Viva la Diva
Der Schwule und die Diva – eine Liebesgeschichte

Es wird der Herbst der charismatischen Popqueens. Aber gibt es sie noch, die wahre Diva, die Göttliche? Nach welchen Regeln funktioniert das Konzept? Ein Plädoyer für die Diva auf der Bühne, auf der Leinwand, in den Träumen, in jedem von uns. Sie ist wandelbar geworden und unsterblich geblieben.

Was ist das Faszinierende an einer Diva? Warum gerade sie? Mal einen Fan fragen, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Also: «Warum Mariah Carey?» «Sie ist Mariah», antwortet er mit gleichmässiger Betonung auf IST und Ma-ri-ah, im Unterton fast beleidigtes Erstaunen. Mehr Erklärung kommt nicht.
Mitte September veröffentlicht Carey ihr neues Album. Überaus erfolgreich hat sie sich der Ästhetik des amerikanischen Hip Hop unterworfen, gibt zwischen Selbstbestimmung und Prostitution den Ton an. Auf den gleichen Termin fällt das Comeback eines weiteren Oktavenwunders: Whitney Houston. Die jahrelange Drogensucht hat zwar ihre Spuren hinterlassen, auf den Bildern lassen sich diese mit Photoshop verwischen, auf den Stimmbändern nicht, doch auch sie weiss noch genau, wie’s geht. Das Duell ist lanciert, ganz oben ist die Luft dünn. Houstons Konkurrenz mache Carey sehr nervös, will die New York Times wissen. Fans geben sich derweil in Internet-Foren fast so zickig wie die Stars selbst. «Akzeptiert endlich alle, dass sie die beste ist» oder «Die soll ihr das Wasser reichen können? Lächerlich!»
Ein Wörtchen mitsingen will auch Barbra Streisand. Mit Diana Krall hat die lebende Legende Jazz-Standards eingespielt, verzichtet zugunsten des Zeitlosen wie gewohnt auf das Modische. Samtstimme und Samthandschuhe, alles nah am Kitsch und doch bezaubernd echt. Streisand zelebriert in unmittelbarer Nähe zur Perfektion den Makel. Die Nase ist krumm, ja, na und, die Macken kann sie sich leisten. Überhaupt ist die Allüre unverzichtbares Accessoire jeder Diva und aller, die es gerne wären. Streisand geht nur über Teppich, Carey steigt keine Stufen. Die Diva hat ihren Preis, sie kos-tet Nerven. Doch sind die Popqueens von heute noch wahre Diven? Was ist geschehen von Callas bis Carey? Und warum sind die schwulen Verehrer der Diva treu geblieben?

Geschichte einer Fallhöhe
Das Attribut divus/diva, lateinisch für göttlich, war in der Antike himmlischen Wesen vorenthalten,  etwas später wurde es auch Kaisern zugeschrieben, irdischen Stellvertretern. Seit dem 19. Jahrhundert fand der Begriff Verwendung für Bühnendarstellerinnen, die Operndiva ist die Mutter aller neuzeitlichen Divenfiguren. Lange Zeit blieb die Opernbühne ihr bevorzugtes Zuhause, man denke an Elisabeth Schwarzkopf oder Maria Callas. Ihr goldenes Zeitalter erlebte die Diva, als sie die Leinwand eroberte: Joan Crawford, Marilyn Monroe, Rita Hayworth Greta Garbo (die Göttliche!), die Liste ist lang. Spätere Vertreterinnen sind Bette Midler oder Streisand, die die Rückeroberung des Musik-Terrains in Angriff genommen haben.
Fallhöhe ist nach wie vor entscheidend, doch heute fällt die Diva nicht mehr vom Himmel oder von der Bühne, sondern höchstens aus der Rolle, die sie ganz und gar einnimmt. «Privates und öffentliches Leben fallen zusammen, die Diva ist verletzlich und erfolgreich, Macht und Opferrolle werden vereint», so erklärt die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen die Diva. Man blickt zur ihr hoch, sie blickt in Abgründe. Sie ist immer einsam und hat doch immer ein Publikum. Sie braucht Konstanz und Instabilität, braucht den Glamour und das Tragische.
Und sie braucht Distanz. Ursula Andress und Michelle Hunziker sind nicht in Ostermundigen zu Diven geworden. Mundart-Sängerin Sandee hat soeben auch eine CD herausgebracht, «Diva?». Sandee ist die helvetische Anti-Diva, sie besingt das Marzili und setzt hinter die Diva ein bescheidenes Fragezeichen. Als die Weltwoche kürzlich unter dem Titel «Schweizer Frauen – Von Gotthelfs Vreneli bis zur Ski-Prinzessin Lara Gut» ein Loblied anstimmte, entstand lediglich eine Hommage an die verwurzelte Biederkeit. Die echte Diva hat keine Wurzeln, sie hat Flügel. Ihr die Bodenhaftung, die Erdung. Sie kann fallen, man verfällt ihr. Wie hiess doch gleich Careys neues Album? «Memoires of an Imperfect Angel».
Eine Diva hat das Talent zur Balance, zur Gratwanderung. Ständig läuft sie Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, einen der vielen Aspekte des schillernden Gesamten zu stark zu betonen. Zu nett wie Kylie, zu unreif wie Britney, zu mütterlich wie Liz Taylor, zu skandalfrei wie Céline Dion, zu humorvoll wie Bette Midler, zu künstlich wie Cher oder zu überirdisch wie Grace Jones. Ob die Balance hält, entscheidet in letzter Instanz der Fan.

Rollenspiele eines Traumpaars
Unentbehrliche ist zudem das Theatralische, Spielerische. Dazu gehört seit jeher das Spiel mit den Geschlechterrollen. Zu Shakespeares Zeiten spielten Männer die Frauenparts, in der Ära der grossen Hollywood-Diven hatten die weiblichen Stars plötzlich die Hosen an. Heute steht die Kategorie Diva allen offen. Dank Metrosexualität ist der Begriff im Sport angekommen, auch der Fussballstar kann eine Diva sein. Eine männliche Form des Wortes hat sich allerdings nicht durchgesetzt. Spielelement zwischen Diven und Fans ist das Imitieren. Die markanten Gesten lassen sich kopieren. Wenn sich die Drag Queen in Marilyn-Pose wirft, wenn It-Girls als Superzicke auf Superdiva machen oder wenn im Extremfall der Nachbar in der Karaokebar Streisand singt, offenbart sich ein zusätzlicher Balanceakt: Unerreichbarkeit gegen Imitierbarkeit.
Weiteres Register der Diva ist die Projektion. Zwischen Verfügbarkeit und Distanz, Glitzern und Scheitern spannt sich die immense Projektionsfläche für schwule Fans. Vorbild, Freundin, Superheldin, Botschafterin, sie kann alles sein. Ausser eines vielleicht, das Objekt sexueller Begierde. Im Gegensatz zum Hetero will der Schwule die Diva nicht besitzen und erobern, er nimmt sie zwar als sexuelles Wesen wahr, es geht aber um Meta-Sexualität, um sexuelle Freiheit. Der deutsche Journalist Jan Feddersen behauptet sogar, der Schwule habe die Diva erfunden, weil er mit dieser Rolle der Frau die Möglichkeit gegeben hat, nicht nur Mutti oder Liebhaberin zu sein, sondern Hoffnungsträgerin.
Die Gay-Community liegt den Diven nicht blind zu Füssen, sie steht ihnen auch zur Seite, und das nicht nur als Stylist oder Friseur, es ist ein Geben und Nehmen. Barbra Strei-sand hatte ihren allerersten Auftritt in einer Schwulenkneipe in Brooklyn, Madonna hat wie viele andere von Beginn weg Elemente der queeren Subkultur in ihr Repertoire aufgenommen. Um später von ihr wieder imitiert zu werden. Vergleicht man die Manege der Popdiven mit der Manege eines Gay-Clubs, fragt man sich schon mal, wer hier nun wen imitiert.
Der Schwule und die Diva sind ein unzertrennliches Traumpaar. In manchen Fällen wird aus der Diva eine Gay-Ikone: Judy Garland, Zarah Leander, Liza Minelli. So mancher Schwule würde sich eher die Initialen seiner Diva tätowieren lassen als diejenigen seines Lovers. Er ist ihr treu und sie dankt es ihm. Ausnahme: Die Discodiven Diana Ross und Gloria Gaynor, die ihre Treue brachen, als sie (angeblich) religiös-moralische Anti-Gay-Statements von sich gaben.

Geheimnis einer Diva
Immer wieder ist von der letzten Diva die Rede, von ihrem Abstieg und Untergang. Die Rahmenbeding-ungen sind anders, der Begriff lässt mehr Spielraum zu, zweifellos. Aber die Diva lebt. Wer es nicht glaubt, der gehe mit schwulen Fans an ein Madonna-Konzert. La Ciccone könnte es Houston und Carey übrigens schwer machen, denn auch sie steigt mit einem Best of in den Kampf der Popdiven um die Chartspitze. Wenn bei ihrem Auftritt der Jugendwahn auf das Schicksal des Menschseins trifft, Perfektion auf Pannen, das Wunderbare auf das Verwundbare, Glamour auf Gays, wenn die Königin arrogant-ironisch vom Thron steigt oder herzzerreissend «You must love me» singt, dann entsteht aus all den gelungenen Gratwanderungen das Absolute der Diva. Sie braucht keine Rechtfertigung, keine Fragen, keine Nebensätze. Sie braucht nur ihre Bewunderer, und derer kann sie sich sicher sein. Denn sie ist Madonna. Punkt.
Da fällt mir ein: Es war der Punkt, auf dem die Betonung lag. Ich schreibe dem Carey-Fan ein SMS und bedanke mich dafür, dass er mir alles erklärt hat, frage ihn in einem Nebensatz noch, ob wir heute Abend was trinken gehen wollen. Er, ganz Diva, antwortet nicht, und irgendwie gefällt mir das.

von René Gerber