American Dreams
Ursli Pfister singt Randy Newman

In seiner neuen Show «American Dreams» mit Songs von Randy Newman erzählt Ursli Pfister auch seine wahre Geschichte aus den USA, wie er nach der ersten Woche auf der High School von der gesamten Footballmannschaft verprügelt wurde. Schwul sein war damals das Allerletzte.

Christoph Marti – besser bekannt als Ursli Pfister und künstlerischer Leiter der Geschwister Pfister – nimmt sich in seinem neuen Solo-Programm der Musik des amerikanischen Songwriters Randy Newman an. Mit den ironischen und scharfzüngigen Liedtexten gewährt er immer wieder überraschende Einsichten bezüglich Amerika. Verbunden werden die Songs durch die Moderationen des Sängers und Entertainers Ursli Pfister, der uns auf sehr persönliche Art teilhaben lässt an seinen Erfahrungen mit den USA, etwa die als schwuler Austauschschüler in einer texanische Kleinstadt in den 80er Jahren. Begleitet wird er dabei von Johannes Roloff & Band sowie von drei Back-up-Girls, die quasi als Rachegöttinnen des Showbusiness den Kontrapunkt zu den oft melancholischen Melodien und sarkastischen Texten Randy Newmans setzen. Cruiser sprach mit Ursli Pfister:

Cruiser: Ursli Pfister, warum kommst du alleine – mit einem Solo-Programm?
Ursli Pfister: Es ist ja nicht wirklich ein Solo-Programm. Ich reise mit Johannes Roloff und seiner Band sowie drei Back-up-Sängerinnen – drei echt scharfe Torten! Nur ist das Programm eben keine Pfister-Show. Jeder von uns macht nebenher sein eigenes Ding, das ist wichtig und gesund. Je mehr wir getrennt sind voneinander, umso grösser wird die Lust, wieder gemeinsame Sache zu machen. Das Schönste am Fremdgehen ist schliesslich das nach Hause Kommen, die Wiedervereinigung.

Und warum gerade Randy Newman?
Er ist Mr. Cool. Ich höre seine Musik schon seit zwanzig Jahren. Meine Tante, eine alte 68erin und ziemlich fit im Kopf, hatte seine LPs bei sich zu Hause, die habe ich rauf und runter gehört und war auf Anhieb begeistert. Damals hätte ich mir allerdings kaum vorstellen können, eines Tages ein Programm mit seinen Liedern zu machen. Zu anspruchsvoll seine Texte, zu scharfsinnig und zu intellektuell. Das hat sich erst mit den Jahren so entwickelt. Johannes Roloff und ich überlegten, was wir als Nächstes machen wollten – keiner hatte Lust auf noch einen Chansonetten-Abend mit verruchten Liedern, wir wollten was ganz anderes machen. Da kam mir Randy Newman wieder in den Sinn. Das hat vor allem mit seinen Texten zu tun, in denen er sich fast ausschliesslich mit den USA beschäftigt. Vor 20 Jahren war das alles noch viel weiter weg. Heute würde ich sagen, das sind wir, das ist die westliche Welt. Die meisten Lieder, die wir ausgesucht haben, sind mehr als 30 Jahre alt, man glaubt es kaum. Sie passen aber genau in unsere heutige Zeit. Das ist mir fast ein wenig unheimlich.

Du warst in den 80ern selbst als Austausch-Schüler in einer texanischen Kleinstadt. Wie war das?
Ich hatte das Gefühl, als ob ich irgendwie zurück in den 50er Jahren auf dem Mars gelandet sei. Der Vater meiner Gastfamilie arbeitete in einer Ölfirma, die Mutter unterrichtete an der Universität Englisch für ausländische Studenten. Sie waren beide ausgesprochen charmant, witzig, warmherzig und kultiviert. Sie sah aus wie eine Mischung aus Julie Andrews und Nancy Reagan – 1981 war das eine absolute Topmischung – und er hatte einen Kopf wie Kermit, der Frosch. Alles war auf einen Schlag komplett anders, ich musste mich von Grund auf neu orientieren. Da gab es tausend kleine Einzelheiten, ungeschriebene Gesetze, die einem niemand gesagt hat, die aber enorm wichtig waren – damals zumindest, auf der High School. Oh Mann! Jungs haben sich zum Beispiel die Haare geföhnt, Mittelscheitel, Haarspray, das ganze Programm, da war überhaupt nichts dabei.

War da wirklich nichts?
Na ja, heimlich hatte ich Sex: mit Creighton Bailey nachts nach einem Mitternachtsfilm zu hinterst im Garten bei uns auf dem Trampolin, mit Mark Adcock in einem Motelzimmer in El Paso – Mark Adcock, dessen Vater Priester war, und der ungefähr zehn Sekunden nach dem Sex zu mir gesagt hat: «Christoph, I want you to know that I did not enjoy that». Mit Freaky D. hinter einem Müllcontainer auf einer Party, mit Mike Bowlan nachts in seinem Auto, direkt vor unserem Haus, mit jemandem, den ich gar nicht kannte, nach einem Mitternachtsfilm auf dem Parkplatz. Vor allem aber, das ganze Jahr hindurch, heimlichst und absolut unerlaubt mit Kermit, dem Frosch. Heute weiss ich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr, wie ich das damals alles einfach so unter einen Hut bekommen habe.

Mit Auszeichnungen überhäuft bist du nach Europa zurückgekehrt. Wie hast du diese alle erobert? Du warst ja schliesslich noch ziemlich jung.
(lacht) Ich hab in der Theaterabteilung der High School meine besten Freunde kennengelernt – die haben mir fast ein wenig das Leben gerettet. Wir sind in ganz Texas zu Theaterwettkämpfen gefahren, haben die Glassmenagerie von Tennessee Williams aufgeführt und ich habe mit Brecht-Gedichten, Szenen aus Dürrenmatts Besuch der alten Dame oder Ibsen abgeräumt. Das war eine grossartige Zeit. Die Juroren waren meistens total auf meinen Akzent abgefahren. Ich konnte anfangs kaum Englisch und hab von den Texten, die ich vorgetragen habe, oft nur die Hälfte verstanden. Aber ich war in sehr guten Händen. Meine Lehrerin von damals lebt heute in Nicaragua und unterrichtet dort an einem amerikanischen College, mein Freund und ich haben sie oft besucht, sie selber kam schon zweimal zu uns nach Berlin. Wir bleiben trotz der enormen Distanz eng befreundet.

In deiner Show tauchen drei Girls auf – sie könnten einem amerikanischen Film der 60er entstiegen sein. Warum das?
Das war so gar nicht beabsichtigt. Die Frauen kommen am Ende des ersten Teils aus der Erde gekrochen, sie sind die Erinnyen, die mich zur Rechenschaft ziehen wollen für all den Mist, den ich in meinem Leben gebaut habe. Sie tragen eine Art sexistische Kampfuniform. Sie sind vollkommen ohne Angst und schämen sich nicht. Dann treten sie auch als Kellnerinnen auf und sind quasi als dienende Elemente getarnt. Ich trage eine UPS Uniform, wir sind arbeitendes, amerikanisches Volk. Erst zum Schluss verwandeln sie sich in die schillernden Göttinnen, die sie eigentlich sind. Dazu haben wir uns von den Dreamgirls inspirieren lassen, wahrscheinlich kommt da die Assoziation zu den 60ern her.

In München hast du die Zaza in La Cage aux Folles gespielt. Wann kommt Ihr wieder als Geschwister Pfister?
Das nächste Programm der Geschwister Pfister hat am 11. April 2009 in Zürich Premiere, im Theater am Hechtplatz. Erst danach geht es nach Berlin, wo es Mitte Mai Deutschlandpremiere haben wird. Es heisst «The Clinic» und wird eine klassische Pfister-Show. Der Trend geht ja zur geschlossenen Anstalt und die Pfisters haben vor einem Jahr ihre eigene Sucht-Klinik gegründet. Nun rennen uns die Promis die Bude ein. Wir stecken schon mitten in der Arbeit. Ich kann sagen, es wird todchic und sehr, sehr, sehr glamourös! Der Wahnsinn liegt natürlich draussen in der wirklichen Welt – also beim Publikum. Ziel ist, dass sich am Ende der Show alle Zuschauer einliefern lassen wollen, das wird bestimmt lustig.

Bei deinen Stories weiss man ja nie so genau, ob das Fiction oder Reality ist – ob Kunstbio von Ursli Pfister oder die echte von Christoph Marti. Klärst du uns auf?
Nein, das tue ich nicht. Ich habe eine Weile gedacht, ich müsste das tun. Inzwischen mute ich Euch zu, dass ich die Dinge offen lasse. Es ist besser so. Wichtig ist nur, dass ich selber Bescheid weiss, und dass ich immer ganz strikt trenne zwischen Beruf und Privat.


     von Kurt Büchler