Scharia durch die Hintertür
Indonesische Schwule fürchten Unterdrückung durch Anti-Porno-Gesetz

Auf Bali, der tropischen Traumurlaubsinsel, herrscht Aufruhr. Auf der kleinen Insel im Süden Indonesiens ist man bereit, dem Vormarsch des Islamismus im grössten moslemischen Land der Welt die Stirn zu bieten. Verschärfte Gesetze könnten auch dem Tourismus schaden.

Grund für den Aufruhr auf der Insel der Götter ist das Anti-Porno-Gesetz, das Ende Oktober vom indonesischen Parlament beschlossen worden ist. Die Befürworter begrüssen das Gesetz als eine Garantie vor dem moralischen Verfall der indonesischen Gesellschaft. Die Kritiker hingegen sehen darin einen massiven Schritt hin zur Islamisierung des Landes und zur Unterdrückung ethnischer, religiöser und sexueller Minderheiten. Hauptkritikpunkt sind die vagen Formulierungen des Gesetzes. Alles, was «Lust und Begierde» erregen kann, fällt laut dem verabschiedeten Gesetzentwurf unter Pornografie. Das eröffne der Willkür islamistischer Gruppen und Behörden sowie der Zensur von Kunst und Presse Tür und Tor, befürchten die Gegner des Gesetzes. Nacktheit oder die Darstellung sexueller Szenen sei ein fester Bestandteil der Kultur und der Religionen vieler Volksgruppen im multi-ethnischen Indonesien. Auf den 17500 Inseln des indonesischen Archipels leben Hunderte von Volksgruppen, von Befürwortern eines konservativen Islams arabischer Prägung bis hin zu fast nackten Eingeborenenstämmen. 88 Prozent der 230 Millionen Indonesier sind Moslems, die in ihrer grossen Mehrheit einen moderaten Islam praktizieren.

Bikinis nur auf Bali
Dass es den Befürwortern des Gesetzes gar nicht um den Schutz der Indonesier vor Pornografie geht, sondern um die Durchsetzung islamischer Moralvorstellung, zeigt das in letzter Minute gemachte Zugeständnis an die Kritiker: Besucherinnen von Urlaubsorten wie dem hinduistischen Bali ist es weiter erlaubt, Bikinis zu tragen. Was aber im Umkehrschluss auch heisst: Frauen, die ausserhalb von Bali Bikinis tragen oder auch nur im Auge des islamischen Betrachters «anstössig» angezogen sind, werden in Zukunft nichts zu lachen haben. «Durch das neue Gesetz werden Frauen und auch Queer-Menschen in Gefahr sein», sagt John Badalu, Schwulenaktivist und Organisator des jährlichen schwul-lesbischen Filmfestivals «Q! Film Festival», das in Jakarta, Yogyakarta und Bali stattfindet.

Wahltaktische Gründe
Nicht die islamischen Parteien haben das Gesetz durch das Parlament gepeitscht. Vielmehr waren es konservative weltliche Parteien, die hoffen, damit bei den 2009 anstehenden Parlamentswahlen bei konservativen moslemischen Wählern zu punkten. Wie sehr aber auch das Parlament gespalten war, zeigt das Verhalten von zwei einflussreichen Parteien: die PDI-P der ehemaligen Staatspräsidentin Megawati sowie die christliche «Wohlstands- und Friedenspartei» hatten vor der Abstimmung unter Protest den Sitzungssaal verlassen. «Das Gesetz ist ein Akt gegen Indonesiens Vielfalt, die durch unsere Verfassung geschützt ist», sagte eine Abgeordnete der PDI-P.

Gefährdetes Filmfestival
Badalu sorgt sich um die Zukunft des Filmfestivals: «Im Moment sind wir uns nicht sicher, ob wir es fortsetzen können. Wir haben einige Treffen mit einer Reihe von Institutionen, um unsere Möglichkeiten aus-zuloten.» Dede Oetomo, einer der
prominentesten schwulen Bürgerrechtler Indonesiens, sorgt sich um die Zukunft seines Schwulenzentrums in Surabaya. Im Gegensatz zu früheren Entwürfen des Anti-Porno-Gesetzes seien in der verabschiedeten Fassung Organisationen mit «aufklärerischem Charakter» nicht mehr erwähnt. «Unser Status ist jetzt völlig unklar», sagt Oetomo. André ist ein offen schwuler Moslem aus Sumatra. Der 28-jährige hat jedoch seine konservative, moslemische Heimat verlassen, um auf Bali zu leben und zu arbeiten. Bali ist ein Magnet für Schwule aus ganz Indonesien. «Hier ist alles viel relaxter und die Menschen sind liberaler», meint André. Das Gesetz werde noch mehr schwule Indonesier nach Bali «flüchten» lassen, glaubt André.

Unklare Definition
Da «Pornografie» nicht klar definiert ist, könnte das auch Auswirkungen auf die User schwuler Internetdatingseiten haben. Schwule sollten in Zukunft vorsichtig mit der Veröffentlichung freizügiger Fotos von sich selbst in ihren Profilen auf Datingseiten wie Gayromeo oder Gaydar sein, rät Badalu. Aber Badalu sagt auch: «Der sicherste Ort, um mit schwulen Mitmenschen zu kommunizieren, sind Webseiten.» Denn Razzien in (nicht nur schwulen) Bars hat es auch schon vor dem Gesetz gegeben, hinter denen meistens die radikal-militante und gewaltbereite «Islamische Verteidigungsfront» steckte bzw. steckt.

Breite Front gegen das Gesetz
Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Es formiert sich eine breite Front zur Abschaffung des Gesetzes. Damit scheint sich zu verwirklichen, was ein Mitarbeiter einer deutschen politischen Stiftung in Jakarta vor der Verabschiedung des Gesetzes prophezeite: «Das wird die moderaten Moslems hier endgültig wachrütteln.» Der Gouverneur von Bali, Made Mangku Pastika, ist einer der Wortführer der Anti-Porno-Gesetzbewegung. Pastikas Wort gilt was in Bali und Indonesien. Vor seinem Job als balinesischer Regierungschef hat Pastika sich einen Namen als indonesischer Polizeichef und erfolgreicher Bekämpfer des Terrorismus einen Namen gemacht. Pastika kann sich der Unterstützung ganz Balis sicher sein in seiner radikalen Haltung, das Anti-Porno-Gesetz in Bali erst gar nicht umsetzen zu wollen. Noch ist also das schwule Ferienparadies frei von islamistischer Willkür.

       Von Michael Lenz