«Milk» – 1978 ist heute
Amerikas Schwulen-bewegung ist noch lange nicht am Ziel

Das grosse Kino greift nach «Brokeback Mountain» (2005) wieder einmal nach einem Schwulen-Thema. Diesmal dreht es sich nicht um eine ergreifende Liebesgeschichte zweier richtiger Männer. «Milk» ist anders, aber ebenso so ergreifend und vor allem erschütternd und ernüchternd.

Es wird dokumentarisch die Geschichte des Schwulenaktivisten Harvey Milk erzählt, der als offen schwul lebender Stadtrat von San Francisco in die Geschichte einging. Nur kurz im Amt, wurde Milk am 27. November 1978 vom ehemaligen Stadtrat Dan White, der sich als Vertreter traditioneller Familienwerte verstand, im Rathaus erschossen. Milk war nicht der erste Politiker in Amerika, der offen mit seiner Lebensweise umging. Aber er ist der berühmteste jener Zeit.

Erste Outings von Politikerinnen
Die erste Inhaberin eines politischen Amtes in den USA, die ihre Homosexualität öffentlich bekannt werden liess, war Nancy Wechsler, die von 1972 bis 1974 gewähltes Mitglied des Stadtrats von Ann Arbor, Michigan, war. Ihre Amtsnachfolgerin, Kathy Kozachenko, war die erste Politikerin, die als bekennende Lesbe in ihr Amt gewählt wurde. Kozachenko gehörte dem Stadtrat von Ann Arbor von 1974 bis 1976 an. Elaine Noble hatte ihr Coming-out während ihrer ersten Amtszeit im Repräsentantenhaus von Massachusetts, die sie 1974 angetreten hatte.

Zweite Verfilmung
Die Geschichte von Milk wurde 1984 bereits im Dokumentarfilm «The Times of Harvey Milk» festgehalten. Nun läuft seit Februar 09 «Milk» als Mainstream-Film in den Kinos. «‹Brokeback Mountain› ist sicherlich ein sehr wichtiger Film, weil er zeigt, dass man mit einem schwulen Sujet ein wirklich grosses Publikum ansprechen kann, nicht nur die Homosexuellen selbst. Das erhoffen wir uns natürlich auch für ‹Milk›», sagt der Regisseur Gus Van Sant. Als der Drehbuchautor Dustin Lance Black im Jahr 2004 anfing, den Film «Milk» zu schreiben, stellte sich George W. Bush gerade zur Wiederwahl und warb um Stimmen bei der religiösen Rechten. Formulierungen wie «Schützt unsere Familien», «Rettet unsere Kinder vor den Homosexuellen» waren wieder in. Die Sprache hörte sich schon fast an wie jene aus den 70ern, als Harvey Milk für die Rechte der Homosexuellen kämpfte. 1978 ist auch heute.

Zu spät für San Francisco
Die Macher von «Milk» fühlten sich bestätigt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, den Stoff ins grosse Kino zu bringen. Für die Schwulen und Lesben in San Francisco ist der Film dennoch zu spät angelaufen. Monate vorher, am Tag der Wahl von Barack Obama, am Tag, als ganz Amerika beflügelt und von Hoffnung auf eine offenere Zukunft erfüllt war, machte Kalifornien einen grossen Schritt zurück. In einer Volksabstimmung wurde «Proposition 8» angenommen und soll in die Verfassung aufgenommen werden. Dieser Zusatz fordert die Scheidung der bereits geschlossenen 18000 Homo-Ehen und erlaubt keine neuen Homo-Ehen mehr.
Im März wird in Kalifornien ein wichtiges Urteil gefällt. Nach Klagen gegen die Abstimmung muss jetzt das Oberste Gericht des amerikanischen Gliedstaates entscheiden, ob die Zulassung der Homosexuellen-Ehe, welche im Mai letzten Jahres als historischer Sieg der Schwulen- und Lesbenbewegung gefeiert wurde, wieder rückgängig gemacht wird und «Proposition 8», welche konservative Kreise am 4. November durchgebracht haben, in die Verfassung aufgenommen wird.
Filmautor Black, der eben mit einem Oscar für das beste Original-Drehbuch ausgezeichnet wurde, meint dazu: «Ich hätte niemals gedacht, dass eine solche Gesetzesvorlage angenommen würde. Um eines klarzustellen, wir haben heute mehr Rechte als 1975. Aber wir sind längst nicht da, wo wir hinwollen.»

 

Von Martin Ender