Schwullesbische Sportwelt -wieder vereinigt
Montréal führte mit den OutGames die Abspaltung von den Gay Games herbei

Aus zwei mach eins: Die beiden konkurrierenden schwullesbischen Welt-Sportorganisationen FGG und GLISA werden nun zusammenarbeiten. Seit 2003 standen sie sich unversöhnlich gegenüber.

Eigentlich sollte es in diesem Artikel um eine Initiative von Berliner schwullesbischen Sportlerinnen und Sportlern gehen: Unter dem Motto «Quality not Quantity» fordern sie, statt Gay Games und OutGames nur noch einen weltweiten schwullesbischen Wettkampf alle vier Jahre zu organisieren. Doch die getrennte Anfrage um Stellungnahmen bei den beiden konkurrierenden Sportorganisationen Federation of Gay Games (FGG) und Gay and Lesbian International Sports Association (GLISA) ergibt Erstaunliches: «Ich möchte die Fragen so bald wie möglich beantworten», schreibt Wessel van Kampen, Co-Präsident der GLISA, «aber zunächst möchte ich mich mit Emy Ritt und Kurt Dahl [von der FGG] absprechen, was unsere gemeinsamen Antworten sein werden.» Und nach wenigen Tagen geht eine von den ursprünglich verfeindeten Sportverbänden verfasste Erklärung ein: Die beiden Verbände sitzen an einem Tisch und verhandeln, um in Zukunft statt Gay Games und OutGames nur noch einen Event zu organisieren. «Sowohl FGG als auch GLISA setzen den gemeinsamen Dialog fort, um zu klären, wie am besten auf das Verlangen der Community reagiert werden kann, nur noch ein alle vier Jahre stattfindender Event zu haben. Wir arbeiten zusammen, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen: ein alle vier Jahre stattfindender internationaler LGBT Event mit Sport, Kultur und einer Menschenrechtskonferenz als Komponenten.»

Über Jahre unversöhnlich
Bislang standen sich die beiden Verbände unversöhnlich gegenüber. Wie schwierig die Zusammenarbeit ist, zeigt auch die Erklärung, in der sich die Verbände oft wiederholen und in ihren Formulierungen unkonkret und bürokratisch bleiben. Denn eigentlich können die beiden Verbände sich nicht ausstehen. Seit dem Schisma in der schwullesbischen Sportwelt von 2003 standen sie sich spinnefeind gegenüber, beide mit verletzten Eitelkeiten und gegenseitiger Kritik wegen fehlender Transparenz oder Volksnähe, und beide nahmen für sich in Anspruch, wahre Träger des sportlich-freundschaftlichen Gedankens zu sein. 2003 ging es vor allem ums Geld: Die FGG hatte 2001 Montréal zum Austragungsort der Gay Games 2006 bestimmt, wo man mit 24.000 Teilnehmern rechnete - mehr als doppelt so vielen wie bei den vorangegangenen Spielen in Sydney (2002, 11.000 Teilnehmer). Nun fürchtete die FGG, das sei zu optimistisch, gerade auch angesichts der unsicheren Weltlage nach dem 11. September 2001, und verlangte eine neue Planung mit geringerer Teilnehmerzahl. Doch die Organisatoren in Montréal sperrten sich und verweigerten Einsicht in ihre Budgetplanungen. Darauf entzog die FGG Montréal die Spiele und gab sie nach einer erneuten Ausschreibung an Chicago. Montréal machte trotzdem weiter und nannte die Spiele «World OutGames», so dass es 2006 zu der skurrilen Situation kam, dass mit nur einer Woche Abstand zwei schwullesbische Welt-Sportfestspiele stattfanden. Die GLISA gründete sich, und seitdem gibt es Gay Games und OutGames nebeneinander. 2009 fanden die OutGames in Kopenhagen statt, im kommenden Jahr gibt es die Gay Games in Köln.

Unverständnis an der Basis
Unter den schwullesbischen Sportlern trifft die Trennung in zwei Verbände und zwei Weltfestspiele auf Unverständnis. Die wollten sich nur treffen und gemeinsam Sport machen. Und zwar einmal alle vier Jahre. «Die Trennung kam echt komisch rüber bei uns», sagt Cristian Rentsch, Schwimmer und Präsident von Gay Sport Zürich. «Das war für viele nicht nachvollziehbar und sehr erklärungsbedürftig.» Die Zürcher Sportler und Sportlerinnen nahmen damals nur an einem der Events teil, den Spielen in Montréal – etwas anderes wäre zeit- und geldmässig gar nicht drin gewesen. Und obwohl man bei den OutGames in Kopenhagen dabei war und auch nächstes Jahr nach Köln fahren wird, hält er von der Zweiteilung wenig: «Auf längere Sicht hat das keine Zukunft.»
Wie ihm geht es vielen schwullesbischen Sportlern. So auch der Startgemeinschaft «Team Berlin», die den Wunsch nach einer statt zwei Sportveranstaltungen unter dem Motto «Lieber 1x richtig als 2x lau» formulierte. «Die Zahl der Sportevents ist mittlerweile inflationär geworden, und darüber gibt es unter Sportlern grossen Unmut», erklärt Thomas Ruffer, Vorstandsmitglied des Team Berlin. In diesem Fall sei weniger mehr: Bei weniger Events gäbe es mehr Teilnehmer und damit bessere Vergleichsmöglichkeiten. «Wenn mehr Leute da sind, ist das sportliche Niveau auch auf einem ganz anderen Level, es gibt echte Wettkämpfe, und die Sportler können sich wirklich beweisen.» Die Forderung von Team Berlin: Beide Verbände sollen gemeinsam «Gay Olympics» organisieren. Dem haben sich Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt angeschlossen.

Noch keine schnellen Entscheide
Der Druck auf die Verbände zeigt nun Wirkung: Sie reden miteinander und peilen als Ziel gemeinsame Spiele an, auch wenn die wohl nicht «olympisch» heissen dürfen - aus rechtlichen Gründen. Zumal sie ja auch ganz anders konzipiert sind, immerhin gibt es keine Vorausscheidungen, und alle dürfen teilnehmen, egal, wie gut oder wie alt sie sind.
Doch auch die Entwicklung zu den «Gay OutGames», oder wie immer sie dann heissen mögen, braucht noch Zeit. «Wir müssen sicher Geduld haben», vermutet Cristian Rentsch von Gay Sport Zürich.
Denn die nächsten Veranstaltungen stehen schon fest: Antwerpen richtet 2013 die OutGames aus, Cleveland die Gay Games 2014. «Aufgrund dieser Planungen müssen geplante Veränderungen sorgfältig mit der Community diskutiert werden», heisst es bei den Verbänden. Sie wollen offenbar keine schnellen Entscheidungen, ohne die Community mit einzubeziehen. Das ist ein deutlicher Fortschritt. Immerhin sollte es hier nicht um Geld und kaltes Leistungsstreben gehen, sondern um Spass und Sport - und die Menschen, die an den Spielen teilnehmen.


     Von Malte Göbel