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Schön und steil
Rosenstolz hat den grossen Erfolg gefunden und sucht weiter
Kult oder Kitsch? Das elfte Rosen-stolz-Album lässt keinen Platz für Vorurteile. Leben, Liebe, Tod, alles grösser als jedes Klischee. Der Cruiser hat Peter Plate und AnNa R. getroffen zum Gespräch über den Erfolg, die Entstehung der neuen Platte, schwule Fans und die Suche, die nie aufhört.
Rosenstolz! Viele lieben sie und fangen, fällt der Name, sofort an, ganze Herzschmerz-Liedtexte vorzutragen. Andere runzeln die Stirn. Rosenstolz? Machen die nicht Schlager? Kitschig, schnulzig, schwul. Wieder andere sagen erst mal nichts, dann, eine Stunde und zwei Gläser später, kommt aus der Ecke plötzlich ein Seufzen. «Also zu diesem Lied hab ich eine ganz persönliche Geschichte.» Die einzige Reaktion, die es kaum noch gibt, ist keine Reaktion. An Rosenstolz kommt keiner vorbei.
Interviewtermin: Perfekt organisiert, ein renommiertes Luxushotel, ein straffes Programm. AnNa R., ambitionierte Schreibweise, in Schwarz, tief dekolletiert und Peter Plate, der nette hübsche Junge, strahlend. Alles ist anders, sobald sich die Tür zum Konferenzraum schliesst. «Möchtest du etwas trinken?», fragt Anna und lächelt. Von Stargehabe keine Spur, niemand schaut auf die Uhr, die Stimmung ist unverkrampft. Nur der volle Aschenbecher macht deutlich, dass bereits ein halber Tag PR-Schwerarbeit hinter den beiden liegt.
Hat die steil steigende Karrierekurve die Aufnahmen erschwert, den Druck erhöht? «Nein», sagt Anna, «es war das Gleiche wie immer. Zudem hat die Thematik der Platte ausgeschlossen, dass man da auf Erfolg oder Druck Rücksicht nimmt. Vordergründig geht es um den Tod. Ein Tabu-Thema, normalerweise findet der Tod in der Popmusik nicht statt.» Als Rosenstolz 2006 gerade mit Auszeichnungen überhäuft wurde, starb überraschend Elke, die Mutter von Peters Lebens- und Kreativpartner Ulf. Sie hatte die Band seit Beginn begleitet und unterstützt. Erst nach den vielen Konzerten blieb Zeit, den schmerzlichen Verlust zu verarbeiten. In Paris schrieb Ulf den Text zu «An einem Morgen im April». Das traurige Abschiedslied ist zum Herzstück des neuen Albums geworden.
Innig und abgrundtief
Nicht nur musikalisch sind Peter und Anna ein eingespieltes Team. Sie widersprechen sich nie, reden nie gleichzeitig, ausser sie beenden einen Satz synchron. Rosenstolz ist allerdings vielmehr Dreiergespann als Zweierteam: Ulf Leo Sommer lässt sich als Produzent, Komponist und Texter nicht wegdenken. In der Planungsphase einer CD zieht er sich mit Peter zurück, um am neuen Material zu basteln. «Wir schreiben immer für Anna, Rosenstolz ist ein Dreierding. Bricht einer weg, funktioniert’s nicht», so Peter.
Auf «Herz» und «Das grosse Leben» folgt «Die Suche geht weiter», ein reifes und mutiges Album, eine CD zum Durchhören, ein schlüssiges Ganzes. Hits, die einen sofort anspringen, gibt es darauf nur wenige. Das altbewährte Strickmuster jedoch ist nicht verloren gegangen: Piano-Akkorde als Intro, dann Annas klare Stimme, anfangs zerbrechlich, sich allmählich steigernd, wenn das Schlagzeug einsetzt. Streicher dazu, der Refrain zum Schluss dreimal mit Nachdruck und Ausrufezeichen wiederholt. Rosenstolz eben. Anleihen an 80er-NDW und Chansons sind unüberhörbar. Auch die Texte unverwechselbar Rosenstolz, immer wieder Regen-Eis-Sonne-Metaphern hart an der Kitschgrenze. Schlager ist das nicht, es ist Pop mit deutschen Texten, ohne Formexperimente, ohne Zwang, jeden Trend mitzumachen und cool zu sein. Kitsch ist es auch nicht, die Lieder sind melancholisch und sentimental, aber keine leeren Hüllen, die nur reproduzieren. Die Gefühle sind immer innig und abgrundtief, meistens überdosiert, aber sie sind erlebt, echt, persönlich. Geschmacksgratwanderungen zwar, dick aufgetragen, dafür gibt Rosenstolz nie vor, etwas anderes zu sein als eben sich selbst, das Innere nach aussen gekehrt.
Wenn Anna an einer Stelle singt: «Ich sing mein Lied nur für mich», spürt man das besonders gut. Gibt es auch Lieder, die nicht veröffentlicht werden, weil sie allzu persönlich sind? «Nein, nur das Gegenteil, dass wir denken, uns in einem Text um etwas rumgedrückt zu haben.» Diese Intimität, entblössend ohne Exhibitionismus, hebt Rosenstolz-Lieder weit über den Deutschpop-Durchschnitt. Die Textzeile geht weiter mit: «und für alle, die mit mir am Abgrund stehn und mit mir von dort nach unten sehn». Immer wieder gibt es Fans, die dankende E-Mails schreiben. Das eine Lied sei doch bestimmt genau für sie geschrieben worden. «Das ist das schönste Kompliment überhaupt», freut sich Peter. Die Unmittelbarkeit grosser Gefühle hat den Erfolgsrummel überstanden, ohne Schaden zu nehmen, der Balanceakt zwischen Massentauglichkeit und Individualität gelingt wie von selbst. Symptomatisch dafür das neue Coverfoto: Einerseits künstlich, retuschiert, übertrieben, gleichzeitig auch nackt, an elementare Momente des Lebens erinnernd.
Schwul und normal
Rosenstolz ist langsam gewachsen, der Erfolg kam nicht sofort, und deshalb sind sie nun auch dem Erfolg gewachsen. Dass der Weg von der Subkultur zum Mainstream von kritischen Stimmen begleitet wird, ist unvermeidlich. 1991 lernten sich Anna und Peter kennen, nahmen zu Hause eine erste Kassette auf. Es folgten kleine Konzerte, manche davon legendär misslungen, oftmals waren einige Freunde die einzigen Zuschauer. Heute sind die subversiv-frechen Songs der Anfangszeit Kult. Schräger und frecher war Rosenstolz damals, besang Nymphomanen und Schlampenfieber. Die Fans der ersten Stunde fanden Anna und Peter in Schwulenclubs. Homosexualität blieb immer ein Thema, ist heute aber eher in den Hintergrund getreten. Hat das mit dem Erfolg der Band zu tun, mit einer persönlichen Entwicklung oder einer gesellschaftlichen? «Ich glaube, es ist etwas leicht Positives passiert in der Gesellschaft in den letzten 16 Jahren. Vorher konnten sich Schwule und Lesben in Deutschland nicht verpartnern. Es reicht noch nicht, es sind noch immer nicht die gleichen Rechte für alle, aber immerhin. Inzwischen haben wir offen schwule Bürgermeister in Berlin und Hamburg, das ist sicher ein Zeichen von Normalisierung. Nichtsdestotrotz ist aber noch viel zu tun und wir werden nicht nachlassen, darauf hinzuweisen.» Kein Ausblenden von Politischem also, das man hier vorwerfen könnte, eher eine Normalisierung, die sich Peter seit langem wünscht. «Zu Beginn war das schon anstrengend, als jeder Journalist gesagt hat: Die Anna kommt aus dem Osten und du bist schwul, jetzt sagt mal was darüber. Wir selbst fanden beides nicht wirklich erwähnenswert. Das ist ja nichts Besonderes, weder das eine noch das andere.» Peter als Vorbild für junge Schwule? «Ich habe generell Schwierigkeiten mit dem Wort Vorbild. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden. Wenn Rosenstolz jemandem beim Coming-out hilft, finde ich das rührend, aber ein Vorbild kann ich nicht sein, dazu bin ich zu unfertig.»
Heute ist die Gay-Community auch Zielgruppe, eine Agentur für «schwul-lesbische Promotion» erledigt die PR, organisiert Rosenstolz-Parties und verteilt am CSD Aufkleber. Der neue Hit «Gib mir Sonne» hat am Berliner CSD Premiere gefeiert, auf dem Rosenstolz-Wagen, den die treuen schwulen Fans jedes Jahr zum Rollen bringen. Beleg dafür, dass Kommerz zwar stattfindet, für Rosenstolz aber Begleiterscheinung bleibt. Die Wurzeln sind nicht vergessen, im Zentrum steht sowieso ihre Musik. Musik über das Leben, das gross ist und zerbrechlich. Der Tod schleicht als Leitmotiv durch die neuen Lieder, doch es fehlt nicht an Optimismus. «Manchmal muss das Leben wehtun», heisst es in einem Song, und später: «Feier das Leben, feier das Glück». Es geht um blaue Flecken und die Angst, sie zu verlieren, aber immer auch um die Suche, das Weitergehen. Für Anna und Peter geht’s weiter mit einer Tour. Rosenstolz-Konzerte sind auch in grossen Hallen wie Familientreffen. Keine ausgetüftelten Choreographien und Show-Effekte, auch da steht das Authentische über dem Perfekten. Sind Konzerte in der Schweiz anders als in Deutschland? «Nein», antwortet Anna rasch, «regionale Unterschiede spüren wir nicht mehr.» Und wohin geht die persönliche Reise, was bedeutet «Die Suche geht weiter» für Rosenstolz privat? Peter: «Solange ich am Morgen aufwache und mich auf den Tag freue, ist das Leben ja in Ordnung. Angst hätte ich vor dem Angekommensein, keine Fragen mehr zu stellen, keine Wünsche mehr zu haben.» Eine lange Pause, ein nachdenklicher Blick, dann Anna knapp: «Genau.» Sie lacht erfrischend und zündet sich eine Zigarette an.
Telenovela und Schubladen
Raus aus dem Hotel, rein ins grosse Leben. Ziemlich befremdend leuchten die fünf Sterne über dem Eingang. Die Zigarette danach, die Schlampen sind müde, ich komm an dir nicht weiter, Liebe ist alles (auch im Regen). Die schleichende Erkenntnis, dass das Leben ein Rosenstolz-Text ist, oder umgekehrt. Rosenstolz ist ich, ist wir – bis zum jähen Bruch, wenn man den Fernseher einschaltet und einem «Gib mir Sonne» als Titelmelodie einer Telenovela entgegenschwappt. Doch alles nur Kommerz? Passt schon, die Geschichte von Rosenstolz wäre perfekter TV-Stoff: Peter ist schwul, wird während der Schulzeit regelmässig verprügelt und in eine Mülltonne gesteckt. Er klimpert auf dem Akkordeon, tritt im Trachtenanzug mit den Harzer Heimatsängern auf, kommt nach Berlin, arbeitet in einem Coiffeursalon als Shamponierer, lernt erst zufällig seine grosse Liebe Ulf kennen, dann Anna, schon immer singende Chemielaborantin, die den Durchbruch bisher konsequent verpasst hat.
Heute spielt Rosenstolz in der obersten deutschen Musik-liga. Anna erzählt die Geschichte nicht wie eine Telenovela: «Wir haben uns gesehen und gesagt, wie wir heissen und was wir machen und das war’s. Seither haben wir das Ganze nie in Frage gestellt.» Könnte man nicht über jedes Leben eine Telenovela schreiben, weil das Leben selbst unerträglich kitschig sein kann? Glücklicherweise gibt es bei Rosenstolz kein vorfabriziertes Happy End, das grosse Leben ist grösser als jedes Konzept. Im ruhigen Titelsong des jüngsten Albums klingt Annas Stimme ganz nah. Sie singt: «Wenn wir kurz halten, dann nur um zu sehen, dass der Weg, den wir gehen, schön und doch steil ist, ein Stück nur vom Teil ist.» Schön und steil, das ist Rosenstolz, das ist das Leben. Weil oder obwohl sie so erfolgreich sind, ganz egal: Es lohnt sich, die CD ohne Vorurteile und Schubladisierungen zu hören. Mag man’s nicht, sucht man weiter im Plattenregal, mag man’s, freut man sich auf das Konzert am 14. Januar im Hallenstadion, Tauschbörse von Taschentüchern und Handynummern. Nein, mögen bleibt für Rosenstolz zu vage: Man kann sie hassen, man muss sie lieben, abgrundtief und innig.
Von René Gerber |