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Sympathisch, fröhlich, unkompliziert
Martin Bacher, Musical-Darsteller, im Interview
Mit 18 hat Martin Bacher in Zürich Cats gesehen und war so fasziniert, dass er mit Freunden eine Amateur-Tanzgruppe gegründet hat. Danach bildete er sich in Wien und Hamburg aus. Nach Engagements, vor allem in Deutschland und Österreich, ist er vor fünf Jahren wieder in die Schweiz zurückgekehrt.
Aufgewachsen ist er in Langnau am Albis und hat die Handelschule an der Kantonschule Zürich-Enge absolviert, bevor er sich für die Ausbildung zum Musical-Darsteller entschieden hat. Im nächsten Jahr feiert er bereits sein 15-jähriges Bühnenjubiläum. Zu seiner Person befragt, sagt er: «Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, der es nie zu lange am selben Ort aushält und das rastlose Künstlerleben in vollen Zügen geniesst. Trotzdem habe ich in den letzten Jahren meine Basis in der Schweiz aufgebaut, auch wenn ich sehr oft im Ausland unterwegs bin. Es ist schön, ein fixes Zuhause zu haben. Dieses Bedürfnis ist aber erst nach ein paar Jahren gewachsen, in denen ich in fast jeder deutschen Grossstadt mal eine Wohnung hatte. Meine zwei Katzen würden es jedoch nicht mögen, immer überall mitzureisen, deshalb wohne ich hier in der Schweiz in einer WG und meine Mitbewohnerin kümmert sich (nicht nur) in meiner Abwesenheit um die Kleinen.»
Feuer gefangen
Bereits als 15-jähriger hat er getanzt und während seiner Zeit an der Handelsschule auch Gesangsunterricht nehmen können. Mit 18 hat er in Zürich Cats gesehen und war so fasziniert, dass er mit Freunden eine Amateur-Tanzgruppe gegründet hat. «Mit der haben wir dann die Show quasi nachgespielt, mit allem drum und dran: Maske, Kostüm, Bühnenbild, Lichteffekte… ein riesiger Aufwand… Als unser Englischlehrer mit uns das Stück The Importance Of Being Earnest von Oscar Wilde einstudiert hat und ich die Titelrolle spielen durfte, habe ich endgültig Feuer für die Bühne gefangen.» Und so hat er sich an der Stage School of Music, Dance and Drama in Hamburg beworben, wo er auch aufgenommen wurde. Später wechselte er an die Performing Arts Studios in Wien, wo er seine Ausbildung abschloss, bevor das neue Jahrtausend anbrach. Seither genoss er viele Engagements vor allem in Deutschland und Österreich und ist erst vor fünf Jahren wieder in die Schweiz zurückgekehrt, um die Musical-im-Gartencenter-Serie mit «Der kleine Horrorladen», «I Love You, You’re Perfect», «Now Change!» und «Lucky Stiff – Tot, aber glücklich!» zu produzieren, eine Idee, die er mit seinem Vater zusammen entwickelt hat.
Wir wollten wissen, wie es als Gay ist, eine Liebesszene mit einer Frau zu spielen. «Da geht es für mich in erster Linie um Gefühle, es ist komplett egal, ob mein Gegenüber ein Mann oder eine Frau ist.» Aber wie ist es, eine solche Liebeszene mit einem Mann zu spielen? Können da auch mal die Sicherungen durchbrennen? «Wenn ich einen Spielpartner hätte, auf den ich total abfahren würde, hätte ich bestimmt wahnsinnig Angst vor den ersten Proben. Aber ich bin sicher, im Endeffekt ist alles halb so schlimm, denn man ist ja professionell, schlüpft in eine Rolle – und was im Privaten abläuft, muss man vom Beruflichen trennen.»
Vom grossen Theater zum Kammerspiel
In Basel hatte er grossen Erfolg mit der Hauptrolle in Leonard Bernsteins «On The Town» und jetzt steht Martin in Seeb als Hauptdarsteller in einem Kammermusical auf der Bühne. Der Matrose Gabey war Martins erste grosse Hauptrolle in der Schweiz und er hat diese Show sehr gemocht. «Allein die Tatsache, von einem 50-köpfigen Orchester begleitet zu werden, ist ein Erlebnis, wovon alle Darsteller träumen – ein wahnsinniges Gefühl! Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke…» Die Kammerspiele Seeb mit 85 Sitzplätzen sind ein grosser Kontrast zum Theater Basel, wo über 1000 Zuschauer Platz finden. «Es ist eine komplett andere Arbeit an einem kleinen Theater – man spürt fast jeden einzelnen Zuschauer, kann differenzierter, ja fast filmisch spielen, was viel authentischer ist und mir persönlich – und hoffentlich auch dem Zuschauer – sehr viel gibt. Ich habe dort das Gefühl, wirklich mein Innerstes nach aussen zu kehren, während man an grossen Häusern – besonders bei Musicals – mit grossen Gesten gegen wahnsinnig eindrucksvolle Bühnenbilder, Drehbühnen, herunterstürzende Kronleuchter, Hubschrauber und Barrikaden ankämpfen muss, um seine Geschichte zu erzählen… ich mache das aber trotzdem auch sehr gerne – es ist nur einfach etwas anderes und hat seinen eigenen Reiz.»
Ob er nicht Lust hätte, in einem Gay-Stück zu spielen, wollten wir wissen. «Ich habe noch nie in einem Gay-Stück gespielt», sagt er. «Was ist überhaupt ein Gay-Stück? Eine Geschichte, in der alle Charaktere schwul sind? Wie Queer As Folks als Musical? Aber mal im Ernst: es wäre mir egal, jede Rolle ist eine Herausforderung», sagts und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Mann muss ihm einfach glauben
Was bringt die nahe Zukunft?
Parallel zu den Aufführungen von «Das Orangenmädchen», das noch bis Ende April 2010 gespielt wird, probt er am Theater St. Gallen für das Dialekt-Musical «Bibi Balù». Nach der Premiere Ende März 2010 wird es bis zur Sommerpause etwa 20 Vorstellungen geben. Das Gauner-Musical von Hans Gmür und Karl Suter hatte seine Uraufführung am Theater am Hechtplatz 1964/65. Beim Revival in St. Gallen sind auch Christoph Marti und Tobias Bonn dabei.
Martin hat auch Pläne für ein neues Musical im Gartencenter auf seinem Schreibtisch, das hoffentlich 2011 realisiert werden kann. Und am 1. Dezember ist die CD «Das Orangenmädchen» erschienen, die direkt bei den Kammerspielen Seeb (www.kammerspiele.ch) erhältlich sein wird.
Martin als Jan Olav
Seine aktuelle Rolle als Jan Olav in «Das Orangenmädchen» gehört für ihn zu den bisher schauspielerisch schwierigsten Rollen, weil sie die Gratwanderung zwischen komisch und tragisch macht. «Die Probenarbeit an diesem Charakter war sehr emotional und ein Grossteil der Arbeit bestand für mich darin, meine persönlichen Emotionen in den Griff zu bekommen und so zu kanalisieren, dass die Rolle trotz aller Tragik etwas Leichtes behält.»
Wann wir ihn in Zürich auf der Bühne sähen, fragten wir Martin. «Stimmt, in der Stadt Zürich habe ich noch nie gespielt, dafür jetzt eben in den Kammerspielen Seeb, ganz in der Nähe des Flughafens Zürich. Diese Lokalität ist übrigens auch für die Stadtzürcher, Sihltaler, Züri-Oberländer und Aargauer eine Kurz-Reise wert: Ich habe noch nie ein so schönes Kleintheater wie dieses gesehen! Leider gibt es momentan keine Pläne für ein Engagement in der Stadt – aber wer weiss, was die Zukunft bringt? Ich bin bereit für Zürich, also holt mich!»
Von Kurt Büchler
Das Orangenmädchen
Jostein Gaarder (Sofies Welt) hat den Roman geschrieben, das Musical ist von Martin Lingnau, Christian Gundlach und Edith Jeske. Regie führt Urs Blaser, der Hausherr der Kammerspiele Seeb.
Georg, 15-jährig, erhält einen Brief von seinem Vater. Dieser aber starb, als Georg vier Jahre alt war. Es ist ein Abschiedsbrief. Vor allem aber erzählt er von seiner Begegnung mit dem geheimnisvollen Orangenmädchen. Wer ist diese Frau? Und warum trägt sie immer eine Tüte Orangen mit sich? Fasziniert taucht Georg in die mystische Liebesgeschichte zwischen seinem Vater und dem Orangenmädchen ein. Es ist für Georg eine Reise in die Vergangenheit. Bis er begreift, dass es auch um seine Zukunft geht. Bald wird er sich fragen müssen, wie er es selbst mit der Liebe und dem Leben hält. Der Vater kann ihm keine Antwort mehr geben. Aber er konnte die richtigen Fragen stellen... Eine humorvolle Liebesgeschichte, eine Hommage an das Leben und seine unvorhersehbaren Möglichkeiten, die es bereithält. Ein märchenhaftes und berührendes Musical mit traumhaft schönen Melodien.
Das Orangenmädchen, Kammerspiele Seeb, in Bachenbülach bis Ende April 2010. CD und Tickets unter www.kammerspiele.ch
Martin Bacher
Der Zürcher liess sich in Hamburg und Wien ausbilden, spielte in Deutschland, Österreich, Holland, Italien und in der Schweiz in Anatevka, The Rocky Horror Show, Evita, Hair, Mozart! – Das Musical, Jekyll & Hyde und Marie Antoinette.
Im Neuen Stadttheater Bozen und an den Thuner Seespielen war er als Petrus in Jesus Christ Superstar, in Nürnberg wie in der Schweiz als Seymour im Kleinen Horrorladen und am Theater Basel als Gabey in On The Town zu sehen.
2005 gründete Martin seine eigene Produktionsfirma, mit welcher er Musicals produzierte und damit in mehreren Schweizer Gartencenters gastierte. Daneben arbeitete er mit Benedict Freitag und Maria Becker für «Das Millionenhaus» zusammen. Er ist auf mehreren Musical-CD-Aufnahmen zu hören, u. a. in den Hauptrollen auf den Alben von Tanz der Vampire, Der Kleine Horrorladen und Das Orangenmädchen.
www.martinbacher.de |