Thailand nach den politischen Tumulten
Trotz Fluhafen-Blockade blüht das Reisegeschäft mit den Schwulen

Die Blockade war ein schwerer Schlag für Thailand. Hunderttausende von Reisenden sassen fest. Insgesamt ist der Thailand-Tourismus eingebrochen – abgesehen vom Gay-Segment.

Am schwulen Strand von Jomtien sind über Weihnachten und Neujahr alle Liegstühle belegt. Sanft rollen die Wellen des Golfs von Siam an den goldgelben Strand. Dicht an dicht stecken die von Wind und Salzluft zerschlissenen blau-weiss-roten Sonnenschirme im Sand und bilden ein durchgehendes Dach zum Schutz vor der heissen Tropensonne. Schwule Männer aus der Schweiz und aus Norwegen, aus Deutschland und Holland, aus England und Russland sind zum Weihnachtsurlaub mit Sommer, Sonne und Sex nach Pattayas Nachbarstadt Jomtien gekommen.
Unter den Winterflüchtlingen sind Urs und Andreas aus Basel. Wenige Tage vor Weihnachten sind sie in Bangkoks Flughafen Suvarnabhumi gelandet, der nur wenige Wochen zuvor acht Tage lang von Regierungsgegnern blockiert war. Nichts ging mehr. Hunderttausende Touristen sassen in Thailand fest. Hunderttausende konnten nicht nach Thailand fliegen. Die Blockade war ein schwerer Schlag für Thailands Wirtschaft und Tourismus.

Ein sicheres Reiseland
Das Politdrama aber hielt Urs und Andreas nicht von der schon lange gebuchten Reise ab. Das hat Thailand Susi Gross zu verdanken, einer Freundin der beiden, die in der Nähe von Pattaya auf ihrem grosszügigen Anwesen lebt. «Susi hat uns versichert, dass Thailand ein sicheres Reiseland ist», sagt Martin, während er sich in seinem gelb-grün gestreiften Liegestuhl aalt und die Augen nicht von den knackigen Thais lösen kann, die in knappen Badehosen am Strand paradieren, auf der Suche nach dem Boyfriend für die Nacht.
Wie jedes Jahr ist Frank, ein Geschäftsmann aus Hamburg, zum Weihnachtsurlaub nach Jomtien gekommen. Er wohnt im «Poseidon», eines der besten Schwulen-Hotels in Thailand. Auch Frank hat sich von der politisch wenig stabilen Situation in Thailand nicht abschrecken lassen. «Ich wäre auf jeden Fall gekommen. Selbst, wenn ich über Umwegen nach Thailand hätte fliegen und auf einem der Provinzflughäfen hätte landen müssen», versichert Frank.
Der Hamburger und die beiden Schweizer sind typische Thailandurlauber in diesen Tagen. Das Land leidet unter einem gewaltigen Imageproblem durch die Flughafenbesetzung. Viele Länder haben Reisewarnungen herausgegeben und grosse Reiseveranstalter ihre Thailand-Pauschalreisen abgesagt. Wer das Land kennt, weiss, dass man in Thailand auch in politischen Krisenzeiten sicher ist. «Die Stammgäste halten uns die Treue», sagt Heiko Klimanschewsky, Besitzer des «Poseidon». Eine Erfahrung, die auch Daniel See, Manager des Schwulen-Boutique-Hotels «Club One Seven» in Patong Beach auf Phuket macht. «Stammgäste haben schon jetzt ihren Weihnachtsurlaub 2009 gebucht.»

Gays sind zuverlässige Kunden
Schwule Männer haben sich auch in Krisenzeiten in der Vergangenheit wie etwa nach dem Tsunami in Thailand oder nach dem Bombenanschlag auf Bali als zuverlässige Kunden erwiesen. Sie sind schneller wieder nach Phuket oder Bali zurückgekehrt als andere Touristengruppen. «Schwule Männer haben keine Familien oder Kinder, auf die sie Rücksicht nehmen müssen», sagt Daniel. Darauf setzen auch Ina Buschhüter und Monika Rottmann, die Trotz Krise Ende Januar in Pattaya eine Piano-Bar eröffnet haben. «Mit ihrem Standort in einem der Schwulen-Viertel ist ‹Ina’s Piano Bar› gut positioniert», hofft Monika, die sich seit vielen Jahren in Pattaya als Jazzsängerin einen Namen gemacht und in der Gay-Community Pattayas eine treue Fangemeinde hat.
Die Frage ist bloss, ob den gewöhnlich konsumfreudigen schwulen Männern in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise weiterhin das Geld locker in der Tasche sitzen wird. Die teuren Suiten im «Poseidon» stehen leer. «Die Gäste sparen», sagt Heiko. Daniel berichtet aus Phuket: «Die Auslastungsrate der Hotels ist nicht ganz so schlecht wie befürchtet. Die ersten, die die Krise richtig zu spüren bekommen, sind die Restaurants und die Bars. Die Leute gehen nicht mehr aus.»

Der russische Markt ist eingebrochen
Insgesamt hat der Thailand-Tourismus einen ziemlichen Niedergang erlitten, auch wenn konkrete Zahlen über die aktuelle Hochsaison noch nicht vorliegen. Experten schätzen, dass zum Beispiel der russische Markt um mindestens 80 Prozent eingebrochen ist. Das ist eine Katastrophe für Pattaya und Jomtien, die Hochburgen der russischen Touristen sind. Neonreklamen und Speisekarten auf Kyrillisch sind hier seit Jahren normal. Um den Tourismus wieder anzukurbeln, hat Thailands Regierung ein Hilfsprogramm aufgelegt, das Massnahmen wie verstärktes Marketing in den asiatischen und europäischen Schlüsselmärkten, Discount auf Zimmerpreise und Rabatte auf die Landegebühren von Fluggesellschaften vorsieht.
Aber auch unter den Russen sind es die schwulen Iwans und Sergejs, die weiterhin nach Pattaya und Jomtien kommen. Aber sie sind so ganz anders als all die Deutschen, Schweizer und Skandinavier. Letztere sind mehrheitlich alleinstehende, bäuchige Männer im Alter von 50 Jahren aufwärts, die sich von Pattayas einziger Attraktion angezogen fühlen: Sex. Von den russischen Schwulen ist keiner über 40; alle haben Bodies von Pornostarqualität; sie kommen mit ihrem Lebenspartner an die sonnigen Gestade Thailands. «Man sieht kaum Russen in Go-Go-Bars. Sie bleiben unter sich», weiss Lek, Manager einer Schwulen-Go-Go-Bar in Pattayas «Boyz Town».
Jetzt ist die Weihnachtssaison vorbei. Zwar ist Mitte Januar noch immer viel Betrieb am Strand, aber einen freien Liegestuhl zu ergattern ist kein Problem mehr. Doch es ist nicht so viel los wie in früheren Jahren um diese Zeit. Es sind die einfachen Thais, die sich durch die Verkäufe von Waren wie frischem Obst, falschen Rolex, Film-DVDs zweifelhafter Herkunft oder Serviceleistungen wie Massage ihren Lebensunterhalt verdienen, die als Erste die Wucht der Krise spüren. «Ich habe weniger Kunden als sonst», sagt Nop, ein Masseur am Strand, und fügt eine Bitte an: «Bitte, schreib doch, dass wir Thais gute Menschen sind, die Besucher immer willkommen heissen.»

       Von Michael Lenz, Pattaya