 |
Habemus Alecs!
Der Zürcher Gemeinde-rat Alecs Recher (32) lebte bis vor ein paar Wochen als Frau
«Ich werde von nun an als Mann durchs Leben gehen». Am 3. September war das geschäftige Zürcher Stadtparlament für einmal ganz Ohr: Die vormalige Gemeinderätin Anja Recher ergriff das Wort und nahm direkt und prägnant Stellung zu ihrer Geschlechtsangleichung. Als Alecs Recher wird er sich weiterhin für linke und schwullesbische Anliegen engagieren.
Eine beeindruckende Vita
Der Zürcher Gemeinderat Alecs Recher ist seit langem eine bekannte Figur in Zürichs lesbischschwuler Szene. Bis vor ein paar Wochen lebte er als Frau. Gesprächstermin mit Alecs Recher im Zürcher Rathaus. Mit grossen, zackigen Schritten tritt Alecs Recher aus der Tür des Parlamentssaals. Hier hat er sich vor rund einem Monat als erster transsexueller Mann der Schweiz öffentlich geoutet. Bestimmt, überlegt, souverän. Dieselbe Präsenz und Verve hatte schon die Frau, die Alecs Recher einst war. Rechers Lebenslauf dokumentiert sein vielfältiges und konsequentes Engagement: So hat er schon internationale Velokurierrennen oder den Christopher Street Day organisiert, war Pressesprecher der Mister- und Miss-Gay-Wahlen und liess sich zum Behindertensportleiter ausbilden. Neben seiner politischen Tätigkeit und der Geschäftsführung der Demokratischen Juristinnen und Juristen Sektion Zürich absolviert der ausgebildete Heilpädagoge gerade ein Zweitstudium in Rechtswissenschaften an der Uni Zürich. Dass er bei dieser ausgefüllten Agenda in den letzten zwei Jahren kaum in die Ferien verreist ist, erstaunt nicht.
Die entscheidende Begegnung
Der Gemeinderat, der seit 2004 für die Alternative Liste im Zürcher Gemeinderat sitzt, wusste schon als Kind, dass er als Mann tickt. Anvertraut habe er sich aber niemandem, er sei wohl schon damals zu pragmatisch gewesen. «Ich wusste zwar, dass eine Geschlechtsangleichung möglich wäre und dass man dafür zum Arzt gehen müsste. Aber auch, dass das nicht so einfach gehen würde.» Also schwieg Alecs fortan und verdrängte diesen Wunsch. Obwohl Recher sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzte und sich in der Drag- und schwullesbischen Szene engagierte, war ein Leben als Mann lange Zeit kein Thema mehr. Zwar stylte er sich mit Kurzhaarschnitt und weiten Hosen männlich, in der schwullesbischen Szene fiel Recher mit seinem burschikosen Auftreten damit jedoch nicht aus dem Rahmen. Erst die Begegnung mit einem transsexuellen Freund, den er aus den Augen verloren hatte, führte vor einem Jahr zum Entscheid, dass auch er eine Geschlechtsangleichung machen wollte. Seit zwei Monaten nimmt Alecs Recher das männliche Hormon Testosteron ein. Seine Stimme wird tiefer werden, körperliche Veränderungen wie Umverteilung des Fettgewebes werden sich einstellen. Lakonisch erwähnt Recher die drei Barthaare, die bereits gewachsen seien.
Ansonsten alles beim Alten
Abgesehen von körperlichen Veränderungen werde sich allerdings nichts verändern, stellte der linke Politiker gleich im Ratsaal klar: «Ich als Person und meine Politik werden gleich bleiben wie bisher. Da müssen sie sich keine Sorgen machen – aber auch keine Hoffnungen.» Sicherlich sei es denkbar, so Recher, dass er die Stimmen jener Wähler verlieren könnte, die sich lieber von einer Frau als von einem Mann im Parlament vertreten wissen wollen. Andererseits gäbe es aber sicherlich auch Wähler, die ihn nach seinem öffentlichen Coming-out als ehrliche Person mit starker Persönlichkeit wahrnehmen und gerade deshalb wieder wählen würden. An der Kleinpartei Alternative Liste schätzt Recher die hierarchielose Struktur und die Tatsache, dass das Gegenteil einer Stellvertreter-Politik möglich sei: Als transsexueller Mensch politisiere er nicht grundsätzlich anders, aber vielleicht mit mehr Sensibilität und dem Wissen darum, wie es ist, zu einer Minderheit zu gehören. Die Berichterstattung über sein Outing hat Alecs Recher von einem Negativbeispiel abgesehen als sehr positiv wahrgenommen: «Ich bin erstaunt, wie respektvoll die Medien mit meiner Situation umgegangen sind und wie vielfältig in thematischer Hinsicht berichtet worden ist.» Ins Rollen gebracht hatte die zahlreichen Presseberichte ein Artikel in der WOZ, in dem Alecs Recher zum ersten Mal zu seiner Transsexualität Stellung genommen hatte. Es sei ihm bewusst, dass eine Geschlechtsangleichung kein Sonntagsspaziergang sei, doch überwiege im Moment die Freude, diese Entscheidung getroffen zu haben. Diese Freude brachte Recher auch am Rednerpult im Rathaus zum Ausdruck: «Für mich hört es sich stimmig an und ich freue mich, wenn sie mich von nun an mit Herr Recher bzw. Alecs ansprechen.»
Das machen wir gerne. |