Sie bringen sich um und niemand schaut hin
Sexuelle Orientierung und Suizidalität

Schwule, lesbische und bisexuelle Jugendliche haben ein signifikant erhöhtes Suizidrisiko. Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Schulen. Dies zeigt ein Bericht im Auftrag der Schweizer Dachorganisationen der Lesben, Schwulen und ihrer Eltern. Der Bericht wurde an der Fachtagung «S.O.S. - Sexuelle Orientierung in den Schulen» an der Universität Zürich am 16. Mai vorgestellt.

Für den Bericht «Sexuelle Orientierung und Suizidalität» analysierte Autor Christian Leu Studien aus Nordamerika und Europa sowie die wenigen Daten aus der Schweiz. Die Datenlage war schwierig. Die einzelnen Studien arbeiteten mit sehr unterschiedlichen Gruppen, mit sehr unterschiedlichen Methoden und Fragestellungen. Das erhöhte Suizidrisiko lässt sich deshalb nicht in einer einzigen Prozentzahl ausdrücken. Der Bericht zeigt aber klar, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Suizidrisiko und sexueller Orientierung.

Schlüsselrolle
Gerade die Schulen ignorieren und tabuisieren die sexuelle Orientierung und Identität. Sie lassen die Diskriminierung und Ausgrenzung adoleszenter Homo-, Bi- und Transsexueller durch Gleichaltrige zu. Die daraus entstehenden psychischen Probleme spielen beim Suizidrisiko eine entscheidende Rolle.
Der Bericht zeigt, dass:

  • die Schule einen wesentlichen Einfluss auf das Befinden von les-bi-schwulen oder nicht genderkonformen Jugendlichen hat;
  • eine aktive Aufgeschlossenheit der Schulen im Bereich sexuelle Orientierung und Identität zu den stärksten Schutzfaktoren zählt;
  • die Schulen ein geeigneter Ort sind, um sexuelle Orientierung und Identität auf allen Altersstufen und fächerübergreifend zu thematisieren,
  • Schulen ein homosexuell-affirmatives Klima (Lehrpläne, Strategien, Unterstützungsgruppen) schaffen können.

Der Bericht belegt ein fehlendes Bewusstsein für die Problematik, die sich in der Schweiz und anderswo in der spärlichen Anzahl entsprechender Studien widerspiegelt. Ein wichtiges Ziel dieses Berichtes ist deshalb, dass Stellen, die sich mit Suizid befassen, themenkonforme Präventionsstrategien für homo-, bi-, und transsexuelle Adoleszente entwickeln.
Die Zuständigkeit für Suizidprävention ist in der Schweiz unbefriedigend, da sie in der Verantwortung der Kantone liegt. Kantonale und regionale AkteurInnen blenden aber meist die Thematik aus. Für nationale Informations-, Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagnen fehlen die rechtlichen Grundlagen. Mit dem Bundesgesetz über Prävention und Gesundheitsförderung, das der Bundesrat 2008 in die Vernehmlassung gegeben hat, könnte diese Lücke geschlossen werden.

Forderungen
Für eine spezifische Suizidprävention homo-, bi- und transsexueller Menschen ist es wichtig, diese Gruppe als Risikogruppe für eine erhöhte Suizidalität zu erkennen und diese Erkenntnis in den privaten und öffentlichen Suizidpräventionsprogrammen zu verankern. Anstrengungen braucht es namentlich auf folgenden Ebenen:

Schule:

  • Frühe, regelmässige und wertneutrale Thematisierung von Homo-, Bi, und Transsexualität namentlich in Zusammenhängen wo es um Selbstbilder, Vielfalt, Gesellschaft und Lebensformen geht.
  • Die Thematisierung muss fächerübergreifend und in allen Altersstufen erfolgen.
  • Verankerung dieser Inhalte in Lehrplänen, Lehrmitteln.
  • Vorbereitung der Lehrpersonen in Aus- und Weiterbildung.
  • Schulregeln und Diversity-Politiken, welche allen sexuellen Orientierungen und Identitäten gerecht werden.

Sozial- und Gesundheitsbereich:

  • Sensibilisierung von Fach- und Beratungsstellen sowie der Jugendarbeit für Fragen der sexuellen Orientierung und Identität.
  • Vorbereitung der Fachpersonen im Sozial- und Gesundheitswesen auf Fragen der sexuellen Orientierung und Identität.
  • Rasche Einführung des nationalen Gesetzes zur Prävention und Gesundheitsförderung.

Gesellschaft:

  • Sensibilisierungsprogramme, die der Stigmatisierung von Homo-, Bi- und Transsexualität entgegenwirken. Dafür zuständig können sein:

    - die Medien
    - Politik und Behörden
    - Familien und ihre Organisationen
    - besondere gesellschaftliche Organisationen, über die das Umfeld von Homo-, Bi- und Transsexuellen erreicht werden kann.

 

von Christian Leu, Schüpfen