Talent vor Schönheit
Medienstar, Identifikationsfigur und schwuler Botschafter. Der «Schönste Schwule» ist weitaus mehr.

Ob Medientraining, Fotoshootings oder Club-Tour. Die zwölf Kandidaten für den Titel Mr. Gay Switzerland 2010 leben derzeit auf der Überholspur. Doch das ist bei weitem kein Zuckerschlecken. Ein voller Terminkalender ist ein Härtetest. Schönheit alleine zählt nicht.

Wenn Ricco Müller am 27. März im Zürcher Volkshaus seinen Titel weitergibt, wird der Gewinner bestens gewappnet für die Zukunft als Medienstar sein. Denn die zwölf Kandidaten leben bis dahin nicht etwa abgeschottet in irgendeinem Camp und frönen der Schönheit, sondern befinden sich mitten in einem vollen Programm, welches kaum Zeit für private Dinge lässt.
Da schon jetzt jede Stimme zählt – und die Publicity sowieso – befinden sich die Kandidaten bis Ende Monat auf Clubtour. Glücklicherweise ist die Schweiz klein. Trotzdem, das bedeutet nun jeden Samstag bis zum Finale «Showtime». Es gilt, sich in angesagten Lokalen dem interessierten Publikum zu stellen und auch die Kritik nicht zu fürchten.

In der Höhle des Löwen
So wagten sich die zwölf angehenden Misters in die Höhle des Löwen, auch «Club Q» genannt. Eine Location, in der Schwule eher verprügelt werden. Doch das Echo war positiv, weiss Oliver Eschler, Organisator der Mr. Gay Wahlen. Denn ein Mr. Gay muss auch vor Heterosexuellen bestehen. «Die Menge im Q applaudierte jedenfalls frenetisch», erinnert er sich. Nur vereinzelt waren (fremdsprachige) Buhrufe zu hören.
Daneben warten einige Schulungen auf die Finalisten. Die wenigsten beherrschen das Spiel mit den Medien. Entsprechende Trainings müssen deshalb absolviert werden. Jedes Wochenende hält Fotoshootings, Medien- oder Tanztrainings bereit. «Es ist total interessant, wie sich die Kandidaten anhand der Kurse verändern. Waren sie früher eher verklemmt, beweisen sie immer mehr Mut und Talent», so Oliver Eschler.

In Sachen Safer Sex
Gross geschrieben wird auch der Umgang mit den Präventionsbotschaften. Ein Mr. Gay soll schliesslich mehr wissen als nur die üblichen Safer-Sex-Regeln. Unter der Regie der Zürcher Aids-Hilfe wurde jeder Kandidat zum Ansprechpartner eines bestimmten Themas, wie z.B. Geschlechtskrankheiten oder HIV. Fragen sind daher erwünscht.
Daneben gilt es, für sich selbst zu werben, denn ein Mr. Gay ist auch Manager. Erlaubt ist, was Mit-Kandidaten nicht übervorteilt. So wäre beispielsweise eine eigene Plakatkampagne ein No-Go. Doch Flyer und Facebook-Mobilisierung sind beinahe Pflicht. Ausserdem sind die Jungs gerngesehene Gäste in lokalen Medien. Gefragt sind auch Ideen, welche die eigene Kreativität unter Beweis stellen. Einer der Finalisten begeistert derzeit mit eigenem Musikvideo in Netz.
Trotz all der Schulung und Promotion, die Kandidaten dürfen sich selbst bleiben. Es wird keine Person gesucht, die in ein vorbestimmtes Schema reingepresst werden soll, so Eschler. Die Anwärter sollen beispielsweise durchaus die eigene politische Meinung kundtun. Sie sollen diese nur clever formulieren.

Zwischen Alltag und Showbühne
Ein Finalist auf den Titel hat meist noch ein Leben neben der Bühne. Der Alltag darf nicht vernachlässigt werden. Es gilt, alles unter einen Hut zu bringen. Manche schaffen es, andere nicht. «Wer am Ende den Titel erobert, hat unter Beweis gestellt, dass er vieles meistern kann», sagt Oliver Eschler. Und er wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass ein Mr. Gay eben nicht «der schönste Schwule» des Landes sei, sondern der beste Botschafter für schwules Leben.
Obwohl in der Schweiz viel erreicht wurde, sind manche Anfeindungen noch an der Tagesordnung. «Noch immer dürfen wir nicht richtig heiraten, geschweige denn Kinder adoptieren. Das Wort Schwuchtel ist auch noch weitverbreitet», meint Eschler. Deswegen brauche es einen Mr. Gay, welcher die Akzeptanz für die Homosexuellen fördert. Das mag für städtische Bewohner weniger wichtig sein als für Schwule auf dem Land. «Gerade dort wird ein Mr. Gay als Identifikationsfigur wahrgenommen», weiss Eschler.
Diesen darf nun das Publikum wählen. Sei es online oder bei der Clubtour. Eine Jury, welche 30 Prozent der Stimmen kontrolliert, ist mit im Boot. Das grosse Finale findet am 27. März im Volkshaus Zürich statt und verspricht, ein Spektakel zu werden. Melanie Winiger und Alf Heller führen durch die Gala und entlassen die Gäste in eine aufregende Aftershow-Party, um den neuen Mr. Gay Switzerland gebührend zu feiern. Doch, wie erwähnt, vor der Party kommt die Arbeit.
Alle Informationen unter www.mrgay.ch

von Daniel Diriwächter