Mark Frederick Chapman
Der Mann an der Spitze der internationalen Pride-Dachorganisationen

Seine Arbeit für die «Szene» begann eher zufällig mit dem Erstellen von Inseraten für einen Szenebetrieb. Werbung, Marketing und Kommunikation ist sein Beruf. Im CSD-Vorstand trieb er später die Professionalisierung des Marketings voran. Das bedeutete für ihn, über die Schweizer Grenzen hinauszublicken. Heute führt er das Präsidium und das Co-Präsidium der zwei wichtigsten internationalen Pride-Dachorganisationen, die weltweit agieren.

Mark Frederick Chapman erscheint pünktlich zum Interview, ganz nach schweizerischer Art, die er wohl von der Mutter geerbt hat. Von seinem Vater hat er britisches Blut in sich. Ist es diese Hälfte, die ihn zu dem heute international agierenden Mann gemacht hat? Aufgewachsen ist Chapman in Zürich, anfänglich zweisprachig, bis sein Vater berufsbedingt immer mehr Deutsch sprach. London war lange Zeit seine Lieblingsstadt. Zu ihr hat er eine besondere Beziehung, die er so formuliert: «Ja, ich liebe diese Stadt. Wenn ich an sie denke, «rieche» ich in meiner Erinnerung das Kohlenmonoxyd von all den Taxis...»
Heute zählt er noch etliche andere Städte zu seinen Lieblinsdestinationen. Er ist ja durch seine Arbeit für die Community ein weit gereister Mann. Dennoch, Zürich bezeichnet er als «seine» Stadt und fügt an:«Ich verkehre seit Jahren in der Szene, kenne noch jene Zeiten, in denen man sich im Odeon, Mascotte und Bagpiper traf. So gesehen, habe ich eine grosse Entwicklung in dieser Stadt mitbekommen.»

Kein stiller Zuschauer
Mark Chapman hat der Entwicklung nicht einfach zugesehen. Er hat eingegriffen. So zum Beispiel im CSD-Vorstand, dem er bis 2007 angehörte. «Ich habe versucht, aus dem CSD eine Marke zu machen und ihr eine Visualität zu verleihen.» Und unter «Professionalisierung des Marketings» verstand er auch, über die Landesgrenzen hinauszuschauen und sich international zu vernetzen. «Es gab damals, und gibt es heute noch, zwei Dachorganisationen, denen man als CSD beitreten konnte. Die eine heisst EPOA (European Pride Organizers Association), die andere ist die InterPride in Amerika. Wir sind als CSD Zürich beiden Organisationen relativ früh beigetreten. Schliesslich haben diese Organisationen an ihre Mitglieder etwas zu vergeben. Die EPOA erteilt die Rechte, eine EuroPride durchzuführen. Die InterPride legt fest, in welcher Stadt ihre internationale Konferenz, die gleichzeitig auch die InterPride-GV ist, stattfindet. Es war für mich als Marketingverantwortlicher eine meiner Aufgaben, darum bemüht zu sein, diese Vergaben zu bekommen.»
Die Bewerbungen des Vereins CSD Zürich führten zum Erfolg. Wie jedermann weiss, fand in diesem Jahr die EuroPride 09 mit einem fulminanten Schlusspunkt in Zürich statt. Was nicht jeder weiss, bereits 2007 wurde die weltweite InterPride-Konferenz unter dem Motto «United For Equality» ebenfalls in Zürich abgehalten. Bemerkenswert ist, dass diese Konferenz die erste in Kontinentaleuropa war.

Vom Zürcher CSD zum weltweiten Präsidium
Die Organisationen, bei denen Mark Chapman sich einst einsetzte, um die InterPride und die EuroPride nach Zürich zu holen – diese Organisationen führt er nun an. Er hat das Präsidium inne bei der europäischen EPOA und das Co-Präsidium bei der amerikanischen InterPride.
Die InterPride wird von der Öffentlichkeit nicht sonderlich wahrgenommen. Für alle Pride-Veranstalter ist sie aber wichtig. Die Organisation, gegründet 1982, fördert international Pride-Veranstaltungen für Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie Transgender und fördert die Kommunikation der Organisatoren untereinander. Die weltweite Konferenz bietet die Möglichkeit, mit anderen Veranstaltern Kontakte zu knüpfen, und verschiedene Workshops und Seminare durchzuführen, welche helfen, die Veranstaltungen zu verbessern und die Organisationen zu stärken. Ergeben sich besondere Probleme bei der Organisation der Veranstaltungen, kann man sie mit Hilfe der anderen Mitglieder gemeinsam zu lösen versuchen.
Dass der Christopher Street Day nach wie vor Anlass sein muss, auf das schwullesbische Leben aufmerksam zu machen, ist Chapman wichtig und zwar in folgendem Sinne: «Der CSD darf nicht nur eine Veranstaltung sein, wo man schwules und lesbisches Leben zelebriert. Es ist nach wie vor eine politische Veranstaltung -  auch wenn wir hier in der Schweiz einiges erreicht haben.»

Die Arbeit geht nicht aus
Dass die politische Arbeit immer noch dringend nötig ist, zeigte sich kurz vor der EuroPride09 in Zürich. Der Stadtrat von Riga hatte die Durchführung der Baltic Pride verboten. Amnesty International und die EuroPride09 forderten gemeinsam, dass das Verbot aufgehoben werde. Als EuroPride09-Vorstandsmitglied und gleichzeitig als Präsident des europäischen Dachverbandes EPOA reiste Chapman mit einem Kameramann der Zürcher Hochschule der Künste sowie einer SF Rundschau-Journalistin nach Riga. Man wollte gegnüber den Teilnehmenden und Organisatoren den Support der Schweizer und der europäischen Gay-Community aussprechen.
Schliesslich wurde doch eine kleine Parade zugelassen, die unter gröss-tem Polizeischutz, praktisch abgesondert von der Öffentlichkeit, durchgeführt wurde. Einzig Gegendemonstranten waren zugegen. Was da an verbaler Gewalt rüberkam, kann Chapman kaum fassen. «Brutal, bedrohend, unvorstellbar», sind seine Worte.
Dass Chapman seine ehrenamtliche Tätigkeit nicht so schnell aufgibt, ist nach dem Gespräch mit ihm klar. Noch will er erst eine Zeit lang die internationalen Organisationen führen. Danach kann er sich vorstellen, im Rahmen der InterPride-Konferenzen Workshops durchzuführen, um sein Wissen und seine Erfahrungen weiterzugeben.

     Von Martin Ender