Stopp Homophobie!
Für Menschenrechte zu kämpfen, heisst auch, sich gegen Homophobie zu wehren.

In vielen Ländern werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und kriminalisiert. Amnesty International macht mit rund 30 Queeramnesty-Gruppen darauf aufmerksam und greift ein. Auch in der Schweiz.

Dass Unterdrückung und Verfolgung von Homosexuellen in einigen Ländern noch immer an der Tagesordnung ist, wissen wir alle. In über 70 Staaten werden Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender allein aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung oder Identität zu Verbrechern gemacht, eingesperrt, hingerichtet. Zahlen vergisst man schnell. Wenn man aber auf der Weltkarte die Länder anstreicht, wird deutlich, wie beängstigend gross die Fläche tatsächlich ist.
Queeramnesty setzt sich dafür ein, dieses Bewusstsein wach zu halten, diese Weltkarte zu schraffieren. Recherchiert wird zentral in London, dann gelangen die Fälle zu den nationalen Organisationen. Seit rund zehn Jahren hat auch AI (Amnesty International) Schweiz eine Queer-amnesty-Sektion.

Sprengkörper und Peitschenhiebe
Für öffentliches Interesse sorgte vor kurzem ein Asylbewerber aus Kamerun. Bei Ausschaffung droht ihm in der Heimat eine Gefängnis-strafe von bis zu fünf Jahren, weil er schwul ist. Sein Asylgesuch wurde abgelehnt. Zum ersten Mal überhaupt schritt Amnesty in der Schweiz mit einer Petition ein. In den meisten Fällen engagiert sich Queeramnesty aber nicht im eigenen Land, auch aus diplomatischen Gründen, AI sieht sich nicht als politische Organisation. Aktuell sind für die Schweizer Gruppe beispielsweise Lettland und Litauen: Gay-Veranstaltungen werden da bis heute regelmässig verboten. 2007 konnte in Lettland die erste Pride durchgeführt werden, aber streng abgeschirmt. Gegendemonstranten warfen Sprengkörper. In Litauen gibt es ein offizielles Verbot, Kinder über Homosexualität zu informieren. Queer-amnesty hat auch hier eine Petition gestartet. Dank des gut funktionierenden internationalen Netzwerkes gelingt es, in kurzer Zeit viele Unterschriften zusammenzubringen und so in den Behörden-Apparat der jeweiligen Länder einzugreifen. Dieses Eilbrief-Netzwerk ist seit jeher zentrales Instrument bei AI.
Schwerpunkte in den vergangenen Monaten waren auch Polizeigewalt in Chicago, ein Fall in Saudi-Arabien, wo zwei Männer wegen sexueller Kontakte mit 7000 Peitschenhieben bestraft wurden oder das Schicksal eines 13-jährigen Iraners, dem wegen Analsex mit einem Gleichaltrigen die Todesstrafe drohte.
Hoffnung und Verzweiflung liegen nah zusammen. Queeramnesty verzeichnet immer wieder konkrete Erfolge. Obwohl im Fall des Kameruners das Bundesamt für Migration zuerst nicht auf die Bedenken von Amnesty eingehen wollte, wird das Gesuch nun erneut überprüft. Dadurch, dass jemand hinschaut, auf die Menschenrechte verweist, sich zu Wort meldet, werden Fälle oft neu aufgerollt. Dass man mit einer Petition weder Machtpolitik noch Gesellschaftsverhältnisse sofort grundlegend ändern kann, ist man sich bei AI natürlich bewusst. Der Iraner etwa wurde kurze Zeit später unter Ausschluss der Öffentlichkeit und Familie hingerichtet. Queeramnesty konnte das nicht verhindern, hat aber nicht weggeschaut und den Fall dokumentiert. Da es häufig um Einzelschicksale geht, kann eine einzelne Unterschrift aus der Schweiz vielleicht einmal ganz entscheidend sein.

Unterschriften und Wörter
Nicht nur der geschriebene Name ist ein wichtiges Statement, auch ein gesprochenes Wort. Zum Internationalen Tag gegen Homophobie (IDAHO) am 17. Mai, dem Tag, an dem 1990 Homosexualität als Krankheit von der WHO-Liste gestrichen wurde, lancierte Queeramnesty die Kampagne «Stopp Homophobie» mit Tramplakaten und Standaktionen. Ein zweiter Schwulentag kurz vor dem CSD? Der hierzulande noch wenig bekannte IDAHO unterscheidet sich von den Gay Prides in einem wesentlichen Punkt und ist deshalb eine ideale Ergänzung: Es geht hier nicht darum, den Stolz und die Legitimität des Schwulseins auszudrücken, sondern umgekehrt das Illegitime der Homophobie. Eine feine, aber bei genauerer Betrachtung wichtige Differenzierung. Homosexualität sichtbar zu machen, ist etwas anderes, vielleicht Einfacheres, als Homophobie sichtbar machen. Es sei auch ein Anliegen gewesen, den Begriff Homophobie überhaupt zu verbreiten, erklärt Simon, ein Zürcher Queer-amnesty-Aktivist. «Viele Leute haben an den Ständen gefragt, was denn Homophobie überhaupt sei.» Ein Wort, das das Nichtakzeptieren von Diskriminierung in seiner Bedeutung mitträgt, kann für den Schutz von Minderheiten sehr wichtig sein (analog zum Begriff Rassismus beispielsweise). Wenn «Schwuler» oder «Lesbe» als Schimpfwort verwendet wird, hilft der Begriff Homophobie, diese Beschimpfung als grundsätzlich inakzeptabel zu kategorisieren.

Weit weg und ganz nah
Zu direkten Konfrontationen sei es an den Ständen nicht gekommen, so Simon. Aber gemurmelte Satzfetzen wie «… lieber etwas für normale Leute machen» oder ein Zurückweisen der Broschüre mit der Begründung «ich bin christlich» sei vorgekommen. Die Beschäftigung mit der internationalen Situation von Homosexuellen sorgt auch dafür, die eigene Lage kritischer zu beurteilen. Queeramnesty greift nicht nur bei spektakulären Fällen irgendwo weit weg ein, sondern auch bei subtilerer Homophobie direkt vor der Haustür. Denn genau da lauert sie nach wie vor auch. Wenn Queer-amnesty-Mitglieder ausdrücklich neutrale Briefumschläge verlangen, wird das mehr als deutlich.

Deutlich wird auch, wie wichtig das Engagement von Organisationen wie Queeramnesty ist, ebenso das Interesse, zwischendurch über Grenzen zu schauen und andere Probleme zu sehen als Darkroom-Diskussionen. Auch wenn sich möglicherweise in dieser Debatte der genau gleiche Mechanismus zeigt wie anderswo, der Mechanismus einer gesellschaftlich tief verankerten Homophobie, die nicht immer leicht greifbar und in Worte zu fassen ist.
www.queeramnesty.ch

     Von René Gerber