«Dich machen wir tot»
Gewalt gegen Schwule kann überall passieren

«Du schwule fette Sau, dich machen wir tot!» Mit diesen Worten bedrohten vier Jungendliche einen Mann auf dem Rastplatz Hexentobel. Mit einem Baseballschläger und einem Axt-Stiel prügelten sie ihn zu Boden und traktierten ihn mit Fuss-tritten. Wenn der Schwulenhass sich derart brutal äussert, kommt er meist ans Licht. Viele Gewalttaten bleiben aber im Dunkeln.

Es geschah diesen Juni, abends um acht, Sommerzeit bedingt am helllichten Tag. Steivan Werro legte auf dem Weg von Langenthal nach Balgach auf dem Rastplatz Hexentobel einen Halt ein und vertrat seine Füsse. Das St. Galler Tagblatt sprach mit dem Opfer und schildert den Vorfall:
«Plötzlich tauchen vier junge Männer auf, ausgerüstet mit einem Baseballschläger und einem Axt-Stiel. Sie umstellen Steivan Werro, beschimpfen ihn: ‹Du schwule fette Sau, dich machen wir tot!› Einer zieht den Baseballschläger hoch. Der 57jährige realisiert: Den Jugendlichen ist es ernst. Werro versucht, mit ihnen zu reden. Vergeblich. Da packt er einen von ihnen, stellt ihn vor sich hin ‹als Schutzschild› und schon saust der Baseballschläger nieder auf Kopf, Schultern, Rücken, Beine. ‹Gott sei Dank habe ich so viel Speck, meine Knochen wären sonst kaputt.› Die Jugendlichen schlagen, bis Werro am Boden liegt. ‹Ich konnte mich nicht wehren.› Er versucht aufzustehen, da versetzen sie ihm einen Tritt in den Rücken, er stürzt Kopf voran das Wiesenbord hinunter. ‹Entsorgt wie ein Stück Dreck›, geht es ihm durch den Kopf. Und ‹Nur nicht ohnmächtig werden sonst sterbe ich›.»

Jugendgewalt nicht im Griff?
Die Polizei hat die Täter ermittelt. Drei Schweizer und ein Italiener im Alter von 16 und 17 Jahren. Werro wurde zufällig ihr Opfer. Die Tat aber war geplant. Motiv: «Aversion gegen Homosexuelle». Werro kann zwar «diese aggressiven Blicke der Jugendlichen nie vergessen – wie Bestien.» Dennoch will er den Vorfall nicht allein aufs Schwulsein reduzieren. Er hat sich über ähnliche Vorfälle informiert und kommt zum Schluss: «Die Schweiz hat ein Sicherheitsproblem. Der Staat hat die Jugendgewalt nicht im Griff.»

Auf offener Strasse
Fakt ist, der Rastplatz Hexentobel ist als Schwulentreffpunkt bekannt. Und wie es scheint, nicht nur unter Schwulen, sondern auch unter den Schwulenhassern. Doch was da im Juni in der Ostschweiz passiert ist, ist nicht ortsabhängig, nicht ausschliesslich ein Rastplatzproblem und kein Einzelfall. Im Mai 07 ereignete sich beispielsweise in Zürich ein brutaler Angriff auf offener Strasse. Ein Wetziker Swisscoy-Angehöriger hat zusammen mit seinem Freund zwei homosexuelle Passanten angegriffen und massiv verprügelt. Die beiden Täter waren zuvor auf dem Kanzleiareal, wo sie sich einen Vollrausch antranken. Laut Staatsanwaltschaft brach bei den Angeschuldigten der «blinde Hass auf Homosexuelle» durch. An der Langstrasse ging der Hauptbeschuldigte in den frühen Morgenstunden auf einen der Homosexuellen los und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Der Verletzte begab sich auf die Badenerstrasse, um ein Auto anzuhalten. Doch dann zogen ihm beide Angreifer die Jacke über den Kopf und traktierten ihn gemeinsam mit Fäusten und Fusstritten gegen Kopf und Oberkörper. Dann gingen die Täter auf das zweite Opfer los. Auch dieses wurde ähnlich verprügelt und erheblich verletzt.

Deutsche Studie
Gewalt gegen Schwule ist alltäglich und nur jedes zehnte Opfer geht zur Polizei. Das zeigt eine Befragung in Deutschland. Ein Drittel der Befragten wurde Opfer von Gewalt, dreimal so viele wie bisher angenommen. Davon seien rund 55 Prozent bereits wegen ihres Schwulseins belästigt, beleidigt, bedrängt oder genötigt worden. Über zwölf Prozent wurden den Angaben zufolge tätlich angegriffen und erlitten Körperverletzungen. An der bislang grössten Umfrage dieser Art in Deutschland hatten rund 24000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet teilgenommen.
«Die Zahlen übertreffen unsere Erwartungen», sagte Bastian Finke, Leiter des schwulen-Anti-Gewalt-Projektes «maneo» in Berlin, das die Studie organisierte. «Wir haben nun das Wissen, dass Gewalt gegen Schwule in grossem Masse in Deutschland vorkommt.»
Noch nie habe er im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Studie erlebt, dass sich Befragte so dankbar äussern, erklärte Bodo Lippl vom Institut für Sozialwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Viele hätten dabei offenkundig endlich ein Ventil gefunden, das Erlittene loszuwerden. Ging man bisher davon aus, dass nur 20 Prozent der Betroffenen den Mut finden, Vorfälle der Polizei zu melden, muss nun von lediglich zwölf Prozent offiziell registrierter Attacken ausgegangen werden. Der Studie zufolge fühlen sich Betroffene von der Polizei oft nicht ernst genommen. «Hier muss die Polizei ein deutliches Zeichen setzen», so Finke.
Gewalt erleben Schwule auch durch Mitschüler, Arbeitskollegen und selbst innerhalb der Familie. Finke sieht die Behörden und die Politik in der Pflicht: «Homophobe Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, und dessen Lösung darf deshalb nicht allein den lesbisch-schwulen Verbänden überlassen bleiben.»

Bitte melden
In der Schweiz werden die Zahlen und gesellschaftlichen Hintergünde nicht anders sein. Das sieht auch Pink Cross so und ruft auf, sich gegen die verschiedenen Formen von Gewalt zur Wehr zu setzen, sie zu melden, massive Gewalt zur Anzeige zu bringen. Um dies den Opfern einfacher zu machen, hat Pink Cross deshalb die Rainbow-Line ins Leben gerufen. Siehe dazu die Pink Cross-Pressemeldung: «Homophobe Gewalt: Reden ist Gold!» Von Martin Ender

 

Homophobe Gewalt: Reden ist Gold!

RainbowLine 0848 80 50 80 ab sofort Meldestelle für homophobe Gewalt
Über Gewalt gegen Schwule gibt es kaum Zahlen. Eine Umfrage in Deutschland zeigt: Nur gerade 12 Prozent der Vorfälle werden zur Anzeige gebracht. In der Schweiz können Übergriffe ab sofort der RainbowLine 0848 80 50 80 gemeldet werden.

Besonders in der warmen Jahreszeit ist Gewalt gegen Schwule ein Thema. Die Schweizerische Schwulenorganisation Pink Cross erhält Meldungen aus der ganzen Schweiz, aber nur vereinzelt. Rückfragen bei den Polizeistellen bestätigen: Anzeigen wegen homophob motivierter Gewalt liegen im Promille-Bereich. Alles, was nicht angezeigt wird, hat offiziell auch nie stattgefunden, und deshalb sehen die Behörden auch keinen Handlungsbedarf. Dabei dürfte die Dunkelziffer sehr hoch sein.
Maneo, das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin hat der Realität 2007 mit einer breiten Umfrage über Internet nachgespürt. Nicht alle gemeldeten Übergriffe betrafen körperliche Gewalt. Es ging auch um Beleidigungen, Drohungen und Nötigungen. Insgesamt blieben 88 Prozent der Vorfälle ohne Anzeige. Je heftiger der Vorfall, desto häufiger war der Gang zur Polizei. Aber selbst in Fällen schwerer Körperverletzung verzichteten 38 Prozent auf eine Anzeige.
Wer nicht wagt, bei der Polizei eine Anzeige zu erstatten, soll die Vorfälle mindestens RainbowLine mitteilen. Die Beraterinnen und Berater können Fachstellen für Gewaltopfer vermitteln, einen Therapeuten suchen oder eine Begleitung für den Gang zur Polizei organisieren.

Bei akuter Gefahr die 117
Die RainbowLine 0848 80 50 80 ist wochentags von 19 Uhr bis 21 Uhr bedient. Für Notrufe ist sie nicht eingerichtet. Bei akuter Gefahr muss ohne Zögern die Polizeinotnummer 117 angerufen werden. Wer sich von den BeamtInnen schlecht behandelt fühlt, soll auch dies weitermelden. Entweder der RainbowLine oder direkt an Pink Cross (031 372 33 00 info@pinkcross.ch). Pink Cross wird dann mit der zuständigen Stelle Kontakt aufnehmen.

RainbowLine ist der Zusammenschluss der Beratungstelefone der HAB, der HABS, der HALU, der HAZ und der Lesbenberatung Zürich. Sie ist eine Fachgruppe von Pink Cross und wird auch von der Lesbenorganisation Schweiz unterstützt. RainbowLine funktioniert nur dank ehrenamtlicher Arbeit, Mitgliederbeiträgen und Spenden.