Ein würdiger Mister Gay 2009
Ricco Müller ist glücklicher Sieger der Wahl

Die Schweiz hat wieder einen Mister Gay: Der gehörlose Rico Müller repräsentiert dabei sogar zwei Minderheiten aufs Mal. Schade ist, dass das Finale in der Alten Börse vor so wenig Publikum stattfand. Die hohen Ticketpreise haben offenbar etliche Besucher vergällt.

Am Samstag, 29. November, gingen im Saal der Alten Börse in Zürich zum ersten Mal seit vier Jahren wieder Wahlen zu einem Schweizer Mister Gay über die Bühne. Die Antwort auf die Frage, ob das Land nach dieser langen Pause überhaupt wieder einen schwulen Mister brauche, gab Organisator Oliver Eschler in seiner Begrüssungsansprache: «Wie viele Kandidaten haben heute ihre Eltern hier? Wie viele Bewerber haben ihre Kandidatur zurückgezogen?», sagte er und spielte so darauf an, dass Homosexuelle trotz vielen Fortschritten in den letzten Jahren in der Gesellschaft immer noch mit einer Vielzahl von offen gelebten oder versteckten Ressentiments zu kämpfen haben. Schon das ganze Jahr über hatte Eschler mit Mr. Gay-Partys im ganzen Land die Werbetrommel für das grosse Finale gerührt. Mit seiner Kandidatenschar, die er auf diese Weise einer Art Eignungstest für den harten Job des Mister Gay unterziehen wollte, war er in Clubs wie St. Germain oder Vertigo in Zürich oder Amnesia in Lausanne zu Besuch gewesen. Tausende von Menschen hätten in den letzten sechs Monaten solche Events besucht, meinte Eschler.

«All-Inclusive»-Stimmung
Brav gaben die Kandidaten im ersten Durchgang Einblick in ihre Motivationen für die Teilnahme: «Ich will erreichen, dass Homosexueller kein Schimpfwort mehr ist», sagte etwa Silvan Schälchli – und man nahm ihm das sofort ab. Danach wurden herbstliche Kleider und Brillen präsentiert. Schliesslich wollten sich auch die Sponsoren zeigen. Nach Show-Einlagen von Ex-Musicstar Claudia D’Addio oder Helmine Tell folgte der inoffizielle Höhepunkt jedes Schönheitswettbewerbes: Der Badehosen-Durchgang. Hier waren die Kandidaten etwas auf sich alleine gestellt. Ein paar aufmunternde Worte vom ansonsten sattelfesten Moderatorenduo Jubeira Bachmann und Alf Herren hätten bestimmt ein bisschen zur Entkrampfung bei einigen der Bewerber beigetragen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt  zeigten sich auch die ersten Auswirkungen von Eschlers «All Inclusive»-Getränkekonzept: Die Stimmung im Publikum war mehr als nur ausgelassen, die Bar immer gut frequentiert und der eine oder andere Zuschauer schon vor der Kür des neuen Mister Gays bis an seine Toleranzgrenze alkoholisiert.

Rico holt sich den Sieg
Zum Finaldurchgang traten Marco Küng, Tobias Dickenmann und Rico «Rimus» Müller an. Der 18jährige Tobias wurde als Dritter reich beschenkt mit allerlei Gutscheinen für Zahn-Bleechings, Gesichtspflegeprodukte und Kleider entlassen, bevor der abtretende Ex-Mister Sven Müller zu den dramatischen Klängen von «Also sprach Zarathustra» Rico zum neuen Mister Gay kürte. Eine mutige Entscheidung der Jury, der unter anderem die Tele-Züri-Frau Claudia Lässer oder der Stylist Clifford Lilley angehörten, denn als taubstummer Schwuler repräsentiert Rico gleich zwei Minderheiten aufs Mal. Der sympathische Bündner war für die Kommunikation mit dem Publikum und der Jury auf einen Gebärdensprachen-Übersetzer angewiesen. «Es ist unglaublich, ich danke allen. Danke, dass ihr mir diese Chance geschenkt habt», sagte er. Die Entscheidung der Jury stiess im Publikum auf viel Wohlwollen. Rico ist 23 Jahre alt und kommt aus Chur. Er hat eine Lehre als Elektromonteur gemacht, arbeitet derzeit als Modefotograf und will später noch Architektur studieren. Auf ihn dürfte ein nicht einfaches Amtsjahr zukommen. Erste Termine für den Bündner Charmebolzen stehen in den nächsten Wochen an.

Halbvoller Saal
Den motivierten Kandidaten, den Moderatoren und der Jury darf man nach dem abwechslungsreichen Finale ein Kränzchen winden. Ein Wermutstropfen ist aber, dass sie ihre aufwändig einstudierte Show vor nur halbvollen Rängen abziehen mussten: Der Saal mit einer Kapazität von über 600 Plätzen war augenscheinlich etwas mehr als zur Hälfte gefüllt, zu viele Stuhlreihen blieben leer. Das erstaunt, zumal Organisator Eschler schon das ganze Jahr über für diesen Anlass geworben hatte. Schuld am dürftigen Publikumsinteresse dürften aber die mit zwischen 100 und 130 Franken hohen Eintrittspreise gewesen sein. Zwar waren in diesen Preisen unbeschränkt viele Getränke für die ganze Dauer des Anlasses inbegriffen, doch schreckt eine solche Zahl erwiesenermassen viele Besucher ab. Kritik am Ticket-Konzept prallt jedoch an Eschler ab. Er habe damit gerechnet, dass die Solidarität in der Szene grösser sei. Das Finale sei dennoch – im Gegensatz zur letzten Austragung von Farah de Tomi vor vier Jahren – nicht defizitär. Den Kandidaten hätte man wirklich einen voll besetzten Saal gegönnt. Vielleicht klappt’s ja im nächsten Jahr. Dann will Eschler wieder Gay-Wahlen durchführen.

Ein ausführliches Interview mit dem neuen Mister Gay Rico Müller bringt der Cruiser in der nächsten Ausgabe im Januar 2009.