Boyzone
Die Comeback-Tour läuft gemäss Stephen Gately «dramatisch gut»

Nach dem phänomenalen Erfolg der re-formierten Boyband Take That versuchen auch Boyzone ihr Glück zehn Jahre später ein zweites Mal. Und diesmal muss sich Stephen Gately nicht mehr in Acht nehmen.

Boybands galten als kurzlebiges Phänomen. Sobald sie und ihre Fans reifer geworden seien, würden sie von der Bildfläche verschwinden wie einst die Bay City Rollers. So die Erwartungen. Jetzt ist alles anders gekommen. Das Comeback-Album von Take That entpuppte sich selbst ohne Robbie Williams als ihr grösster Erfolg. Nun haben sich auch ihre damaligen Nachfolger Boyzone wieder zusammengetan. Die 250000 Tickets für die Comeback-Tour verkauften sich gemäss Stephen Gately «dramatisch gut». Zudem hat die beschwingte Comeback-Single «I Love You Anyway» die britischen Top 5 geknackt, genauso wie eine neue «Best of»-Sammlung.

Eine neue Glaubwürdigkeit
Einst hatte es geheissen, Boyzone-Boy Shane Lynch würde Lead-Stimme Ronan Keating umbringen, sollte er ihm je wieder über den Weg laufen: Keating hatte sich eine temporäre Auszeit genommen, um eine Solo-Karriere zu starten. Diese gefiel ihm dann so gut, dass er nicht wieder zurückkehrte, und damit das Erfolgsquintett platzen liess. «Die Geschichten waren übertrieben», erklärt Gately dazu diplomatisch. «Wir wollten alle einen Break. Und dann wurde es halt ein Break-up.» Über die Jahre hinweg sei man nur locker in Kontakt geblieben. «Vor zwei, drei Jahren hatten wir erste Meetings. Dann gingen einige von uns an die Take That-Konzerte und berichteten, wie toll diese angekommen seien. Das gab uns Mut...» Mut brauchte es. Nicht alle solchen Comebacks haben sich nämlich als Hits entpuppt. Spice Girls und All Saints: kapitale Flops. Der Unterschied zwischen dem Erfolg der Boys und dem Misserfolg der Girls liegt wohl darin, dass die Girls einen allzu kleinen Sprung vorwärts gewagt haben: Ihr Image hatte einst als halb glaubwürdig gegolten – jetzt galt es immer noch als halb glaubwürdig. Die Boys andererseits hatte, ausser Teenie-Girls und gewisse Schwulenkreise, damals niemand ernst genommen. Jetzt sind sie erwachsene Männer geworden, die für sich selber reden können – und damit sind ihre Lieder plötzlich auch anderswo akzeptabel geworden. Für niemand ist der Unterschied grösser als für Stephen Gately.

Coming-out
Das Coming-out ist in den seltensten Fällen eine einfache Sache. Umso weniger, wenn man das Jahr 1999 schreibt und man gleichzeitig Mitglied der populärsten Boyband ist. Stephen Gately war nebst dem blauäugigen, blonden Saubermann Ronan Keating wohl wegen seiner kompakten Putzigkeit das am heftigsten umschwärmte Mitglied von Boyzone. Damals, im Frühling 1999, sassen Boyzone zuoberst im Pop-Olymp. Die fünf jungen Iren waren von Manager Louis Walsh zusammengefügt worden, um vom lukrativen Boyband-Boom zu profitieren, den Take That zwei Jahre vorher mit ihrer Debut-Single «Promises» angerissen hatten. In klassischer Manufaktur-Manier war Boyzone ein Mosaik aus fünf unterschiedlichen Steinen. Keating war der harmlose Blondschopf, den jede Mutter gern als Schwiegersohn geherzt hätte. Gately war der schnuckelige Winzling mit Schalk. Dazu kamen ein kumpelhafter Buchhalter, ein besorgter Familienvater und ein wahnwitziger Extremsportler. Vier Jahre gehörte Boyzone zu den erfolgreichsten Produkten der britischen Popszene. Dann Stephen Gatelys «Outing». Es geschah nicht freiwillig: Ein Mitglied der Roadcrew hatte gedroht, mit der Story zur Boulevardpresse zu gehen. Da ging Gately zum Gegenangriff über. Der Mut ist ihm hoch anzurechnen.

Reaktion der Presse
Für die Boulevardpresse war das Wort «gay» damals noch ein Synonym für «freak». Gately ging zu eben dieser Boulevardpresse und sagte: «I’m gay.» Gleichzeitig stellte er seinen Lover vor, Eloy de Jong, Mitglied einer holländischen Boyband. Und siehe da – so arschcool vor dieses Faktum gestellt, reagierten die Blätter, als hätten sie schwul schon immer toll gefunden. Dem Revolverblatt The Sun war es eine durchwegs positiv formulierte, fünfseitige Cover-Story wert («Boyzone Stephen: I’m gay and I’m in love»), alle anderen britischen Zeitungen zogen im grossen Stil nach. Selbst die New York Post liess für die Meldung die Titelseite springen. Und siehe da, die Erde hörte nicht auf, sich zu drehen.

Sorge um die Fans
«Das Coming-out ist das Beste, was ich in meinem Leben je gemacht habe», sagt Gately heute. «Meine Familie wusste es schon immer, die Band auch. Aber ich machte mir schwere Sorgen, wie das bei den Fans ankäme und was die Konsequenzen für die anderen Boys in der Band sein würden.» Diese Konsequenzen waren in der Tat nicht abzusehen – noch nie hatte sich ein Teenie-Star dieser Middle-of-the-Road-Art am Höhepunkt seiner Karriere geoutet. «Aber die Fans waren phänomenal. Sie haben mich unglaublich unterstützt. Das hat mich riesig überrascht. Wenige Wochen später erschien unser nächstes Album. Es wurde unser grösster Erfolg. Die Verkaufsziffern wurden von meinem Coming-out nicht negativ betroffen.»

Keine Titelstory mehr wert
Jetzt, wo Stephen Gately wieder auf Tournee ist, muss er sich weder von Papparazzi noch vor hinter-listigen Roadies fürchten. Seine Beziehung zu de Jong hat sich zerschlagen. Unterdessen ist er eine Zivilehe mit dem Internet-Business-Mann Andrew Cowles eingegangen, den er durch die gemeinsamen Freunde Elton John und David Furnish kennengelernt hat. «Ich finde es toll, wie schnell sich die Dinge in zehn Jahren verändert haben», sagt er. «Damals war ich wegen dem Coming-out auf dem Cover der New York Post. Heute interessiert es nur noch unsere Freunde, wenn wir heiraten.»

     Von Hanspeter Künzler