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Aids-Hilfe: Einsatz für die schwule Gesundheit
Nach unserem Interview mit einem HIV-Betroffenen nimmt die Aids-Hilfe Schweiz Stellung
«Was tut eigentlich die Aids-Hilfe für uns schwule Männer?» Diese Frage haben sich schon manche gestellt. Wohl sind wir überall präsent mit unseren Präventionskampagnen. Kaum ein schwuler Mann, der nicht mit den Mitarbeitern der Aids-Hilfe, den Infos im Web und den Broschüren in Berührung kommt.
Doch offenbar wissen nur die wenigsten, mit welchen Mitteln wir uns sonst für Männer, die Sex mit Männern haben, und für HIV-Positive einsetzen. HIV-Prävention ist nur die eine Seite. Unser Engagement für die Betroffenen und unser Einsatz für die Solidarität scheint zu wenig sichtbar zu sein. Höchste Zeit deshalb, über diesen Teil unserer Arbeit zu berichten.
Das klassische Bild ist überholt
Der Mitarbeiter, der in der «Szene» Kondome und Infoflyers verteilt, entspricht wohl dem klassischen Bild, das die Schwulen von der Aids-Hilfe haben. Die Aids-Hilfe hat aber im Laufe der Zeit eine Vielfalt weiterer Angebote entwickelt. Zudem gewinnen andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis, Tripper, Hepatitis oder Chlamydien an Bedeutung. Wenn es um schwule Gesundheit geht, werden HIV und Aids zunehmend als nur ein Aspekt unter vielen betrachtet.
Spricht man von schwuler Gesundheit, sind an erster Stelle sicher die Checkpoints zu nennen. Diese Gesundheitszentren in Zürich und Genf sind ganz auf die Bedürfnisse von schwulen Männern zugeschnitten. Betrieben werden sie von der Zürcher Aids-Hilfe respektive von Dialogay in Genf. Die Checkpoints beraten, testen und therapieren HIV. Die Pflegefachmänner und Ärzte behandeln aber auch andere sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis, Tripper, Hepatitis oder Chlamydien.
Viele Schwule, die Risikosituationen eingegangen sind, fürchten sich vor dem HIV-Test und einer möglichen positiven Diagnose. Diese Angst kann auch der Checkpoint nicht nehmen, doch die Art und Weise der Betreuung senkt die Hemmschwelle vor einem Besuch. Das Hauptinstrument ist die Beratung. Sollte das Resultat des Tests positiv sein, so wird dieses nur persönlich mitgeteilt. Hat ein Patient ein positives Resultat, so wird das weitere Vorgehen mit ihm besprochen, die nächsten 24 Stunden werden geplant; bis zum nächsten Treffen einen Tag später oder so lange wie eben nötig. Der Patient wird so emotional gestützt.
Checkpoint mit schwulen Mitarbeitern
Viele Hausärzte kennen sich nicht wirklich mit schwulem Sex und dessen Risiken aus. Es braucht daher einen Ort, an dem Homosexuelle schlicht und einfach willkommen sind, selbstverständlich anonym.
Wenn den Schwulen mehr Verständnis entgegengebracht wird, ist die Bereitschaft grösser, sich auf HIV oder andere sexuell übertragbare Krankheiten testen zu lassen. Dies ist wichtig: Wenn der HIV-Positive von seinem Status weiss, kann die Infektion frühzeitig behandelt werden. Und der therapierte HIV-Positive hat ein kleineres Risiko, das Virus weiterzugeben. Jonas*, 29, lebt seit drei Jahren mit HIV: «Die Kontrolle meiner Blutwerte alle drei Monate mache ich immer beim Checkpoint, dort werden alle meine Fragen ausführlich beantwortet.» Jonas*, 29, lebt seit drei Jahren mit HIV.
Von Beginn an wurde der Checkpoint äusserst rege in Anspruch genommen. Es können auch mal bis zu 20 Patienten an einem Tag sein. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass der Checkpoint nur vier Stunden pro Tag viermal die Woche geöffnet ist. Schon mehrmals wurden die Öffnungszeiten ausgedehnt – neu ist der Checkpoint auch am Sonntag von 16 bis 20 Uhr geöffnet. Der Grund liegt auf der Hand: Wenn es um schwule Gesundheit geht, ist der Checkpoint die erste Anlaufstelle.
Erfolge in der Prävention: eine Mission Possible!
Noch ein Wort zur Prävention: Die steigenden Zahlen der Neuansteckungen bei Männern, die Sex mit Männern haben, bereiten uns seit Jahren Kopfzerbrechen. Neu scheint dieses Jahr endlich der Durchbruch geschafft zu sein: Die Zahl der Neuansteckungen gehen zurück, zum ersten Mal seit 2002! Die Trendumkehr dürfte etwa im August 2008 stattgefunden haben, zeitgleich mit dem Ende der Phase 3 der nationalen MSM-Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz: «Mission: Possible!». Die dreimonatige Intensiv-Kampagne, die von Februar bis April 2008 auf die Symptome einer Primoinfektion mit dem HI-Virus aufmerksam gemacht und schwule Männer zum
Testen aufgerufen hat, scheint Früchte zu tragen. Dies ist ein schöner Erfolg, der uns zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Doch wir wissen: Es bleibt noch viel zu tun.
Mit aller Kraft gegen die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen
«Das Risiko, HIV-positive Arbeitnehmer zu vermitteln, ist uns zu gross»: Solche Aussagen von Stellenvermittlern sind leider immer noch Alltag in der Rechtsberatung.
Aus unserer alltäglichen Arbeit wissen wir, wie verbreitet Vorurteile
gegenüber HIV-positiven Menschen immer noch sind. So wird unsere kostenlose Rechtsberatung für HIV-positive Menschen immer wieder mit Diskriminierungen konfrontiert, insbesondere im Erwerbsleben. Das zeigt die Geschichte von Urs P.*: Urs P. ist seit längerer Zeit arbeitslos und meldet sich bei einem Stellenvermittlungsbüro an. Im Gespräch mit der dortigen Personalberaterin erwähnt er nebenbei, dass er HIV-positiv sei. Die Beraterin reagiert bei dieser Bemerkung zwar etwas irritiert, abgesehen davon, läuft das Gespräch nach dem Gefühl von Urs jedoch gut. Einen Tag später erhält Urs einen Telefonanruf von der Beraterin. Die überraschende Mitteilung: Leider könne man ihn nicht vermitteln. Das Risiko, den Arbeitgeber und Kunden zu verlieren, sei ihr und ihrem Betrieb zu hoch. Urs P. hat sich an uns gewandt. Wir kontaktierten die Beraterin und konnten im Gespräch erreichen, dass sie sich bei Urs P. entschuldigt und ihm in der Folge eine Stelle vermittelt hat.
Solche Fälle kommen leider immer wieder vor. Viele HIV-positive Menschen sind zwar gut integriert und leben ein weitgehend normales Leben. Trotzdem: Vorurteile gegenüber HIV-positiven Menschen bestehen weiterhin. Sie sitzen tief und sind irrational. Doch wie der Fall Urs P. zeigt, sind Interventionen im Einzelfall sehr wirkungsvoll. Wir kämpfen aber auch auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene gegen Diskriminierungen:
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Solidaritätskampagne: Am 2. November startet die diesjährige Kampagne mit Prominenten, unter anderem dem Rapper Stress und dem Model Xenia Tchoumitcheva.
- workpositive.ch: Die neue Internet-Plattform für Arbeitnehmende und Arbeitgeber/innen informiert umfassend über die rechtliche Situation von HIV-positiven Meschen in der Erwerbstätigkeit.
- Lobbying: Auf politischer Ebene setzen wir uns direkt bei den Parlamentarierinnen und Parlamentariern dafür ein, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen für HIV-positive Menschen stimmen.
- Meldestelle: Die Aids-Hilfe Schweiz ist die nationale Meldestelle für Diskriminierungsfälle im Zusammenhang mit HIV und Aids. Wir leiten alle uns gemeldeten Diskriminierungen an die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen, einem Expertengremium des Bundesrates, weiter.
- Strafbarkeit der HIV-Übertragung: Wir setzen uns wehement dafür ein, dass die Rechtssprechung zur Übertragung des HI-Virus geändert wird und HIV-positive Menschen nicht kriminalisiert werden.
Therapie und Infektiosität: neue Erkenntnisse
Im letzten Jahr sorgte ein Statement der Eidgenössischen Kommis-sion für Aids-Fragen (EKAF) für Aufsehen: Dieses Schweizer Expertengremium hatte bekannt gegeben, dass Menschen mit HIV unter bestimmten Bedingungen das Virus beim Sex nicht mehr übertragen können. Hauptbedingung ist eine erfolgreiche antiretrovirale Therapie - wobei «erfolgreich» bedeutet, dass das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist. Das Statement war sehr umstritten, da befürchtet wurde, dass dieses die Safer Sex-Botschaften torpediere. Die Aids-Hilfe Schweiz hat das Statement von Anfang an mitgetragen und gegenüber den Medien verteidigt. Denn wir sind überzeugt: Diese Erkenntnis wird ein weiterer Schritt sein, dass HIV-positive Menschen ein weitgehend normales Leben führen können und von der Gesellschaft akzeptiert werden.
Für Menschen mit HIV ändert sich mit dieser neuen Erkenntnis vieles: Sie können Sex ohne Kondom haben. Sie können sich ganz einfach freier fühlen. Manche macht diese Nachricht aber auch unsicher. Wie verlässlich ist die HIV-Therapie? Ist es auch wirklich sicher, dass der Partner beim ungeschützten Sex nicht angesteckt wird? Die neue Information bauen wir laufend in unsere Kommunikation ein. Insbesondere auf www.aids.ch in den neuen Broschüren für Männer, die Sex mit Männern haben, und den Beratungsgesprächen in den Checkpoints wird darauf hingewiesen.
Ein Dach für schwule Gesundheit im Internet
Zuletzt möchten wir euch noch mitteilen, dass wir im Dezember mit einem neuen Angebot in der Gay-Community präsent sein werden: einer Internet-Plattform für Schwule. Sie wird Gesundheit, Lifestyle und Unterhaltung in einem neuartigen Konzept verbinden. Unsere ganze Energie haben wir in den letzten Monaten in dieses Projekt gesteckt. Wir sind gespannt, wie die Plattform bei euch ankommen wird. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten: Wir werden diese Neuheit in der nächs-ten Cruiser-Nummer ausführlich vorstellen.
Schwule Gesundheit, Unterstützung von HIV-positiven Menschen, Einfluss nehmen auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Aufrufe zur Solidarität – die Arbeit der Aids-Hilfe ist sehr vielfältig. Wir hoffen, mit diesem Beitrag einen Einblick in unsere Aufgaben gegeben zu haben. Sichtbar ist die Aids-Hilfe mit ihren Kampagnen; ein grosser Teil der Alltagsarbeit findet aber im Stillen statt. Dies ist jedoch nicht weniger von Bedeutung.
*Namen zum Schutz der Personen geändert.
Von Daniel Bruttin (Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz) und
Reto Jeger
(Geschäftsleiter der Zürcher Aids-Hilfe)
www.aids.ch
www.aids-zh.ch
www.checkpoint-zh.ch
www.workpositive.ch
Kommentar
Von Martin Ender
Die Arbeit der Aids-Hilfen in der Schweiz war und ist immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt. Dies seit ihren Anfängen. Präventionskampagnen wurden zerpflückt. Besserwisser gab es allzeit rundum, Bessermacher aber kaum.
Noch Ende Sommer gab es Stellen, welche die Aids-Hilfe Schweiz kritisierten, ihre Kampagnen fruchteten nichts, man operiere an der Zielgruppe vorbei. «Belegt» wurde diese Aussage mit den immer noch steigenden Ansteckungszahlen speziell bei Männern, die mit Männern Sex haben.
Mitte Oktober nun wurde in Brüssel eine Studie vorgestellt. Sie attestiert der Schweiz eine «Nahezu perfekte Aids-Prävention». Bei der Bekämpfung von HIV und Aids gehört die Schweiz im europaweiten Vergleich zur Spitzengruppe. Sie liegt auf Rang drei. Ausgerechnet in dieser Situation, wo sich die Aids-Hilfe Schweiz in ihrer Arbeit bestätigt fühlt, brachte der Cruiser ein Interview mit einem HIV-Betroffenen (nachzulesen auf www.cruiser.ch), in dem hapige Vorwürfe auch an die Aids-Hilfen gemacht wurden.
Die Reaktionen blieben nicht aus. Es gab Gratulationen, dass der Cruiser so ein Interview veröffentlicht. Es gab Zustimmungen zur Meinung des Interviewten. Aber auch konträre Meinungen. Die Aids-Hilfe Schweiz war nicht gerade begeistert, kam durch das Interview aber zur Einsicht, dass zu wenig bekannt ist, was sie alles tut und dass sie dagegen etwas tun muss. Die Zürcher Aids-Hilfe, die näher an der Szene dran ist, liess durchblicken, dass das angriffige Interview etwas Gutes hat: Das Thema HIV und Aids bleibt in der Diskussion. Auch aus dem Bundesamt für Gesundheit kam eine Reaktion. Roger Staub hat einen offenen Brief an «Alex» geschrieben (nachzulesen in der Printausgabe). Und ein HIV-Betroffener aus Luzern erzählte in einem langen Telefongespräch von seiner Erfahrung: Die Aids-Hilfe Luzern war ihm wirklich eine «Hilfe».
Das mit der Zeit überdrüssige Thema immer wieder in die Diskussion zu bringen, ist wichtig. Die Aids-Hilfe Schweiz, als Dachorganisation der regionalen Aids-Hilfen, muss bei dem Thema notgedrungen eine «Korrekte, einheitliche Sprachregelung» finden. Das kommt beim einfachen Mann nicht unbedingt verständlich an. Die regionalen Aids-Hilfen dürfen sich da schon etwas lockerer geben. Beispiel: «Hildegard»-Kolumnen
Letztendlich sind es aber die Medien, die es sich erlauben dürfen und müssen, Aussagen zu publizieren, die auch mal provozieren. |