Wird er die erste schwule Stimme im Zürcher Stadtrat?
André Odermatt kandidiert im kommenden Frühling

Mit Corine Mauch zog die erste offen lesbisch lebende Frau in die Zürcher Exekutive. Die Chancen sind gross, dass ihr ein männlicher Kollege schon bald folgen wird.

Vielleicht ist der Zürcher Stadtrat ab nächstem Frühling um ein Mitglied der schwullesbischen Community reicher: André Odermatt ist einer der chancenreichsten Kandidaten für die kommende Zürcher Stadtratswahl. Der 49-jährige ist seit 1995 für die SP im Gemeinderat. Er ist Geograf und Dozent an der Uni Zürich, unter anderem hat er sich als Wissenschaftler mit den Entwicklungen im Langstrassenquartier auseinandergesetzt. Cruiser sprach mit ihm über seine Kandidatur.

Cruiser: André, vor zehn Jahren warst du als Gemeinderatspräsident der -erste offen schwul lebende höchste Zürcher. Wieso habe ich damals davon nichts mitgekriegt?
André Odermatt: Lustig, ich habe nie ein Geheimnis draus gemacht. Auch in meiner Antrittsrede war das ein Thema. Ich hatte auch gedacht, das würde eine grössere Geschichte werden. Aber offenbar hat das schon 1999 niemanden so richtig interessiert.
Cruiser: Gab es damals Reaktionen?
Sehr viele positive, vor allem Briefe von schwulen Männern, die mir gratuliert haben. Und ein paar der üblichen Schmähbriefe. Ich habe auch hintenrum gehört, dass mich ein paar wenige Ratskollegen nicht zum Präsidenten gewählt haben, weil ich schwul bin.
Cruiser: Bei Corine Mauch wars ein grosses Thema, als sie fürs Stadt-präsidium kandidiert hat.
André Odermatt: Naja, ein grösseres, aber Stadtrat, und vor allem Stadtpräsidentin sind stärker exponierte Ämter. Dagegen ist Gemeinderatspräsident eher ein politischer Insiderjob.
Cruiser: Emilie Lieberherr soll ja auch lesbisch sein. Du hingegen wärst der erste schwule Zürcher Stadtrat – oder gibt’s eine Dunkelziffer?
André Odermatt: Du meinst, ob es früher Stadträte gab, die im Verborgenen Männer liebten? Bekannt ist mir nichts, aber möglich wäre es.
Cruiser: Du trittst im März 2010 zur Wahl an. 2007 hätten wir dringender eine schwule Stimme im Stadtrat gebraucht.
André Odermatt: Wegen der Darkroom-Geschichte, ja. Das war erstens ärgerlich und zweitens völlig unnötig.
Cruiser: Trotzdem gibt es Schwule, die deswegen nie mehr SP wählen -würden.
André Odermatt: Es gab auch vorher schwule Männer, die andere Parteien gewählt haben. Fakt ist aber, dass die SP am meisten für unsere rechtliche Gleichstellung getan hat und noch immer tut. Und wenn du schon die Darkrooms ansprichst: Esther Maurer hat in dieser Frage definitiv nicht die Meinung der SP vertreten. Ich habe in der Partei immer ganz unterschiedliche Ansichten erlebt. Die einen unterstützt man, über andere regt man sich manchmal auf.
Cruiser: Wie hast du in der Darkroom-Affäre reagiert?
André Odermatt: Ich moderierte das Podiumsgespräch zwischen Polizei und Clubbetreibern im Volkshaus. Organisiert hatte das die SP.
Cruiser: Du hast dich also zwischen die Fronten gestellt, statt für deine schwulen Kollegen Partei zu ergreifen?
André Odermatt: Ja, das schien mir in dem Moment das Beste zu sein. Ich wollte aus der verfahrenen Situation herauskommen. Die Polizei hatte massiv überreagiert, aber das Ganze drohte aus dem Ruder zu laufen. Es war sinnvoller, beide Seiten an einen Tisch zu bringen, als nur auf einander einzuhämmern. So mache ich Politik, ich suche Lösungen.
Cruiser: Du findest also, im Nachhinein ist alles richtig gelaufen?
André Odermatt: Natürlich nicht. Die Polizei hat völlig falsch reagiert, daran besteht kein Zweifel. Und wir hätten viel früher etwas unternehmen sollen. Auch ich hätte mich in dieser Frage vielleicht klarer gegen Esther Maurer stellen können. Allerdings weiss ich nicht, ob das mehr gebracht hätte. Letztlich gab es eine Einigung und die Wogen haben sich wieder geglättet.
Cruiser: Die Einigung war eine Vereinbarung, die mehr oder weniger alles beim Alten beliess. Später hat das Zürcher Obergericht den Clubs rechtgegeben, die Vorinstanz gerügt und festgehalten, dass die -Polizei unrechtmässig vorgegangen ist.
André Odermatt: Darüber war ich natürlich froh. Aber die rechtliche Lage war vorher halt unklar. Und der Stadtrat hat seither auchdazu gelernt. Als der Botellón anstand, war er vernünftiger.
Cruiser: Trotzdem macht der Stadtrat manchmal einen etwas lustfeindlichen Eindruck. Gehst du selber auch mal feiern?
André Odermatt: Nicht mehr so wie früher. Ende der Achtziger hatte ich zum Beispiel mit Freunden ab und zu eine Bar im Provitreff betrieben, wir waren einer der ersten Orte mit einem wirklich gemischten Publikum. Das war eine grossartige Zeit.
Cruiser: Und heute?
André Odermatt: Weniger Ausgang, mehr Natur, Wandern, Velofahren, Kochen... Und nicht vergessen, die Politik hat in den letzten Jahren viel Zeit in Anspruch genommen.
Cruiser: Dort beschäftigst du dich ja unter anderem mit relativ unschwulen Themen wie Wohnungsbau und Verkehr. Hattest du nie das Bedürfnis, dich mehr für schwullesbische Themen einzusetzen?
André Odermatt: Moment mal. Erstens betrifft es uns alle, wenn der Wohnungsmarkt austrocknet oder die Strassen verstopft sind. Zweitens habe ich lieber im Hintergrund etwas bewegt als vorne nur zu reden. Ich war lange bei den Zürcher Sozialprojekten engagiert, dort habe ich mich unter anderem dafür stark gemacht, dass Opfer von Gaybashings oder andere männliche Gewaltopfer Hilfe erhalten. Auch das Projekt Herrmann, das männlichen Sexworkern hilft und vor allem Präventionsarbeit macht, war eine Weile dort angesiedelt.
Cruiser: Macht man irgendwann uns Schwule für die Wohnungsnot verantwortlich?
André Odermatt: Wieso das?
Cruiser: Man könnte argumentieren, dass schwule Doppelverdiener -höhere Mieten bezahlen können und so Familien aus den Quartieren -verdrängen.
André Odermatt: Hmm… Das klingt sehr gesucht. Ich hoffe nicht, dass jemand auf diese absurde Idee kommt. Erstens gibt es auch viele Schwule, die mittelmässig oder schlecht verdienen, vor allem Jüngere und Studis. Und zweitens sind in der Stadt auch viele Hetero-Paare Doppelverdiener. Zudem: Ich hoffe, dass es in Zukunft immer mehr Schwule und Lesben mit Kindern geben wird – das sind auch Familien.
Cruiser: Glaubst du, das wird sich durchsetzen?
André Odermatt: Ich hoffe es. Viele von uns haben den Wunsch, Kinder zu haben. Ich habe schon 1999 in meinem Jahr als Gemeinderatspräsident in einem Interview gesagt, es soll möglich sein, dass homosexuelle Paare auch Kinder grossziehen.
Cruiser: Du hast aber anscheinend keine Kinder. Aber einen Freund hast du?
André Odermatt: Ja, wir sind seit 23 Jahren zusammen.
Cruiser: Herrgott, wie macht ihr das? Gibt’s ein Rezept?
André Odermatt: Gemeinsame Interessen? Ich weiss nicht. Wir mögen dieselben Dinge und unternehmen viel miteinander. So einfach ist das.
Cruiser: Wird er an offiziellen Anlässen an deiner Seite auftreten?
André Odermatt: Nur dann, wenn es ihn interessiert. Das machen wir heute schon so. Wenn er Lust dazu hat, kommt er mit, ansonsten lässt er es bleiben.
Cruiser: André, das SP-Ticket für die Stadtratswahl besteht aus einer Hetera, einem Hetero, einer Lesbe und dir. Haben wir das Gleichstellungs-Nirvana erreicht?
André Odermatt: Ein bisschen Zufall hat da wohl mitgespielt. Aber klar, ich finde die Mischung perfekt. Wir haben seit Harvey Milks Zeiten viel erreicht und können stolz sein. Noch immer gibt es viele, vor allem junge Schwule, die sich davor fürchten, zu sich selbst zu stehen und Angst vor den Reaktionen ihres Umfelds haben. Ich sehe mich nicht als Vorbild im eigentlichen Sinne, aber wenn ich durch meine Arbeit und mein öffentliches Wirken jemandem auch nur einen Funken Mut geben kann, freue ich mich.
Cruiser: André Odermatt, alles Gute für den bevorstehenden Wahlkampf. Wir drücken dir am 7. März die Daumen.
André Odermatt: Danke.

     Michi Rüegg