Ferien à rosa
Arosa Gay-Ski-Week

Schwule Skiferien sind vor allem eines: Skiferien. Pistenhäschen und Nachteulen gaben sich vom 9. bis 15. Januar in Arosa die Hand. Michi Rüegg war für den Cruiser dabei, auch wenn er mehr schlief als feierte.

Der schwule Mann im besten Alter sitzt allein im Speisesaal des Hotels. Er tunkt Brot in die Salatsauce auf dem Teller. Um ihn herum sitzen halb schweigende Heteropaare, mit von Unbefriedigtheit und Langeweile getränkten Gesichtern, in der Ecke probt eine fünfköpfige Familie den Weltuntergang, die portugiesischen Kellner schlendern blasiert über den flauschigen Teppich, irgendwo blickt eine alternde Witwe halb mitleidig, halb lüstern zum Schwulen, der noch immer mit Brotmocken Dressing aufsaugt und sich fragt: Verflucht, was mach ich eigentlich hier?
Um Szenen wie diese zu vermeiden, entschloss ich mich gegen Skiferien allein im Irgendwo und für die Arosa Gay Skiweek. Ich wollte Skifahren, ich wollte Spass haben, ich wollte Leute um mich herum, mit denen ich etwas gemeinsam habe. Damit hatte ich allerdings einen schweren Stand. Mein Umfeld wollte mir partout nicht abnehmen, dass ich des Skifahrens wegen nach Arosa fuhr. Für sie war die Gay Skiweek bloss ein grosses Sodom, eine gigantische Sauna, in der die Lusttropfen permanent fliessen. Merke: Wer schwule Ferien bucht, dem wird per se unterstellt, er würde ausschliesslich des Fickens wegen fahren.

Ich kenn keine Sau.
Nach Ficken war mir definitiv nicht zu Mute, als ich zum ersten Mal die Bar im Hotel Eden betrat. Ich nippte an meinem Bier und dachte so bei mir: Verfluchte Scheisse, du kennst hier keine Sau. Was um Himmels Willen hab ich in Zürich die letzten zwölf Jahre bloss gemacht? Wobei, da fiel mir auf, dass vermutlich keine Zürcher zugegen waren. Was man ja gern vergisst – es gibt auch in anderen Schweizer Städten und Dörfern Schwule. Und viele davon scheinen an jenem Januar-Samstag den Weg nach Arosa gefunden zu haben. Man konnte Dialekte vernehmen, die man sonst selten hört. Doch spulen wir vor: Am nächsten Tag hatte ich sowohl neue Freunde gefunden als auch alte Bekannte wiederentdeckt.
Wenn 450 schwule zwischen 20 und 60 ein ganzes Hotel überfallen, dann hinterlässt das gewisse Spuren. Doch das Eden Arosa – die Höhle des Löwen – hat schon zu viel erlebt, als dass vier Hundertschaften Homos die morschen Wände ins Wanken bringen könnten. Das Eden, leuchtender Partystern im sonst eher biederen Alpendorf. Hier führen seit fünfundzwanzig Jahren Hitsch Leu und seine Frau Valerie das Szepter. Nicht mehr die Allerjüngsten, sind doch beide so um die Fünfzig. Aber selbst der intensivste Lebensstil hat sie nicht verwelken lassen. Im Gegenteil, Valerie hat punkto Sexiness praktisch alle Schwuppen weit hinter sich gelassen. Sie wirkt wie ein Mädchen in der Blüte ihrer Jugend, so dass frühmorgens im Frühstückssaal als Valerie vor zwei Pfannen und einem riesigen Karton mit Eiern stand, ein Gast kleinlaut fragte: «Hat sie die alle selbst gelegt?».
Es ist ein ungewöhnliches Hotel, das Eden. Wie wenn man ein cooles Designhotel mit einem biederen 50er-Jahre-Schuppen vermischen und kräftig schütteln würde. Tief in seinen Eingeweiden steckt der Kitchen Club, der Zeuge von so manch sündiger Handlung wurde. Hier fand Mitte der Woche auch meine erste Schaumparty statt, die mir unglaublich viel Spass und einen knallroten Hodensack bereitete. «Hast du dich denn nicht mit Babyöl eingeschmiert?» Doch. Aber nicht dort unten. Da war nicht mehr genug von dem Zeug. Immerhin stellte sich der Schaum als wesentlich aggressiver heraus als das Balzverhalten der Gäste.

Die Hand bleibt da, wo sie ist.
Überhaupt wurde man selten Zeuge unflätiger Handlungen. Selbst der Wellnessbereich erinnerte punkto Atmosphäre eher an Bad Zurzach als an eine Gay Sauna. Selten mal fummelte einer im Dampfbad ein bisschen an seinem Pimmel rum, der Rest ignorierte ihn für gewöhnlich. Dass es allerdings auch anders geht, zeigte die Secret Pool Party, die im Eden Gym stattfand. Ich selbst verzichtete darauf, aber den Schilderungen einiger Gäste zufolge, soll es dort für einmal durchaus unkeusch zu und her gegangen sein. So wurde mir zumindest berichtet. Allfällige Spuren waren am Nachmittag drauf jedenfalls keine mehr sichtbar.
So ist das eben an der Arosa Gay Skiweek. Jeder macht das, was er will. Des Morgens im Frühstückssaal schöpfte man sein Müsli, beobachtet von olympischen Augenringen ringhersum. Der eine hatte eine wilde Nacht mit Partner Nummer neun hinter sich, andere sind früh zu Bett gegangen. Die Schicksalsgemeinschaft der Gäste geht unterschiedlich mit den Angeboten um. Müssen tut niemand. Keiner schimpfte, wenn man statt an die Horse Meat Party gemütlich in die Federn hüpfte. Keiner schüttelte den Kopf, wenn man statt wildem Sex mit einem Typen, den man im Dampfbad kennen gelernt hatte, lieber im Zimmer eine deutsche Billigserie schaute.

Kein CSD im Schnee.
Die grosse Überraschung trat auf den genialen Skipisten zu Tage. Statt wilder Horden homosexueller Schneehasen, so weit das Auge reicht, merkte man praktisch nichts vom bunten Treiben. Es gibt keine schwule Skibekleidung, ergo fällt man inmitten des Gros der anderen Skifahrer und Boarders kaum auf. Nur dann und wann erblickte man das eine oder andere bekannte Gesicht. Selbst ein alter Bekannter hat mich mit Skibrille und Kappe in der Gondel erst nach fünf Minuten erkannt. Denn die Skiweek geht gerade dort optisch unter, wo sie ihre Daseinsberechtigung hat: auf der Piste – mit einer Ausnahme, wohlgemerkt: beim Drag Race, dem unbestrittenen Höhepunkt, kurz vor Ende der Woche. Fast vierzig Jungs jeden Alters warfen sich in den Fummel und flitzten an den Toren vorbei – mit alkoholischem Zwischenstopp, den einige fast verpassten, während einer so gierig darauf war, dass er nicht mehr stoppen konnte und in Zuschauer fuhr. Die fandens witzig (Verletzte gabs eh nur beim Schlitteln). Und selbst zwei lokale Skilehrer zollten der einen perückierten Husche Respekt mit den Worten «Du, der fährt aber besser Telemark als ich». Und überhaupt genossen die Heten das Spektakel, und manch einer schien zu denken: «Dieser verkleidete Mann ist ja ne ganz heisse Braut».

Schwule sind auch nur Kunden.
Mit ein paar Hundert Schwulen scheint man in Arosa eh kein Problem zu haben. Das muss ein Trend sein. Die Tschuggenhütte reservierte uns gar ihren schönsten Liegestuhl-Abschnitt, gratis und exklusiv. Es ist so: Mittlerweile haben auch konservative Hoteliers und Kurdirektoren erkannt, dass schwules Geld nicht anderes riecht als Hetero-Geld. Und in Arosa, wo seit geraumer Zeit zahlreiche orthodoxe Juden die Winterfreuden geniessen, vermögen auch ein paar hundert Homos die ländliche Idylle nicht zu trüben. So überrascht es nicht, dass beim Konzert zweier schwuler Pianisten und des amerikanischen, nicht weniger schwulen Tenors Zachary Stains in der Dorfkirche auch Hedi und Paul vergnügt wippten, als Letzterer das Gotteshaus mit Showtune-Zeilen wie «I’m as gay as a daisy in May» füllte.
Was soll ich sagen? Es war ne geile Zeit. Wenn ich wieder hinfahre, mach ich beim Drag Race mit. Und wer weiss, vielleicht fahr ich hin. Denn die siebte Arosa Gay Skiweek kommt bestimmt. Und entgegen der Ankündigung, wird das Eden noch nicht abgerissen. Hitsch und Valerie machen im Minimum noch ein Jahr weiter und ihr Partner Alex Herkommer, der in Lausanne mit den Jungle-Parties selbst Zürcher in die Westschweiz lockt, plant bereits die nächstjährige Ausgabe. Wieder in Arosa. Und wieder mit einer Horde von Stammgästen.

www.arosa-gayskiweek.ch