 |
Rosa Pinoys
Religiösen Riten bis zum Blutfliessen stehen einem lockeren Umgang mit schwulem Leben gegenüber
Obwohl die katholische Kirche einflussreich ist, haben die Filipinos
eine relativ entspannte Einstellung gegenüber Schwulen. Die erste Gay Pride Asiens fand 1994 auf den Philippinen statt. Dennoch ist das schwule Nachtleben in Manila spärlich. Michael Lenz hat auf seiner Reise eine tiefe Diskrepanz zwischen Glauben und Leben erlebt.
Seit fünf Jahren ziehe ich durch Südostasien, war aber noch nie auf den Philippinen und fand daher, es sei an der Zeit, das zu ändern. Die Philippinen hatten nie einen Top-platz in meiner «Wo-ich-immer-schon-mal-hinwollte-Liste». Ich habe das Land immer mit Habgier, Korruption, Gesetzlosigkeit, politischem Durchein-ander und katholischer Bigotterie in Verbindung gebracht. Und was habe ich vorgefunden? All das. Aber die Philippinen, immerhin das einzige katholische Land Asiens, waren auch für angenehme Überraschungen gut. Die Pinoys, wie sich die Filipinos nennen, sind ein freundliches Völkchen und da Englisch die Landessprache neben dem einheimischen Tagalog ist, kann man sich mit ihnen auch gut verständigen.
Kluft zwischen Arm und Reich
Selbst Manila war eine Überraschung. Die Stadt ist nicht so heruntergekommen, wie ich mir sie vorgestellt hatte. Der Verkehr weniger chaotisch wie in anderen asiatischen Städten und Manila ist sehr grün, selbst in den zahlreichen Slumvierteln, in denen Millionen von armen Menschen leben. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den Philippinen sehr tief und man sieht mehr arme, obdachlose Männer, Frauen und Kinder auf den Strassen als in Jakarta oder Phnom Penh.
Aktive Schwulenbewegung
Das schwule Nachtleben in Manila
ist spärlich und besteht aus einer handvoll von Bars wie dem «Che Lu» oder dem «Bed». Praktischerweise befinden sie sich alle an der Strassenecke von Julio Makpil and Maria Orosa Street in Malate, einem der Zentren des Nachtlebens von Manila. Aber Schwule sind in Manila und im Rest der Philippinen überall zu finden. Vor allem die Shopping Malls sind populäre Cruisingorte. Jun Pines, Manager des einzigen schwulen Reisebüros in Manila, sagt: «Obwohl die katholische Kirche eine sehr machtvolle Institution ist, haben die Filipinos eine relativ entspannte Einstellung gegenüber Schwulen.» Trotz Kirche und jahrhundertelanger spanischer Kolonialherrschaft gibt es keine Gesetze gegen Homosexualität. Es gibt auch eine reichlich aktive Schwulenbewegung, deren prominenteste Organisation «Progay-Philippines» 1994 die erste Gay Pride Demo Asiens veranstaltet hatte.
Ladyboys und Lifekreuzigungen
Wie in jedem anderen Land in Südostasien gibt es auch auf den Philippinen viele Ladyboys. Sie sind überall zu finden, selbst in den Dörfern und auf dem Hof von Jesus. Seit 23 Jahren wird der 48 Jahre alte Schildermaler Ruben aus dem Dorf San Pedro, 80 Kilometer von Manila entfernt, immer am Karfreitag zum Jesus. Dann nämlich lässt er sich mit richtigen Nägeln an ein richtiges Kreuz nageln. Als ich Ruben am Gründonnerstag in seinem Haus in San Pedro Cutud besuchte, war unter der bunten Schar Halbwüchsiger im Hof dieser grell geschminkte Jungmann mit lackierten Fingernägeln, der hemmungslos mit mir flirtete. Der Kirche sind sowohl die Lifekreuzigungen als auch die Ladyboys ein Dorn im Auge. Vor allem, wenn die Ladyboys, als weibliche Heilige verkleidet, in den Prozessionen des jährlichen Blumenfestivals «Santacruzan» zu Ehren der Muttergottes mitziehen. Manilas Erzbischof Gaudencio Kardinal Rosales findet das «abscheulich» und eine «Beleidigung der gesegneten Mutter». Toleranter zeigt sich inzwischen das Militär der Philippinen, das seit diesem Jahr auch schwule Soldaten akzeptiert, solange sie sich nicht «zu schwul» verhalten. Das ginge nicht überein mit dem Machotum, das die Filipinos wohl von ihren ehemaligen spanischen Kolonialherren geerbt haben.
Atemberaubend schöne Natur
Von Manila aus bin ich nach Bohol geflogen, einer Insel, die nicht so ganz im schwulen Golfstrom liegt. Die meisten schwulen PhilippinenUrlauber bevorzugen Cebu (das mit Bohol durch Fähren verbunden ist) oder Boracay. Beide Destinationen haben aber durch den Massentourismus viel von ihrem exotischen Charme verloren. Genau genommen, bin ich auf ein Inselchen namens Panglao gereist, das mit Bohol durch ein Brückchen verbunden ist. Panglao hat alles, was man von einem tropischen Paradies erwartet – blaues, warmes Meer; Palmen am weissen Sandstrand; üppige tropische Vegetation; klarer Sternenhimmel bei Nacht. Das ist es, was die Philippinen ausmacht: atemberaubend schöne Natur, Traumstrände, die besten Tauchgründe der Welt, Vulkane, Urwälder und Berge. Wer Tauchen oder Schnorcheln mag, ist auf Panglao absolut am richtigen Platz. Die Korallenriffe um die Insel haben eine grössere maritime Artenvielfalt als das Mittelmeer. Es gibt keine schwulen Bars in Alona Beach, Panglaos touristischem Zentrum. Aber die Blicke lügen nicht, die mir dort so mancher der Pinoys zugeworfen hat. Offenbar ist so mancher Tauchlehrer, Kellner oder Rezeptionist durchaus offen für neue Bekanntschaften. Die Hauptattraktionen der grösseren Nachbarinsel Bohol sind die eigenartigen geologischen Formationen der «Schokoladenhügel» und vor allem die knuddeligen Koboldmaki mit ihren kugelrunden Kulleraugen. In diesem Jahr waren die Boholianer zudem mächtig stolz, als einer der ihren in dem seit 30 Jahren mit viel Pomp und Mediengetöse veranstalteten Wettbewerb «Miss Gay Philippines» gekrönt worden war.
Madonnenstatuen im Puff
Es war für mich gewöhnungsbedürftig zu erleben, wie präsent der katholische Glaube einerseits ist, und wie locker sich andererseits die Filipinos gerade über die Sexuallehren der Kirche hinwegsetzen. In Malate tragen die jungen Burschen, die jeden männlichen Passanten auf der Strasse anzischen «Viagra? Cialis? I can give you good price» Heiligenamulette um den Hals. In den Foyers von Stundenhotels stehen Madonnenstatuen vor denen sich Nutten und Freier bekreuzigen. Auf seinem Handy hat der schmucke Stricher Edwin ein Jesusbild. Er zeigt es mir voller Stolz und sagt mit einigem Ernst: «Das ist mein Boyfriend.»
Von Michael Lenz, Manila |