Branko B. Gabriel trifft...

Neulich an einer Vernissage in der Kunsthalle Zürich. Man versprach mir zwei coole, spannende Ausstellungen von Elad Lassry und Christodoulos Panayiotou, beide schwul. Nun, da ich mich schon länger in der Kunstszene rar gemacht hatte, gönnte ich mir einen netten Abend mit meinen Kunstfreunden.

Warum sind eigentlich alle Kunstbegeisterten oder die, die es sein wollen, dermassen grässlich angezogen. Ich finde das hat weder was mit Kunst oder gar mit gutem Geschmack zu tun. Aber eben, es ist wie mit der Kunst. Geschmacks-sache.
Die kleinformatigen Fotografien des israelischen Künstlers Elad Lassry (*1977) waren schön, schön bunt, und das war’s dann auch schon. Mein Blick schweifte ab zur Bar und, siehe da, das Highlight des Abends: Raphael Gygax. Er ist einer der jungen Wilden in der Zürcher Kunstszene, mit seinen 29 Jahren hat der Kurator bereits Ausstellungen mit Theater-Enfant-terrible Christoph Schlingensief oder dem amerikanischen Shooting Star Cory Arcangel gemacht. Am renommierten Migros Museum für Gegenwartskunst, wo er tätig ist, kuratiert er demnächst die Gruppenausstellung While Bodies get Mirrored. Das passt doch.

cruiser: Mein lieber Raphael, jedesmal wenn ich an einer Vernissage eingeladen bin, fällt mir auf, dass die Leute offenbar mehr in Kunst investieren als in die Garderobe. Gibt es da einen Bad-Taste-Kodex?

Raphael Gygax: Mein lieber Herr Gabriel, da sind wir wohl mal wieder ohne Brille aus dem Haus gegangen. Ich sehe zum Beispiel da drüben eine Frau, die in Rick Owens gehüllt ist und Laboutins trägt oder da drüben die jungen Hipsters im recession chic. Also von Bad-Taste würde ich da nicht sprechen, exzentrischer als ein Apéro des UBS-Kaders, ja zum Glück. Sind wir doch froh, dass in der Kunst dieser uniformierte, 08/15-Look eher die Ausnahme ist. (Ein junger Mann mit blauen Jeans und weissem T-Shirt geht vorbei. Die Kunstmeute übergiesst ihn mit Benzin und zündet ihn an.) Wie sagt man gerne; andere Länder, andere Sitten.

cruiser: Zurück zur Ausstellung in der Kunsthalle Zürich. Die Videoinstallation Guysgocrazy (2007) des zypriotischen Künstlers Christodoulos Panayiotou (*1978) zeigt auf zwei Monitoren das Vor- und Nachher des Spielorts eines Pornodrehs. Warum lässt er gerade das Interessante, die Action aus?

Raphael Gygax: Ist doch einfach zu verstehen – manchmal ist das Vor- und Nachher interessanter als das Zwischendrin. Jeder hat schon mal einen Pornofilm gesehen. Die Arbeit zeigt eben gerade diesen Moment der Absenz. Auf dem einen Monitor sieht man diese Unschuld, die Ruhe vor dem Sturm. Auf dem anderen Müll, leere Flaschen, gebrauchte Kondome und so weiter. Das sagt doch viel mehr aus, als wenn ich Ken und Joe beim Verkehr beobachte. Diese Szenen, die Geschichte dazwischen, müssen wir als Betrachter konstruieren. Das ist doch sehr interessant und anregend.

cruiser: Wer sagt eigentlich, was gut und – pardon, wenn ich das sage – «Scheisse» ist?


Raphael Gygax: Das ist eine Gruppe von Experten verschiedener Felder – Galeristen, Kuratoren und Kritiker, aber auch Künstler. Die Kriterien können dabei auch sehr unterschiedlich sein. Die Kunstwelt ist eine internationale, globale. Da gibt’s sehr viele Meinungen. Die Frage ist daher nicht generell zu beantworten – so wie: «Was ist Kunst?» –, sondern nur in einem exemplarischen Fall. (Herr Gygax nickt weg.)

cruiser: À propos Weltwirtschaftskrise. Diese ist noch nicht recht ausgestanden. Auch der Kunstmarkt wurde hart getroffen. Ist Kunst immer noch eine sichere Wertanlage?

Raphael Gygax: Kunst war noch nie eine sichere Wertanlage. Aber das ist natürlich nur die Hälfte der Wahrheit; Kunst kann sehr wohl zur Wertanlage werden. Sobald etwas ausverkauft ist und jemand anderes es haben will, führt das zu einer Preissteigerung. Was ist aber Wert überhaupt – wenn mich ein Bild nicht mehr loslässt, dann kann es wertvoll werden, gar existenziell. Ergo, es gibt einen Symbol- und einen Marktwert. Die Weltwirtschaftskrise hat natürlich auch ihre Spuren im Kunstmarkt hinterlassen. Es war ja auch immer die Rede von einer Vertrauenskrise; dieser Verlust zeigt sich vor allem im Feld der Zeitgenössischen. Psychologische Effekte, die sich in jedem Markt manifestieren.

cruiser: Mit 29 Jahren bist du schon fast im Kunstolymp angelangt. Was fasziniert dich daran und vor allem, wie behauptest du dich in diesem knallharten Umfeld?

Raphael Gygax: Ich weiss nicht, was der Kunstolymp sein sollte. Ich glaube nicht an solche Dinge. Ich hatte das Glück, dass ich schon sehr früh wusste, wo mein Herz entflammt, wo ich glaube, was zu können. Die bildende Kunst ist deshalb so faszinierend, weil sie etwas «Omnivorisches» hat. Sie frisst alles auf, saugt alles auf. Man ist einem stetigen Lernprozess unterworfen.

cruiser: Demnächst eröffnest du die Ausstellung «While Bodies get Mirrored – An Exhibition about Movement, Formalism and Space». Auf was dürfen wir uns besonders freuen? Um was geht es in der Ausstellung?

Raphael Gygax: Die Ausstellung, die ich gemeinsam mit Heike Munder kuratiere, und die am 5. März eröffnet wird, widmet sich den Themen Bewegung, Formalismus und Raum. Die Ausstellung geht von der Beobachtung aus, dass sich heute viele bildende Künstler mit postmodernem Tanz beschäftigen und diesen bzw. die Bewegung in ihre Arbeit aufnehmen. William Forsythe, der weltbekannte Choreograph, wird eine komplexe Installation aus über siebzig Stellspiegeln zeigen. Nur ein Highlight der Ausstellung.

cruiser: Welcher Künstler ist im Moment total angesagt?

Raphael Gygax: Ich habe immer eine ganze Reihe von Künstlern, die ich verfolge, zum Teil ausgestellt habe oder noch ausstellen werde. Wahrscheinlich sind die auch irgendwie angesagt. Aber solche oberflächlichen Fragen langweilen mich eher... und warum sollte ich meine Asse ausspielen...

cruiser: Welcher Kunst-Event darf man dieses Jahr auf keinen Fall verpassen?

Raphael Gygax: Wer in der Schweiz lebt, sollte natürlich an die Art Basel gehen – da werde ich einen Talk mit der britischen Künstlerin Spartacus Chetwynd und dem Filmstar Cousin Itt leiten. Wer im Frühling nach New York geht, sollte die Whitney-Biennale und die Retrospektive der Performance-Künstlerin Marina Abramovic nicht verpassen. Und nicht zu vergessen, die Gruppenausstellung Kratos, die ich für die Team Gallery, New York, kuratiere. Die könnte ganz gut werden.

Infos zur Austellung:
www.kunsthalle.ch, www.migrosmuseum.ch

Raphael Gygax
Raphael Gygax studierte Kunstgeschichte, Film- und Theaterwissenschaft an den Universitäten Bern und Zürich. Momentan schreibt er an seiner Dissertation, die den Statisten in der zeitgenössischen Kunst untersucht, und bereitet einige Ausstellungsprojekte vor. Seit 2003 arbeitet er am Migros Museum für Gegenwartskunst, wo er zahlreiche Ausstellungen kuratiert hat. Er schreibt regelmässig für Kunstzeitschriften wie Flash Art International.