Oscar-Triumph für «Milk»
Bei der 81. Oscar-Verleihung in Los Angeles triumphierte die Verfilmung über Harvey Milk mit zwei der begehrten Preise.

Für einmal avancierten die alljährlichen Oscars zu einer denkwürdigen Nacht für Amerikas Schwulenbewegung. Der Film «Milk» von Regisseur Gus Van Sant sorgte für die Überraschung des Events in einer glamourösen wie voraussehbaren Preisverleihung.

Dass «Milk» ein mitreissender Film ist, bezweifelte natürlich niemand. Die Geschichte des Lokalpolitikers Harvey Milk, der zu einer charismatischen Leitfigur der Schwulenbewegung aufstieg, hatte enormes Potential und ergatterte sich, sage und schreibe, acht Nominierungen, u.a. auch als bester Film. Doch die Konkurrenz war gross und die Academy in Sachen Homosexualität eher zurückhaltend.
Trotzdem, «Milk»-Drehbuchautor Dustin Lance Black holte sich gleich zu Beginn die begehrte Goldstatue und sorgte für erste Emotionen auf der Bühne des Kodak-Theaters. In seiner Dankesrede sprach der offensichtlich schwule Autor energisch homosexuelle Jugendliche an. Es schien ihm eine Herzensangelegenheit zu sein, dass auch Gott gerade sie liebt: «You are beautiful!», so sein Aufruf. Das Publikum begrüsste seine Worte mit tosendem Applaus.

Bald jedoch schien es, als bliebe es für «Milk» bei nur einem Oscar, bis der beste männliche Hauptdarsteller verkündet wurde. Grosser Favorit war Mickey Rourke, der für seinen Comeback-Film «The Wrestler» praktisch ausnahmslos alle Preise einheimste – bis auf den Oscar. Dieser ging zur grossen Verblüffung aller an Sean Penn. Ausgerechnet der ansonsten für seine Ruppigkeit bekannte Schauspieler triumphierte in einer Rolle als Homosexueller, der in den 70ern mit umwerfendem Charme San Francisco in seinen Bann zog.

Sean Penn, bereits Preisträger für «Mystic River», reagierte überrascht. In seiner Danksagung bezeichnete er das Publikum öfters ironisch als «homo-loving sons-of-guns.». Der Charaktermime, der bekannt dafür ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, ging in seiner Rede nicht gerade zimperlich auf jene kalifornischen Stimmbürger ein, welche die Homo-Ehe im letzten Jahr vereitelten. Er versprach ihnen die grösste Schande vor deren Kindern und Kindeskindern ihres Entscheides wegen. Das Publikum zollte Sean Penn und seiner Aussage gebührenden Beifall.
Für «Milk» blieb es bei diesen zwei Oscars, dafür brillierten die Gewinner sowohl mit den emotionalsten und bedeutendsten Dankesreden als auch den Überraschungen des Abends. Grosser Abräumer war erwartungsgemäss Dany Boyles indisches Sozialmärchen «Slumdog Millionaire» mit acht Trophäen, der sich nun als bester Film des Jahres 2008 bezeichnen darf. Auch Disneys Animationserfolg «Wall-E» kam verdienterweise zu Oscar-Ehren, ebenso Schauspielerin Kate Winslet als beste Hauptdarstellerin in «The Reader», sowie Penelope Cruz (in «Vicky Cristina Barcelona») und der verstorbene Heath Ledger (für «The Dark Knight») in den Nebenrollen-Katego-rien. Heath Ledgers Eltern und seine Schwester nahmen den Preis vor einem zu Tränen gerührten Publikum in Empfang.

Die «Schweiz» war mit Reto Caffis genialem Kurzfilm «Auf der Strecke» nominiert. Gewonnen hat aber Deutschland mit «Spielzeugland», ein Nazi-Drama, dessen Thema bei den Oscars meist mit Goldmännchen honoriert wird. Als Verlierer des Abends erwies sich «The Curious Case of Benjamin Button», der bei 13 Nominierungen gerade mal drei Oscars verbuchen konnte.
Der Event selbst punktete mit einem neuen Konzept. Die lustlosen Laudationen früherer Anlässe wurden überarbeitet und in jeder Kategorie komödiantisch umgesetzt. Überraschungsgäste, die nicht auf dem roten Teppich zu sehen waren, glänzten unverhofft auf der Bühne. Trotzdem gab es kleine Pannen wie etwa falsche Musikeinspielungen oder ein verflixter Vorhang, der sich nicht rechtzeitig öffnen liess.  
Solche Ausrutscher wurden von einem hinreissenden Hugh Jackman grandios überspielt, der als Moderator meist singend durch den Abend führte. «The Musical is back!», lautete sein Credo. In der Verleihung selbst, ganz im Ambiente der goldenen 30er gehalten, war das Thema «gay» unterschwellig omnipräsent, was die zahlreichen Musiknummern wie auch gewisse Preisträger durchschimmern liessen. Selten war der Oscar so schwul wie in dieser Nacht – besonders dank «Milk»

                        Von Daniel Diriwächter

 

Der Film «Milk»

San Francisco, 1972. Harvey Milk (Sean Penn) und sein Partner Scott Smith (James Franco) haben vom Leben in New York die Nase voll und suchen ihr Glück an der Westküste. Sie eröffnen im Arbeiterviertel Castro einen kleinen Fotoladen: Castro Camera. Bald wird das Geschäft als Treffpunkt und Nachrichtenbörse zum Mittelpunkt des Viertels, vor allem dank Harvey Milks herzlichen, überschäumenden Temperaments. Es dauert nicht lange, bis Milk seinen Hang zur Politik entdeckt: Sein Anliegen sind die Interessen der kleinen Leute seines Viertels – und die der schwulen Community. Er steht stets an der Spitze, wenn es gegen Diskriminierung zu protestieren gilt.

Während dreier Wahlkampagnen für den Stadtrat von San Francisco gewinnt Milk unzählige Helfer und Freunde dazu; vor allem sein Berater Cleve Jones (Emile Hirsch) steht ihm unermüdlich zur Seite. 1977 schafft Milk bei der Wahl schliesslich den Einzug in den Stadtrat. Kaum im Amt, stösst Milk eine Vielzahl von politischen Initiativen an, womit er sich nicht nur Freunde macht. Und einer seiner Gegner, Milks Stadtrats-Kollege Dan White (Josh Brolin), entpuppt sich schliesslich als Todfeind...
Gus van Sants MILK ist ein mitreissendes Zeitpanorama, das die 70er Jahre aus einer Perspektive zeigt, die man so kaum kennt.

In den Hauptrollen: Sean Penn, Josh Brolin, Emile Hirsch, James Franco, Diego Luna und Alison Pill