Outing bedeutet das Aus der Fussball-Karriere
Beim Fussball ist Homosexualität noch immer ein Tabu

Annähernd 200 Fussballer kicken während der Europameisterschaft auf dem Spielfeld um den Pokal — die Ersatzspieler, Trainer und Schiedsrichter nicht einmal mitgerechnet. Kein Einziger davon soll schwul sein? Homosexuelle gibt es im Profifussball offiziell nicht und ein Outing kann für einen Spieler noch immer existenzbedrohend sein.

Alle gesellschaftlichen Kreise drängt es verstärkt zum Coming-out: Berlin, Hamburg und seit kurzem sogar die niederbayerische 3300-Seelen-Gemeinde Bodenmais wählten einen offen schwulen Bürgermeister. Immer mehr Prominente und Politiker bekennen sich zur gleichgeschlechtlichen Liebe, und schwuler Alltag wird im Fernsehen längst nicht mehr erst dann gezeigt, wenn die Kinder ins Bett gegangen sind. Selbst beim Militär (in Deutschland) gibt es eine «Arbeitsgruppe homosexueller Soldaten». Und seit 2005 gibt es in der Schweiz die Gruppe «Schwule Offiziere». Einzig der Fussball verweigert sich hartnäckig der Beschäftigung mit dem Thema und sträubt sich gegen jeden Liberalisierungsversuch. Kann der Fussballplatz eine homofreie Zone sein, wo doch zehn bis 15 Prozent der männlichen Bevölkerung schwul sein sollen? Ausgeschlossen. Aber schwul zu sein ist im Profifussball noch immer das Allerletzte. Das sinnentleerte Wort muss in den Stadien als Platzhalter für alles hinhalten, was nicht gelingt oder gefällt. «Schwule Sau» werden der Schiedsrichter wie auch Spieler der gegnerischen Mannschaft geschmäht. «Schwuchtel» ist auf den Fussballplätzen der Titel für defizitäre Männlichkeit schlechthin, und wenn die gesamte Fankurve singt: «Schwuler, Schwuler FCK», gilt das als völlig normal.

Panische Reaktion
Keine Frage, die populärste Sportart gibt sich ausgesprochen homophob. Entsprechend panisch reagieren Fussballer, wenn sie auch nur in die Nähe des Verdachts geraten, schwule Neigungen zu haben. So beteuerte der Profifussballer und Weltmeister Ronaldo erst neulich im brasilianischen Fernsehsender «Globo», dass er «total heterosexuell» sei. Zweifel kamen auf, als bekannt wurde, dass er in einem Stundenhotel in Rio de Janeiro die Dienste von drei Transsexuellen in Anspruch nehmen wollte. Er habe sie für «echte» Frauen gehalten, entschuldigte er die peinliche Entdeckung, doch ganz überzeugen konnte er damit wohl nicht. Ein millionenschwerer Werbevertrag mit einem brasilianischen Mobilfunkanbieter soll ihm dadurch durch die Lappen gegangen sein. Eigenen Angaben zufolge müsse er jetzt sein Privatleben «aufbauen wie ein Haus, über das ein Orkan gefegt ist», so der 31-Jährige in der Fernsehsendung «Fantastico».

In den Tod getrieben
Tatsächlich kann ein schwules Coming-out für einen Profifussballer mehr als das Ende der Karriere bedeuten. Erst einer hat es bislang gewagt: Der Engländer Justin Fashanu, ein Profi der Premier League, outete sich 1990 nach wiederholten Spekulationen in der Boulevardpresse und wurde daraufhin von «Nottingham Forest» entlassen. Kein anderer Verein wollte ihn mehr haben. Vor dem öffentlichen Druck flüchtete er zunächst nach Kanada, kam dann nach Grossbritannien zurück und fand dort schliesslich wieder Aufnahme in einem regionalen Club. Als auch dieser ihn aber wegen «Verhaltens, das eines Fussballers nicht würdig ist», entliess und er sich einer teils schmutzigen Medienkampagne aus-geliefert sah, nahm er sich 1998 das Leben. Der deutsche Mittelfeldspieler Marcus Urban kam diesem Druck zuvor und beendete Anfang der Neunzigerjahre seine hoffnungsvolle Karriere selbst. Seine sexuelle Identität erschien ihm mit der schwulenfeindlichen Haltung im Profifussball unvereinbar. Urban galt als eines der grössten Talente im DDR-Fussball, entschied sich aber dafür, offen schwul zu leben und kündigte seinen Vertrag beim Zweitligisten Rot-Weiss Erfurt. Heute spielt der 37-Jährige beim ETSV Hamburg in einem Team, das zum schwul-lesbischen Sportverein «Startschuss» gehört. Seit einigen Monaten spricht er offen über Scheinehen und das Versteckspiel schwuler Fussballer, die bei gesellschaftlichen Anlässen sogar Hostessen als Begleitung engagieren, um den Schein der Heterosexualität zu wahren.

Schwarzes oder schwules Schwein?
Auch fast zwanzig Jahre nach dem verhängnisvollen Outing von Justin Fashanu ist hierzulande noch immer wenig Bewegung in die Geschichte gekommen. Nicht nur viele Fussballer denken nach wie vor wie der 1990 viel zitierte frühere Kölner Abwehrspieler Paul Steiner und später auch der ehemalige deutsche Nationalspieler Lothar Matthäus, dass Schwule nicht Fussball spielen können und es deshalb schlichtweg auch keine schwulen Profifussballer geben kann. Luciano Moggi, der ehemalige Manager des italienischen Spitzenclubs Juventus Turin, hatte erst kürzlich in einem Interview erklärt, dass Fussball allein deshalb schon nichts für Schwule sei, weil man hier «mit anderen nackt unter der Dusche steht». Wie wenig noch immer schwulenfeindliche Beleidigungen im Profifussball geahndet werden, zeigt der Fall des Borussenkeepers Roman Weidenfeller. Ihm drohte eine Sperre für sechs Spiele und seinem Verein ein Punktabzug, weil er im deutschen Erstliga-Spiel Dortmund gegen Schalke den aus Ghana stammenden gegnerischen Stürmer Gerald Assamoah als «schwarzes Schwein» beschimpft haben soll. Die Strafe wurde auf 10000 Euro und eine Sperre für nur drei Spiele gemildert, als Weidenfeller behauptete, nicht «schwarzes» sondern «schwules Schwein» gebrüllt zu haben. Das sei nach Meinung des Sportgerichts des Deutschen Fussballbundes in der Tat deutlich milder zu ahnden, weil es keine rassistische, sondern lediglich eine «herabwürdigende und verunglimpfende Äusserung» sei.

Die Gründe für die ausgeprägte Homophobie im Fussball liegen nach Meinung der Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling, die in Göttingen über «Homosexualität und Sport» habilitiert, auf der Hand: «Sport ist einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft. Der Arbeitersport wurde jahrzehntelang nur von Männern und deren Sichtweise dominiert. Andere Lebensweisen finden da keinen Platz», erklärt sie. «Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet», so Eggeling weiter. Körperliche Nähe findet im Fussball noch mehr als in manch anderem Mannschaftssport statt. Fällt ein Tor, fallen dem Torschützen die Mannschaftskameraden um den Hals, als begännen sie eine Orgie. Und gerade weil das so verdächtig nach Sexuellem aussieht, der Fussball aber von der Mannschaft über die Fankultur bis hin zu den Verbänden ein reiner und vermeintlich asexueller Männerbund ist, reagiert man hier so panisch. Kennzeichnend für einen Männerbund ist nicht nur der Ausschluss von Frauen, sondern auch die Funktion von Freundschaft und Kameradschaft, die nur dem für den Erfolg wichtigen Zusammenhalt dienen. Auch körperliche Nähe unterliegt dabei dieser Funktion. Im geeigneten Moment soll sie zur Intensivierung dieses Zusammenhalts beitragen, aber keinerlei erotische Wirkung haben. Sexualität wird möglichst aus den Gefilden des Männerbundes verbannt, was ja – sofern Heterosexualität bei einem Fussballer als selbstverständlich gilt – mit dem Ausschluss von Frauen ohnehin erledigt zu sein scheint.

Trikotausch untersagt
Dass diese Rechnung so nicht ganz aufgeht, ahnte der internationale Fuss-ballverband Fifa aber wohl schon vor einigen Jahren. 1981 brandmarkte er das Küssen der Spieler nach einem Torerfolg als «unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht». 2001 untersagte er dann den Trikotausch der Spieler der gegnerischen Mannschaften nach Spielende – sehr zum Bedauern vieler schwuler Fans. Nun dürfen sich die Jungs eben gerade noch so lange «unschuldig» zusammen über den Rasen wälzen, wie der Schein des Nonsexuellen gewahrt bleibt.

Angstphantasien
Gerade weil der Männerbund von jeglicher Sexualität gesäubert sein soll, wird schon der Gedanke an einen schwulen Spieler zur puren Angstphantasie. So fügte einst der Schalke-Keeper Frank Rost auf seine Verneinung der Frage, ob es schwule Fussballer gäbe, unnötigerweise hinzu, dass er ohnehin «immer mit dem Arsch zur Wand duschen würde». Gröhlend ängstlich kursiert in den Mannschaftskabinen auch heute noch der «Running Gag», dass man sich ja nicht mehr nach der Seife bücken könne, wenn es einen schwulen Mitspieler in der Mannschaft gäbe. Angesichts dieser ausgeprägt schwulenfeindlichen Haltung rät selbst der bekennend schwule Präsident des eher linksalternativen FC St. Pauli, Corny Littman, schwulen Profifussballern derzeit von einem Outing ab. «Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten», so Littmann, der auch Besitzer und Intendant des «Schmidt Theaters» auf der Hamburger Reeperbahn ist. «In einem heterosexuellen Mannschaftsgefüge ist man direkter Aussenseiter, wird angreifbar für Mitspieler, Gegenspieler und Medien.»

Erste Schritte auf dem Papier
Gleichwohl gibt es zumindest einen Hoffnungsschimmer, dass die Bastion der Schwulenfeindlichkeit auch im Fussball irgendwann mal fallen wird. Der englische Fussballverband scheint aus dem tragischen Schiksal von Justin Fashanu doch noch gelernt zu haben und hat seit 2001 in der Satzung verankert, dass der Verband gegen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorgeht. Zumindest auf dem Papier ist also die Ausgrenzung Homosexueller im Stadion verboten, und es wurden auch schon Krakeeler schwulenfeindlicher Sprüche aus den Fussballstadien geschmissen. Der Verein «Manchester City» hat eine Charta unterschrieben, die aus ihm einen «gay friendly» Club macht.

Schwule Fussballfans
Kleine Fortschritte im Kampf gegen die Homophobie gibt es in Deutschland zumindest auf den Fantribünen. Seit Gründung des ersten schwul-lesbischen Fanclubs «Hertha Junxx» «vor sieben Jahren in Berlin, hissen immer mehr schwule Fussballfans die Regenbogenfahne im Stadion. Auch in der Schweiz machen seit letztem Jahr zwei schwule Fanclubs darauf aufmerksam, dass Fussball und Homosexualität keinen Widerspruch darstellen. Die Wankdorf-Junxx unterstützen das Team «BSC Young Boys Bern», der «Queerpass Basel» feuert den «FC Basel 1893» an. Die schwul-lesbischen Fanclubs sehen sich durchaus als Wegbereiter für ein Klima, das es eines Tages auch ihren schwulen Stars ermöglichen soll, ihre sexuelle Identität nicht länger verbergen zu müssen.

Beckhams Geschlechterrollen-Spiel
Unterstützend könnte sich durchaus auch das androgyne Spiel mit den Geschlechterrollen auswirken, wie es sich Superstars wie David Beck-ham in der Werbung erlauben  können. Er wechselt als Rollenmodell ständig zwischen hetero- und homosexuellen Attitüden und hat sich, obwohl offen hetero lebend, sogar als Pin-up für das englische Schwulenmagazin «Attitude» ablichten lassen. Homosexuelles Flair als Vermarktungssegment im Fussball könnte tatsächlich helfen, das Tabu zu brechen. Erste Signale sind zu hören. Sepp Blatter, Chef der Fifa, hat unlängst schwule Fussballer zum Coming-out aufgefordert. «Schauen Sie sich Frauenfussball an: Homosexualität ist dort populärer», erklärte der 61-Jährige im Vorfeld einer Konferenz in Zürich. Allerdings scheint Blatter beim Frauenfussball ohnehin andere Gedanken im Kopf zu haben. «Lasst die Frauen in feminineren Kleidern spielen wie im Volleyball. Zum Beispiel könnten sie enger anliegende Shorts tragen», offenbarte er bereits vor vier Jahren in einem Interview. Um schwulen Fussballern ein Outing tatsächlich zu ermöglichen, müssten sie von der Fifa zweifellos noch sehr viel mehr Rückendeckung bekommen.


     Von Thomas Borgmann