| «Wie eine Schaufensterpuppe» Riccos Freunde sind noch immer hin und weg, weil er vor zwei Monaten die Wahl gewonnen hat. Ihn selbst bringen die vielen positiven Reaktionen manchmal aus der Fassung. Sein Leben ist jetzt erst recht eine Reise voller Herausforderungen, denen er sich in diesem Jahr stellen will. Rico Müller erzählt. Es war ein Wechselbad der Gefühle, als ich das Finale in der Alten Börse gewonnen habe. Wie eine Schaufensterpuppe stand ich auf der Bühne und konnte überhaupt nicht glauben, dass ich trotz meiner Gehörlosigkeit zum neuen Mister Gay gekürt wurde. Erst als Jury und Presse mir gratulierten, realisierte ich, dass ich gewonnen hatte. Dabei war ich an diesem Abend extrem nervös. Nach einer aufregenden Party fuhr mich mein Manager ins Hotel Zürichberg. Ganz still sass ich im Wagen und dachte an die Szenen der vergangenen Nacht. Ich schmunzelte vor mich hin, da ich im Moment meines Sieges ausgerechnet an Madonna denken musste. Sie war schon immer eine Art Inspiration für mich gewesen. Schon am nächsten Morgen stand der erste Pressetermin an – in meiner Suite. Dabei wurden auch Fotos geschossen, auf denen ich, aus meiner Sicht, völlig übermüdet rüberkomme. Als ich wenig später die Bilder zu sehen bekam, wollte ich mich am liebsten irgendwo verstecken. Andere Fotos wurden schnell publik, wie etwa jene am Montag nach der Wahl in den Gratiszeitungen. Mir war nicht bewusst, was für ein Medienecho die Wahl ausgelöst hatte. Schon in der S-Bahn schauten mich die Passagiere länger an. Ich war perplex und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ein Bursche starrte mich unentwegt an. Beim Aussteigen hat er mir dann zu meinem Sieg gratuliert. Das war der Zeitpunkt, als ich realisierte, dass ich nun eine öffentliche Person bin. Wenig später war ich auf den Titelseiten schwuler Magazine zu sehen. Zu Beginn habe ich mir als Coverboy gefallen. Dumm nur, dass ich seither praktisch überall erkannt werde, egal, ob im Chat, auf einer Party oder im Fitness-Studio. Es ist auch immer noch ein komisches Gefühl, wenn ich mich selbst im TV sehe. An den Rummel um meine Person muss ich mich erst noch gewöhnen. Aber ich bin stolz auf das, was ich bis jetzt erreicht habe. Obwohl ich zurzeit aus dem Koffer lebe, versuche ich so oft wie möglich meine Familie und Freunde zu sehen. Meine Familie ist übrigens sehr stolz auf mich. Viele meiner Verwandten haben erst durch die Presse erfahren, dass ich schwul bin. Sie haben glücklicherweise keine Probleme damit. Die Eltern wissen schon länger davon, mein Coming-out war auch relativ locker, abgesehen davon, dass sich meine Mutter schmerzlich damit abfinden musste, keine Enkelkinder von mir zu kriegen. Als Mister Gay möchte ich mich noch stärker für die Gehörlosen einsetzen. Ich möchte den hörenden Menschen erklären, wie sie mit uns umgehen können. Als Jugendrat der SDY (SWISS YOUTH DEAF) habe ich mich schon früher für die gehörlose Jugend eingesetzt. Auch die Werbung für die Euro-Pride 2009 und die Aids-Prävention liegen mir am Herzen. Selbstverständlich will ich auch die Schweiz erfolgreich an den europäischen Mister-Gay-Wahlen vertreten. Und bald ist mein Kopf in einer gross angelegten Werbekampagne zu sehen. Das Leben ist eine Reise voller Herausforderungen, das pflege ich immer, meinen Freunden zu sagen. Es gibt für mich viele neue Dinge zu lernen und als Mister Gay werde ich das Beste daraus machen!
Zur Person Ricco Müller Der neue Mister Gay hat eine Schwäche für das Reisen. In seinen jungen Jahren hat Ricco Müller schon viele Länder besucht, u.a. verbrachte er fast zwei Monate in Japan. Daneben bezeichnet er sich selber als Bücherwurm, besucht auch Kunstaustellungen und zeichnet für sein Leben gerne. Wenn noch freie Zeit übrig bleibt, dann steht der sportbegeisterte Mister Gay auf dem Snowboard. Ricco Müller lebt abwechslungsweise in Zürich und in Chur. Über seinen Beziehungsstatus will er derzeit (noch) nichts verraten. Seit seiner Geburt ist Ricco Müller gehörlos. In der letzten Cruiser-Ausgabe wurde der veraltete und heute als diskriminierend eingestufte Begriff «taubstumm» verwendet. Ricco legt Wert darauf, mit den Begriffen «hörbehindert» oder «gehörlos» zu operieren. Dies sind heute die korrekten Ausdrücke. Ricco Müller arbeitet zusammen mit einem Gebärdensprachen- |