichtig vertreten wird ihr Mittelmeer-Charme bis dahin von Portugals Vania.
43 mal 3 Minuten
43 Nationen treten an, ein neuer Rekord. Man wird erleben, wie kurz oder lang die reglementierten 3 Minuten im Einzelfall sein können. Aneinandergereiht dauern die Songs kaum länger als ein Fussballspiel mit Verlängerung. Auf Anhieb Siegesanwärter auszumachen fällt diesmal schwer. Allgemein wird weniger getrommelt und viel getanzt, ein Revival des 90er-Eurodance macht sich bemerkbar. Der Happy-Sound mit Ethnoeinschlägen muss showtechnisch oft mächtig aufgepeppt werden: Zypern tanzt Sirtaki auf dem Tisch, Bosnien schwingt Besen zu New Wave. Eher unbeholfen greifen Ungarn und Polen in die Balladenschublade. Lettland setzt auf Piraten, Estland auf Blödel-Comedy. So tummeln sich einmal mehr allerlei Paradiesvögel zwischen Trash und Kult. Mit gutem altem Schlager-Idealismus singt die blinde Diana für Georgien «Peace will come». Vielleicht findet aber auch ein ganz anderes Geflügel das Siegerkorn: Irlands Truthahn mit einer Art Klingelton-Hit mausert sich zum Geheimfavoriten und warf die Frage auf, ob eine Puppe als Teilnehmer überhaupt zugelassen ist. Offiziell unzulässig sind nur Tiere, Kinder – und politische Botschaften.
Politik und Kosmetik
Dass gerade scheinbar sinnlose Abzählreime anfällig für Politik sind, führte 2007 die Ukraine vor. Aktuell bestätigt von Spaniens «Baila el Chicki Chicki». Artig wich man der roten Karte aus und strich einige politisch gefärbte Textzeilen. Nicht immer lässt sich verstecken, dass Schlager – genau wie Sport – nie ganz apolitisch sein kann. Nach der Abspaltung des Kosovo wurden der Liebeshymne des Gastgebers Serbien nationalistische Tendenzen vorgeworfen. Palästina plant für 2009 die erste Teilnahme, der Libanon ebenfalls. Zündfeuer und Sprengkraft sind weiterhin vorhanden.
Der fröhliche Liederabend hat auch ernste Saiten/Seiten. Kürzlich fand das erste internationale Symposium zum Thema Eurovision statt. Ethnologen, Politologen und Linguisten debattierten über nationale Repräsentation oder sexuelle Identitätsstiftung und entdeckten ein weites unbeackertes Forschungsfeld. Akademisch bereits erwiesen ist Folgendes: Eurovision ist ein Sport, in dem Heterosein fast ein Tabu ist. Nachdem vor Jahresfrist die Lesbe die Drag Queen knapp besiegt hat, ist die Gay-Community diesmal etwas dezenter vertreten und hat auf dem Regie-Stuhl Platz genommen: Die transsexuelle israelische Wegbereiterin Dana schrieb Boaz ein Lied auf den gestählten Leib.
Der Grand Prix eignet sich auch als Lehrstück über die Geschichte der Bühnentechnik und der Schönheitsindustrie. Wiederholungstäterinnen sehen beim zweiten Auftritt nach einigen Jahren ausnahmslos frischer aus. Diesmal zum Beispiel Charlotte, Schwedens Siegerin 1999. Wäre auch zutreffend für aufgewärmte Kost aus der Schweiz, man denke an Céline, an Francine, an Paola.
Träumen erlaubt
Ein weiteres Zeitgeist-Symptom hat sich eingeschlichen: Casting-Shows. Vermehrt dienen diese als nationales Auswahlverfahren. Auch Deutschland schickt mit den No Angels eine Retortenband ins Rennen. Für deren farblose Nummer «Disappear» dürfte der Name allerdings Programm sein. Die Schweiz titelte optimistischer: «Era stupendo» heisst der etwas altbackene Italo-Schmachter des San-Remo-erprobten Meneguzzi, der aber angenehm aus dem Dance-Brei hervorsticht. Zürich 2009? «No Dream impossible» sang England 2001, fünf Jahre später die Holländerin «My impossible Dream». Bis zur Punktevergabe heisst es nach DJ Bobos Eigentor und Gunvors Abseits-Nummer auf jeden Fall «To dream again» (Malta 2003). Davon, dass nächstes Jahr das Schweizer Fan-Fieber erneut ausbricht und wir demnächst Eurovisions-Abziehbildli ins Panini-Album kleben.
Eurovision Song Contest, 20./22./24. Mai, jeweils 21.00 Uhr
www.eurovision.tv
Von René Gerber |