Brüno hält den Spiegel vor
Sacha Baron Cohen provoziert mit seinem neuen Film nicht nur die Schwulen.

Mit Brüno schickt Sacha Baron Cohen eine gewagte Persona auf Pro-vokationskurs. Ausgerechnet ein schwuler österreichischer Modejournalist tritt einigen «Schwestern» ziemlich auf den Schlips, hält man diesen doch den Spiegel vor.

In den Staaten gab‘s bereits Proteste. Brüno ist trotzdem Pflichtprogramm. Nicht des Skandals wegen, sondern aufgrund dessen Geschicks, die Doppelmoral der Gesellschaft zu entblössen. Komiker Sacha Baron Cohen weiss genau, wie man Aufsehen erregt und welcher Stereotyp mal so richtig ins Rampenlicht geprügelt werden soll. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Gay-Community von ihm provoziert wurde. Mit Brüno – teils Model, teils Reporter des Österreichischen Jungenrundfunks (OJRF) – bekommt sie ihr Fett weg. Aber es ist nicht die reine Zurschaustellung, die belustigt. Cohen benutzt seine Charaktere, um auf gewisse Dinge hinzuweisen, schonungslos und ehrlich.
Wie Borat oder Ali G ist auch Brüno ein erprobter Held in Cohens Repertoire und treibt mit seiner freizügigen Art so manche Puritaner oder Modeschöpfer in die Verzweiflung. Ausgestattet mit sämtlichen Klischees des homosexuellen Mannes ist Brüno dort zu finden, wo es Spass macht – und meist auch ein bisschen weh tut.

Knutschende Muskelmänner
Brüno, die Supertunte, treibt weltweit ihr Unwesen. Im ersten Kino-abenteuer lädt er beispielsweise im konservativen Arkansas zum «Cage Fight» mit heissen Girls ein – und schockiert die Gäste mit knutschenden Muskelmännern im Käfig.
Weiter mischt er sich in Mailand in unmöglichen Klamotten unter die Models und stolziert ungefragt über den Laufsteg. Und in Berlin heimst Brüno als geschmacksverirrter DJ eine ordentliche Tracht Buhrufe ein. Ein Highlight des Films ist Brünos Versuch, sich ein exklusives Interview über Schwulenrechte mit Arnold Schwarzenegger zu ergattern.

Comedy gegen Homophobie
Brüno ist das Spiegelbild eines Schwulen, wie es im Bilderbuche steht: Modeopfer (Hotpants, Leoparden-Bikini), körperbewusst, sehr freizügig und mit speziellen Attributen (wie z.B. nackt auf einem Einhorn reitend). Amerikas Schwulen-Organisationen protestieren lautstark. Die amerikanische Homophobie satirisch darzustellen, sei wohlmeinend, meint ein Vertreter der «Gay and Lesbian Alliance Against Defamation», fügt aber hinzu, dass «der Film an vielen Stellen problematisch und beleidigend wirkt». Dem entgegnet die Produktionsfirma Universal in einem offiziellen Statement: «Brüno benutzt provokante Comedy, um ein Licht auf die Absurdität von Intoleranz und Ignoranz wie der Homophobie zu werfen».

Fundamentalisten als Witzfiguren
In der Tat liegt die Stärke des Films in jenen Szenen mit homophober Meute, die tatsächlich noch mit Transparenten («God hates fags») auf der Strasse rumlaufen und für Aufsehen sorgen. Selbstverständlich taucht Brüno auch dort auf. Und das ist so mutig, wie verwegen. Ohne Scheu, dafür skrupellos, fällt er über die christlichen Fundamentalisten her, dass sich diese trotz Frömmelei im Fegefeuer wähnen. Da wird nicht nur über Schwule gelacht, sondern hier verkommen die sogenannten «Normalen» zu Witzfiguren, deren Engstirnigkeit sie zu Karikaturen ihrer selbst werden lässt.

Auf Tuchfühlung mit Eminem
Dass die meisten Schwulen und Lesben die Ironie in Brüno erkennen, glaubt auch der Chefredaktor Aaron Hicklin des Out-Magazins gegenüber der «New York Times». Schliesslich können gerade Lesben und Schwule herzhaft über sich selber lachen. Ausserdem glaubt Hicklin an eine positive Botschaft für das Massenpublikum: «Die Multiplex-Masse würde sich normalerweise nicht hinsetzen und sich eine zweistündige Vorlesung über Homophobie anhören - aber genau das wird passieren».
Auf Tuchfühlung mit Brüno durfte jedenfalls bereits Rapper-Rüppel Eminem gehen. In einer perfekt inszenierten Einlage an den MTW-Movie-Awards landete Brüno, als sexy Engel verkleidet, vermeintlich aus Versehen mit seinem nackten Hintern auf Eminems Gesicht. Als gefallener Engel macht man heutzutage Werbung bei Mainstream-Teenagern. Doch nicht nur diesen sollte die Begegnung mit dem hemmungslosen Lümmel Brüno vorbehalten sein. Sacha Baron Cohens Film ist Pflichtprogramm. Eine unartige Satire und eine vergnügliche Stichelei in der Welt des schönen Scheins.

Ab 8. Juli im Kino

     Von Daniel Diriwächter