| 50 Jahre Tamara
Die Erfolgsgeschichte des T&M hängt eng mit Tamara zusammen
Am 30. Juni 1959 ist Thomas Kraus alias Tamara geboren. Vor 50 Jahren begann ein Leben, das bunter und farbiger nicht hätte sein können und immer noch ist.
Tamara ist mit Shownummern auf Cruiselinern durch fast alle Kontinente getourt. Ob auf Bühnen wie im Hallenstadion oder am legendären Tuntenball in Berlin, im Palace in St. Moritz oder auf der höchsten Bergspitze des Aletschgletschers, von Gran Canaria bis Bangkok – Tamara hat überall auf der Welt als bunter, schriller Farbklecks ihre Spuren hinterlassen. Zum Geburtstag kommen Dragqueens, Künstler und Freunde aus aller Welt angereist. Alle machen sie mit bei der rund 2-stündigen, bunten Show. Tamara hat einen Wunschzettel geschrieben, wen sie in dieser Show dabeihaben möchte. Man darf gespannt sein. Für Cruiser gibt sie vorerst ein paar Ideen für die T&M-Zukunft preis.
Tamara, du feierst ja dieses Jahr einen runden Geburtstag...
Tamara: (unterbricht) Schatz, ich feiere jedes Jahr einen runden Geburtstag. Nur ist dieses Jahr auch noch die Zahl rund... Reden wir nicht darum herum: Jawohl, ich werde 50.
Oder anders gesagt: Wir feiern ein halbes Jahrhundert Tamara. Ist das für dich als G-Colors-Buchhalterin Anlass, Bilanz zu ziehen?
Höchstens eine Zwischenbilanz. Geburtstag ist ein einziger Tag im Jahr, am andern Morgen gehts wieder munter an die Arbeit.
Wie früh am Morgen...?
(Tamara lacht) Vielleicht nicht schon um sieben...
Du denkst also nicht daran, langsam kürzer zu treten? Man hatte doch in den letzten Jahren den Eindruck, Tamara zeige sich nicht mehr so oft im T&M.
Das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Klar, früher hat mir Petra kurz vor der Türöffnung am Abend die Leiter gehalten, und ich hab eigenhändig die Discokugeln an die Decke gebostitcht. Das muss ja jetzt nicht mehr sein. Dafür haben wir ein Team, das schneller auf der Leiter ist und sich auch keine künstlichen Nägel abbricht...
Und was ist heute noch deine Rolle? Zuschauen, ob`s die Jungen recht machen?
Blödsinn. So etwas kann auch nur ein Journalist fragen. Hinter den Kulissen gibts mehr als genug wichtige Arbeit. Auch kreative. Damit unsere Gäste weiterhin im ganzen G-Colors-Haus nicht nur verwöhnt, sondern auch immer wieder überrascht werden.
Hübscher Werbeslogan. Aber was heisst
das konkret, wird die Eingangstür neu gestrichen?
Jaja, spottet nur, das kratzt mich nicht. Wenn wir schon von Geburtstagen sprechen: Letztes Jahr ist das T&M volljährig geworden – 21 halt – und das AAAH! mit 7 Jahren auch schon schulreif, und über das Alter einer Dame wie der Pigalle-Bar reden wir gar nicht – sooo falsch können wir also nicht liegen, oder? Und wir haben noch längst nicht alle unsere Ideen ausgeschöpft. G-Colors steht nicht zuletzt auch für alle Farben des Regenbogens, für Abwechslung.
Ok, zugegeben, jetzt machst du mich langsam neugierig. Kannst du uns ein paar konkrete Beispiele geben?
Tjaaa... (ziert sich ein bisschen) na schön. Zum Beispiel haben wir am 20. T&M-Geburtstag selber unseren lauschigen Hinterhof entdeckt. Da war es Winter, und ohne Beduinenzelt und Heizstrahler gings nicht. Aber im Sommer... Stell dir eine «Lounge unter Sternen» vor, überragt von der... na ja, halt männlichen Form des mittelalterlichen Grimmenturms... Freilichtkino vielleicht, Klassiker von Cage aux folles bis Brokeback Mountain... Und damit sich alle bei uns wohlfühlen können, ist im Hof auch ein Bärengehege in Planung.
...und im Winter ein Eisfeld für Queens und Kerle auf Kufen?
Voilà, bei dir arbeitet die Fantasie auch schon! Ein Eisfeld? Nur, wenn die Aidshilfe uns mit Knieschonern aushelfen kann... Und auch die Clubs selber werden immer wieder neue Gesichter zeigen. Was gabs da nicht schon alles für Dekorationen... (nimmt verträumt einen Schluck Champagner) – Luxusdampfer, Box-arena, Kloster, die Bronx, der afrikanische Dschungel...
Eben, war doch alles schon mal da?
Du meine Güte, ganz und gar nicht. Wo soll ich da bloss anfangen? Wir hatten noch nie Cleopatras Palast oder ein Gefängnis, ein Bett im Kornfeld, ein Spiegelkabinett, eine Alphütte, den Orient-Express... So, jetzt hab ich aber genug gesagt, ich kann doch hier nicht schon alles verraten.
Man hat da was von Jacuzzi-Duschen im Darkroom läuten hören...
Wellness-Cruising quasi, soso... Lasst euch einfach überraschen. Ah, eins aber noch: Es wurde in letzter Zeit auch behauptet, wir würden für das Jahr, in dem das City-Hallenbad umgebaut wird, die «Box» im Souterrain des G-Colors-Hauses in ein Schwimmbad mit Sauna umfunktionieren – das ist zwar eine nette Idee, aber ein völlig aus der Luft gegriffenes Gerücht.
Schade eigentlich.
Eins nach dem andern. Es gibt ja so was wie langfristige Planung. Einen Betrieb im G-Colors-Haus haben wir übrigens noch gar nicht erwähnt: das G-Hotel Goldenes Schwert, wo wir unsere Gäste von ausserhalb beherbergen. Wäre natürlich schön, wenn wir einen Raum hätten, wo sich Auswärtige und Einheimische auch tagsüber kennenlernen könnten, ein Café vielleicht.
Wollt ihr etwa das Café Schober übernehmen?
Kein Kommentar. Nur so viel: Sollten wir das tun, würden wir die Fortsetzung der alten Deko-Tradition garantieren...
Ich sehe schon, dir wirds nicht so schnell langweilig...
Sag ich ja. Nur wer sich entwickelt, bleibt sich treu. Und jetzt mal Spass beiseite: Uns ist auch klar, dass wir uns in den nächsten Jahren nicht mehr mit kleinen Deko-Änderungen durchschlagen können. Darum ist im Moment wirklich ein Total-Umbau in Planung. Dabei reden wir von ein paar Millionen Franken Investitionen. So eine Sache muss aber vorsichtig geplant sein – es sind renommierte Unternehmen unabhängig voneinander beauftragt worden, Ideen auszuarbeiten. Wir sind ja nicht das Kongresshaus. Bis diese Ideen aber realisiert werden, müssen sich unsere Gäste halt vorläufig mit kleineren Überraschungen begnügen. Dennoch ist es ganz klar unsere Absicht, in den nächsten Jahren neue Zeichen für das Gay-Entertainment zu setzen. Die Zeiten haben sich geändert, nicht nur für die Banken. Kreativ statt kopflos investieren, lautet heute die Devise. Und da müssen auch wir im Entertainment-Bereich mächtig Mut zu Änderungen aufbringen.
Heisst das auch Schluss mit Travestie-Shows?
Im Gegenteil. Travestie-Künstler, die der Kunstform ganz neue Impulse geben – aber auch das ist erst noch in der Planungsphase. Lasst euch einfach überraschen.
Tamara, wir danken dir für das Gespräch und wünschen noch viele runde Geburtstage. |