Zürich bekommt eine Stadtpräsidentin
Corine Mauch, offen lesbisch lebend, hat gute Chancen, gewählt zu werden.

Corine Mauch macht keinen Hehl aus ihrer Lebensweise. Durch ihre Offenheit will sie in den Köpfen der Leute etwas ändern, die Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Homosexualität voranbringen. Doch sie wünscht sich nicht, dass Leute sie nur aus diesem Grund wählen: «Wer mich wählt, sollte mit meinen sozialdemokratischen Grundsätzen einverstanden sein.» Das Gespräch darüber hier im Detail.

Frau Mauch, «Eine Lesbe als Stapi» so titelte eine Pendlerzeitung im Dezember und machte Sie auf einen Schlag einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Wie sehr hat Sie diese Schlagzeile geärgert?
Ich habe mir nicht gewünscht, dass das Thema so aufgegriffen wird. Aber ich musste damit rechnen. Ich lebe meine Frauenbeziehung schon immer offen. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht.

Das Blatt suggerierte zwischen den Zeilen, dass eine Lesbe als Stadtpräsidentin fragwürdig, ja, sogar nicht tragbar ist. Glauben Sie, dass die Zürcher Wähler und Wählerinnen offener sind und differenzierter urteilen?
Jemand machte bei einer Zuschauerbefragung die Aussage: «Eine Lesbe? Undenkbar!». Aber insgesamt fand ich die Reaktionen eher differenziert. «Blick am Abend» konterte mit «Eine Lesbe als Stapi – Na klar!» Bisher hab ich viel Positives gehört und gelesen und nicht nur von homosexuellen Menschen. Es sind auch Heterosexuelle, die der Meinung sind, endlich sage jemand, dass es um politische Haltungen geht und nicht um die Lebensform. Die eigene Lebensform will ich – auch als Politikerin – weder geheim halten noch an die grosse Glocke hängen. Viele Leute gratulieren mir zum Mut, den ich mit meiner Offenheit an den Tag gelegt habe.
Noch etwas Wichtiges zur Wahl: Ich finde, ein Schwuler oder eine Lesbe sollte mich nicht einfach unbesehen wählen, weil ich lesbisch bin. Aber es kann natürlich sein, dass dieser Person das Thema so wichtig ist, dass sie mich wählt, weil sie davon ausgeht – und das kann sie auch – dass ich für die homosexuelle Lebensform und die damit in Verbindung stehenden Probleme eine besondere Sensibilität habe. Aber diese Person sollte mich nicht wählen, wenn sie mit meinen politischen Überzeugungen, die in sozialdemokratischen Grundsätzen fussen, nicht einverstanden ist.

Was sagen Sie den Cruiser-Lesern, also den Schwulen und Lesben, warum sie Corine Mauch wählen sollen?
Weil ich als Sozialdemokratin für zentrale Anliegen einstehe wie: Bekämpfung jeglicher Form von Diskriminierung, Intoleranz und von ungerechten Verhältnissen. Weil  ich
mich für die Interessen von Benachteiligten und Minderheiten einsetze. Die homosexuelle Lebensform gehört damit also auch zu meinen Anliegen.

Berlin hat seit Jahren den offen schwul lebenden Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Er nimmt schon mal seinen Mann mit an öffentliche Anlässe. Haben Sie sich schon überlegt oder gar abgesprochen, wie Sie dies mit Ihrer Frau halten werden?
Natürlich haben wir das (lacht herzlich). Da kommen wir nicht drum herum. Wie wir damit umgehen, müssen wir diskutieren. Aber das müssen andere auch, unabhängig von ihrer Lebensform. Wenn jemand in der Öffentlichkeit steht, ist das ein Diskussionsthema in der Partnerschaft. Frau Martelli zum Beispiel nimmt ihren Mann, soviel ich weiss, nicht so häufig zu einem Anlass mit. Elmar Ledergerber kam hingegen fast immer mit seiner Partnerin. Was mich betrifft, ist es eine Frage, die wir gemeinsam und wohl von Fall zu Fall beantworten müssen.

Im Sommer 2007 hat Ihre Parteikollegin, Polizeivorsteherin Esther Maurer, die Zürcher Schwulen verärgert. Es ging um empfundene Repression, um Schliessungen von Lokalen, um baupolizeiliche Auflagen, die als Schikanen empfunden wurden. Dürfen wir eine bessere Kommunikation zwischen der Stadt und der Gay-Community erwarten, wenn Sie in den Stadtrat gewählt und Stadtpräsidentin werden?
Kommunikation ist etwas ganz Wichtiges. Wenn die nicht funktioniert, kommt’s nicht gut. Damals sind wohl Fehler passiert. Nun gibt es einen Entscheid des Verwaltungsgerichts, der einem Lokalbetreiber Recht gegeben hat. Esther Maurer hat darauf gut reagiert. Sie hat den Entscheid akzeptiert und zeigt sich für weitere und neue Verhandlungsgespräche,
die noch nötig sind, bereit. Jetzt ist die Situation erst mal beruhigt. Weiterhin miteinander im Gespräch bleiben, ist aber wichtig.

Aktuell wurde in Zürich einem Lokal mit schwulem Publikum an der Zurlindenstrasse das Patent entzogen. Die Sachlage ist noch etwas verworren. Können Sie nachvollziehen, dass der Lokalinhaber das Gefühl hat, man gehe wieder oder weiterhin gegen Betreiber von Schwulentreffpunkten vor?
Ich kenne diesen Fall zu wenig. Soweit ich informiert bin, ist das ein Mietrechts-Streit. Sie sagen, der Betreiber habe jetzt trotzdem das Gefühl, der Vermieter oder die An-
wohner hätte bzw. hätten  Probleme mit einem Schwulenlokal. Dies kann nicht aus-geschlossen werden. Denn es ist eine Tatsache, dass es immer noch Leute gibt – ich weiss nicht wie viele, aber es gibt sie – die grosse Mühe haben mit Schwulen und Lesben. Das Partnerschaftsgesetz war zwar ein Meilenstein. Die Gesetzgebung ist auf dem Weg der gesellschaftlichen Entwicklung sehr wichtig, aber was in der Gesellschaft, in den Köpfen passiert, ist etwas anderes und dauert länger.
Ein Frage, die mir jetzt oft gestellt wurde aus der Gay-Community: «Finden Sie es wichtig, dass Schwule und Lesben in der Politik offen zu ihrer Lebensform stehen?» Ich staune eigentlich über diese Frage. Ja das ist sehr wichtig! Solange wir selber nicht hervortreten und den Mut haben zu sagen, ja wir leben so, und unseren Platz und unsere Rechte einfordern, wird sich in vielen Köpfen nichts ändern.

Themawechsel, weg von der Community: Barack Obama ist Präsident der USA. Eine Domäne der Weissen wird durchbrochen. Zürich wird eine Stadtpräsidentin haben. Corine Mauch oder Kathrin Martelli. Eine Männerdomäne wird durchbrochen. Ist es auch in Zürich Zeit für einen Wechsel?
Ja sicher, es ist höchste Zeit. Seit 1972 gibt es das Frauenstimmrecht. Es ist an der Zeit, dass eine Frau Stadtpräsidentin von Zürich wird. Aber es ist nicht Grund genug, einfach eine Frau zu wählen, wenn sie nicht überzeugt.

Es stehen zwei überzeugende Frauen zur Wahl. Von den Medien wurde oft bemängelt, dass es kaum einen Kampf – einen Wahlkampf – gibt. Sind sich denn Frauen auch aus unterschiedlichen Lagern a priori wohlgesinnt?
Das wurde von einem Teil der Medien so dargestellt. Aber es hat wohl in erster Linie mit unserer relativen politischen Nähe zu tun. Kathrin Martelli ist eine Bürgerliche, steht da aber auf der liberalen Seite. Ich bin eine SP-Frau, die sich in der Mitte der SP bewegt. Und ich politisiere sachorientiert.

Sogar aus den eigenen SP-Reihen will man die Suppe (den Wahlkampf) etwas würzen und hat die Website «www.corine-lauch.ch» aufgeschaltet: Corine Lauch, 1x als Beigemüse, 1x als Hauptgang. Finden Sie das witzig oder hat Sie das geärgert? Soll man’s totschweigen?
Totschweigen geht nicht, das ist jetzt in der Welt. Ich muss unterscheiden: Dass jemand diese Idee hatte, und wie sie umgesetzt wurde mit Beigemüse und Hauptgang (Stadträtin und Stadtpräsidentin), dann die Texte über Dünger, Nachhaltigkeit und Bio..., diese Parodie fand ich witzig. Aus Mauch Lauch zu machen ist aber bei allem Witz schon eher Kindergarten-Niveau. Was ich nicht in Ordnung finde: Auf dieser (anonymen) Homepage wird die Kampagne der Partei angegriffen, es gibt Vorwürfe, was alles schlecht ist. Wenn die UrheberInnen Parteimitglieder sind, was offenbar der Fall ist, dann hätte man einen «würzigeren» Wahlkampf offen diskutieren und sich konstruktiv einbringen können. Immerhin erklären sie, dass sie mich für die Richtige halten und dass sie mir nicht schaden wollen.

Frau Mauch, wohin wollen Sie die Stadt Zürich führen? Was sind heute Ihre Prioritäten, was ist längerfristig nötig für diese Stadt?
Ich fange beim Heute an. Da ist die Wirtschaftskrise. Wir haben in den vergangenen Jahren in Zürich eine gute Politik gemacht, wir konnten einen Bilanzfehlbetrag von anderthalb Milliarden abbauen. Wir haben das gute Ergebnis nicht sogleich für Steuersenkungen genutzt; in Voraussicht, dass schlechtere Zeiten kommen werden. Jetzt wollen wir die Reserven krisenverhindernd oder -vermindernd einsetzen. Also Arbeitsplätze erhalten, die sonst gefährdet wären. Mir ist aber klar, dass die Stadt, auch mit einem Budget von fast acht Milliarden, die Probleme nicht alleine lösen kann. Vom Wirtschafts- und Finanzvolumen her muss die Stadt ganz intensiv mit den umliegenden Gemeinden, mit dem Kanton und dem Bund zusammenspannen.
Ich möchte auf die Studie hinweisen, die von der ETH durchgeführt wurde im Auftrag des Gewerkschaftsbundes. Sie kommt zum Schluss: Der Weg zu investieren ist richtig, aber Investitionen müssen in noch grösserem Ausmass getätigt werden. Für mich ist wichtig, dass solche Investitionen in zukunftsträchtige Bereiche hineinfliessen: in Infrastrukturen des öffentlichen Verkehrs, in den Wohnungsbau, in die Bekämpfung der Wohnungsnot, in energetische Investitionen, in erneuerbare Energie, in Gebäudesanierungen, in Neubauten mit höchster Energieeffizienz. Auch die Kinderbetreuung ist eine wichtige Investition, damit Leute mit Kindern, wenn sie es wollen, einer Arbeit nachgehen können.
Längerfristig will ich die gute Position der Stadt Zürich erhalten. Die erreichte Lebensqualität hat mit Investitionen in unsere Stadt und der Politik der vergangenen Jahre zu tun. Dass aber Zürich in Beurteilungen der Lebensqualität weit oben steht, ist keineswegs selbstverständlich. Alleine diese Position in den nächsten Jahren zu halten, braucht immer wieder neue Anstrengungen und neue Ideen. Dafür stehe ich ein.


Frau Mauch, herzlichen Dank für das offene Gespräch.
            Martin Ender