Michi Rüegg: «Ab 18 Jahren»
Ist sein erstes Buch mit den polysexuellen Weisheiten auch schon sein letztes?

Das «Parterre» in Zürich Wiedikon war voll. Zur Buchvernissage kamen viele Freunde, die Familie und Prominenz. Der Titel «Ab 18 Jahren» zeigt also, wie erhofft, anziehende Wirkung, stellte Michi Rüegg in der Einführung zu seiner Lesung fest.

«Ab 18 Jahren – Kolumnen, polysexuelle Weisheiten und zehn Jahre Langeweile in Textform» ist der ganze Titel des soeben erschienenen Buches von Michi Rüegg. Ein Teil der Kolumnen inklusive polysexuelle Weisheiten sind in den vergangenen Jahren im Cruiser erschienen. Die «zehn Jahre Langeweile» beziehen sich wohl auf seine Zeit des Werbetextens, die begleitet war mit Stückeschreiben und Regieführen fürs Theater.

Der Werber
Hat er diese Zeit hinter sich gelassen? Keine Werbung mehr? Obwohl er in renommierten Agenturen für namhafte Kunden gearbeitet hat und über 30 nationale und internationale Auszeichnungen einheimsen konnte. Kein Zurück?
«Ich halte es nicht mehr aus.» meint Rüegg, und weiter: «Ich hatte nicht die obligate schwarze Garderobe (schmunzelnd). Auch habe ich mich nicht als Werber gefühlt. Der grosse Karriereschritt hat sich nicht abgezeichnet. Zudem bin ich kein Kompromissmensch, das muss man in der Werbung sein. Ich hatte einfach keinen Nerv mehr, vorwiegend für den Papierkorb zu arbeiten.»

Der Theatermann
Die Theaterzeit, nimmt er die wieder auf? Ist das eine Pause? «Pause?... Nein, ich hab einfach unterdessen was anderes gemacht.» Dass er sich mit Theater beschäftigte, kam eher zufällig. Bei einem Laientheater war er für eine kleine Rolle verpflichtet. Der Regisseur warf das Handtuch. Rüegg übernahm den Job. «Ich hab die Regie gemacht und die Leute haben es toll gefunden.» Und zum Stückeschreiben kam er so: «Während der Aufführungen war mir wieder mal so langweilig, dass ich angefangen habe ein Stück zu schreiben...». Nun hatte Rüegg ein Theaterstück, aber keine Bühne, die es spielen wollte. Es war eine Pornokomödie mit dem Titel «Harte Zeiten». Was tun? Selber ein Theater gründen und Schauspieler suchen, die so was gerne spielen. Unter dem Namen Dr.-Karl-Landsteiner-Jubiläums-Theater wurden die von Rüegg verfassten Stücke «Harte Zeiten», später «Hummer flambiert» und «Homoscheidung» von ihm inszeniert und kamen zur Aufführung. Ob er wieder zum Theater zurückfindet? Er weiss es nicht. Nur eines ist er sich sicher: «Ich hasse es, zweimal das Gleiche zu machen.» Nun hat er ein Buch geschrieben. Kommt also kein zweites danach? Rüegg sinniert: «Ja eben, wer weiss. Das ist ein Problem.» Vorerst kommuniziert er mal weiter für die Zürcher Justizdirektion.

Das Buch
Michi Rüegg nimmt beim Schreiben Worte in den Mund, die nicht alle Leser verkraften. (Homo)sexuelle Praktiken werden nicht angetönt, nicht umschrieben, sondern beschrieben. Darum hat er denn auch gleich ganz vorne im Buch, wie er sagt, einen «Filter» eingebaut mit der Widmung: «Für alle, die ich mal geliebt oder nur gevögelt habe. Und für meine Eltern, die das alles lieber nicht lesen möchten.»
Die Frage, ob er denn selber so schamlos hemmungslos sei, verneint er vehement:
«Nein, wirklich nein, ich bin nur weder im Bett prüde noch ausserhalb. Ich bin nicht sexueller als andere. Ich schreib einfach darüber. Das ist doch das Leben, zwar meist hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen. Aber es ist so real wie alles andere.» Über diese «Realität» hat Michi Rüegg schon vor «Sex and the City» geschrieben. Nun fällt es ihm aber leichter, noch mehr darüber zu reden und schreiben, weil das in der Gesellschaft unterdessen akzeptiert wird, dass man «Orgasmus» und anderes in den Mund nimmt.
Doch es gibt in dem Buch noch andere, sexfreie Geschichten. Zum Beispiel die mit den «fünf Menschenleben, die ich mittlerweile teilweise auf dem Gewissen habe». Eine teilweise Erklärung, warum Rüegg sich von der Werbung verabschiedet hat. Oder die äusserst verzwickte Geschichte «Marcos Odyssee». Sie führt den Leser durch ein Labyrinth von Geschehnissen, aus dem er wohl erst beim zweiten Durchlesen herausfindet und mit Marcos Nervenzusammenbruch aufatmen kann. In der Mitte des Buches gibt’s ein Interview mit Gott und zum Schluss folgt «Mein letzter Wille»: «Die Asche soll drei Kilometer von Nizza entfernt ins offene Mittelmeer gestreut werden.» Die Zeremonie darf nur bei schönem Wetter abgehalten werden. Darum sind  «die Trauergäste angewiesen, bis zu diesem Schönwettertag vor Ort zu bleiben. Im Notfall werden Spielkarten und Kondome verteilt.»

Gemischtes Publikum
Viele Geschichten im Buch handeln in der Welt der Schwulen. Dennoch war das Publikum an der Lesung gut durchmischt. Und Rüegg wundert sich, wie viele heterosexuelle Frauen sein Buch lesen. Seinen Arbeitgeber, den Zürcher Regierungsrat Markus Notter, hatte Rüegg rechtzeitig über die Pläne, dieses Buch herauszugeben, informiert. «Das war für mich noch ein springender Punkt. Wenn er gesagt hätte, das kannst du nicht machen, dieses Buch herausgeben, dann hätte ich’s vielleicht sein lassen. Er war schon skeptisch, aber manchmal muss man die Leute etwas zum Glück zwingen.» An der Vernissage sah Notter jedoch alles andere als «verzwängt» aus. Auch bei den von Rüegg vorgetragenen schwulen Geschichten schmunzelte er des Öftern und lachte auch mal herzhaft.
Der Cruiser wollte danach vom Justizdirektor Notter wissen, wie er denn mit so einem Menschen zurechtkomme, der so quere Gedankengänge hat und dermassen Phantasien entwickle, ob dieser Mann als direkter Mitarbeiter da am richtigen Posten sei. Seine Antwort: «Das ist nicht der Punkt. Der Mann kann sehr gut schreiben. Und genau das brauche ich.»
Zum Schluss die persönliche Frage an Michi Rüegg:  «Hast du dir schon Gedanken gemacht, dass es vielleicht Grenzen gibt, bei deren Überschreitung der Cruiser deine Kolumne nicht mehr abdrucken würde?» Antwort: «Ich versuch’s jedes Mal, hab’s aber noch nie geschafft.»

Von Martin Ender