Orden der perpetuellen Indulgenz
Seit Januar 2010 führt Mutter Belleza das Mutterhaus in Zürich

von Martin Ender

Am 2. Mai läuft im Rahmen des Pink Apple Filmfestivals «Die Schwestern» im Zürcher Arthouse. Die Filmemacher nahmen das 30-jährige Bestehen des Ordens zum Anlass, einen vertieften und unterhaltsamen Blick in einige Mutterhäuser der Schwestern auf dieser Welt zu werfen. CR wollte von «Mutter Belleza» des Mutterhauses Zürich mehr über den Orden wissen.

CR: «Mutter Belleza» – ich bin etwas verunsichert – wie spreche ich dich korrekt an?
Mutter Belleza: Jetzt kannst du mich mit meinem weltlichen Namen ansprechen, wenn ich im Ornat bin, dann mit dem Ordensnamen «Mutter Belleza».
CR: Der Orden der perpetuellen Indulgenz entstand 1979 in San Franciso und ist heute weltweit verbreitet. Der Zürcher Orden wurde Ende 2005 gegründet. Wie lange bist du dabei?
Mutter Belleza: Seit 2006, ich bin eines der Gründungsmitglieder...
CR: ... und heute die «Mutter» im Zürcher Orden. Wie viele Mitglieder hat dieser Orden.
Mutter Belleza: Acht Mitglieder, davon sind fünf aktiv. Ich leite das Haus in Zürich seit Januar 2010.
CR: Weiss grundierte Gesichter, bunt bemalt und der schillernde Ornat sind euer Markenzeichen. Etwas irritierend. Was entdeckst du persönlich in den Gesichtern der Leute, die dir – der Schwester Belleza – begegnen?
Mutter Belleza: Zuerst entdecke ich ein Erschrecken, vor allem wenn wir in Zürich auf der Strasse unterwegs sind, ist das ausgeprägt. Doch bei längerer Betrachtung werden wir bewundert und es fallen Bemerkungen wie: «Wow, sieht super aus, wo hast du das machen lassen?» Natürlich schminken wir uns selber und auch die Ornatskleider sind eigene Kreationen.
CR: Du wohnst ausserhalb von Zürich. Schminkst du dich zuhause und fährst im Ornat in der S-Bahn nach Zürich?
Mutter Belleza: Nein! Zu Beginn haben wir uns zwar zuhause geschminkt und sind dann zu zweit mit dem Auto nach Zürich gefahren (ein weiteres Ordensmitglied wohnt in der Nähe).
Doch das gab auch Probleme. Einmal hatten wir eine Autopanne, wir standen da im vollen Ornat und mussten auf Hilfe warten, ein anderes Mal wurden wir von der Polizei aufgehalten und bekamen eine Busse aufgebrummt, weil wir mit der Haube auf dem Kopf gefahren sind. Das ist eine «Einschränkung des Gesichtsfeldes» und wird nicht toleriert. Heute haben wir zum Glück mit der Zürcher Aids-Hilfe eine Vereinbarung, dass wir uns in ihren Räumen schminken und umziehen dürfen. Von da fahren
wir mit dem Taxi an die Einsatzorte.
CR: Eure Maske und Kostümierung mutet clownesk an. Könnt ihr dennoch, oder gerade deswegen, eure ernste Botschaft, nämlich das Thema HIV, rüberbringen?
Mutter Belleza: Ja, erst recht. Im ersten Moment reagieren die Leute unsicher. Dann aber öffnen sie sich. Wir wollen ja mit der Farbe in unseren Gesichtern und mit den bunten Kostümen Freude rüberbringen. HIV ist zwar schlimm, aber deswegen ist nicht gleich das ganze Leben «Scheisse», man kann es immer noch geniessen und fröhlich sein. Es ist auch nicht so, dass wir sagen: «Pass auf, du solltest besser keinen Sex mehr haben.»
CR: ...aber ihr seid Ordensleute und die predigen üblicherweise Enthaltsamkeit!
Mutter Belleza: ...um Gottes willen, auf keinen Fall, wir doch nicht! Schau dir nur mal unsere Namen genauer an. Mein Ordensname Belleza hat ja noch den Zusatz «Tulips» (Tulpen) oder genauer gesagt «Tu-Lips@Analia». Andere Ordensschwestern nennen sich «Pandora Ejaculata Controllata» oder «Prüdetta von der immerwährenden Trunkenheit». Wir wissen also von den Freuden des Lebens und predigen niemals Verzicht.
CR: Nonnen sind seit jeher der gemeinnützigen Arbeit verpflichtet. Wie weit geht die Aufopferung, sprich der Zeitaufwand, bei euch? Es gibt ja kaum eine Party oder einen Event in der Szene, wo man euch nicht sieht...
Mutter Belleza: Aufopferung? Nein, es ist alles freiwillig, es gibt aber Grenzen. Wir schauen, dass wir in erster Linie unsere weltlichen Verpflichtungen erfüllen können. Also die Arbeit, die Hälfte von uns ist im Gesundheitswesen tätig. Ich selber auch. Kurzfristige Anfragen muss ich meist absagen, weil ich das mit der Arbeitszeit nicht unter einen Hut bringe. Ich und andere haben oft Nachtdienst oder Dienst am Wochenende. Dennoch versucht jeder von uns, mehrmals im Jahr mitzumachen. Noch gibt es zu viele Parties, wo wir nicht dabei sind, leider. Ich bekomme so viele Anfragen. Offstream, Flexx, Selection und anderen muss-te ich vorerst absagen. Es gibt ja praktisch jedes Wochenende Anlässe und wir sind einfach zu wenig Nonnen, um überall hingehen zu können. Wir wollen mindestens zu zweit an die Anlässe gehen, um unsere Aufgabe erfüllen zu können und auch aus Sicherheitsgründen. Es tut mir immer leid, wenn ich Absagen erteilen muss. Mein Ziel ist mittelfristig, dass wir zweimal im Monat an Parties auftauchen könnten. Aber dazu brauchen wir noch mehr Leute. Ich hoffe, dass sich neue Novizinnen bei uns melden und wir bald mehr werden.
CR: Ihr seid also sehr begehrt bei den Party-Veranstaltern. Werdet ihr eingeladen, weil ihr als Farbtupfer eine Bereicherung seid oder aufgrund eurer Arbeit?
Mutter Belleza: Da spielt beides mit. Und das ist doch schön. Es ist eben nicht so eine trockene Präventionsarbeit. Ich habe früher diese Arbeit auch ohne Kostüm gemacht. Das ist ein Riesenunterschied! Wenn ich als Nonne unterwegs bin, komm ich mit den Menschen viel leichter ins Gespräch, sie öffnen sich, reden über Gott und die Welt, erzählen von eigenen Problemen, stellen Fragen zu HIV und Aids und anderen Krankheiten. Als Nonnen können wir beraten, einfach ein offenes Ohr haben und je nach Situation empfehlen, zum Check Point oder zur Aids-Hilfe zu gehen.
CR: Ihr seid hauptsächlich in der Mission «Aidsprävention» unterwegs. Was unterscheidet euch von den Aids-Hilfen? Von der Zürcher Aids-Hilfe ist ja auch Hildegard auf Tour.
Mutter Belleza: Wir haben uns abgesprochen und aufgeteilt, gewisse Bereiche macht Hildegard. Wir gehen hauptsächlich an Parties. Hildegard ist von der ZAH angestellt. Wir sind inzwischen quasi angegliedert, aber wir sind ein eigenständiger Verein. Wir erhalten keine öffentlichen Gelder. Mit den Mitgliederbeiträgen decken wir das Nötigste, wie etwa den Internetauftritt. Das Geld, das wir sammeln, geht voll an Projekte weiter. Den Aufwand für die Kostüme berappen wir selber. Wir sind zudem ein weltweiter Orden. Wir mussten eine Aufnahmeprüfung machen in Berlin, damit wir als Haus in Zürich vom Orden der perpetuellen Indulgenz aufgenommen wurden. Das oberste Mutterhaus ist in San Francisco.
CR: Ihr verwendet viele klösterliche Ordensbegriffe wie Nonnen, Novizinnen. Sind die Ordensmitglieder wie in einem strengen Orden dem unbedingten Gehorsam verpflichtet?
Mutter Belleza: Es gibt Regeln, an die man sich als Ordensmitglied halten muss. Die sind übrigens auf unserer Homepage für jedermann einsehbar (www.derorden.ch). Wir haben Vorbildfunktion. Darum musste ich mal ein Mitglied ausschliessen, das auf der Tanzfläche nach Drogenkonsum und zu viel Alkoholgenuss zusammenbrach. Das passt natürlich nicht zu unserer Tätigkeit. Wir können die Botschaft «safer sex» so nicht nach aussen tragen, wenn wir uns selber nicht im Griff haben. Darum gibt es Regeln und Abstufungen. Generell sind aber die Regeln hier in der Schweiz lockerer als beispielsweise in Deutschland. Dort bleibt jemand nach dem Eintritt rund anderthalb Jahre Novizin. In der Zeit müssen diese Schwarz tragen. Da wir hier in Zürich nicht so viele Mitglieder haben, ist das nicht durchführbar. Wir halten das bei uns lockerer: Wenn wir an die White
Party gehen, dann sind auch Novizinnen weiss gekleidet.
CR: Stichwort Novizin: Brauche ich einen missionarischen Eifer, wenn ich in den Orden aufgenommen werden will? Was sind die Voraussetzung?
Mutter Belleza: Du musst Interesse an dieser Arbeit haben und die Fähigkeit, dich mit dem Thema Aids auseinandersetzen zu können.
CR: Muss ich mich wie in einem Orden lebenslänglich verpflichten?
Mutter Belleza: Nein, überhaupt nicht, jedes Mitglied kann wieder austreten, einfach unter Einhaltung der Kündigungsfrist. Dies, damit die Einsatzpläne nicht durcheinander kommen.
CR: Was wünschst du dir für die Zukunft im Zusammenhang mit dem Orden und eurer Tätigkeit?
Mutter Belleza: Dass wir in der Schweiz bekannter werden und bald mehr Mitglieder haben. Wer Interesse hat, kann sozusagen mal schnuppern und als Novizin oder Postulant (Bewerber) uns einen Abend lang begleiten. Ausserdem wünsche ich mir, dass die Leute wachsam bleiben und sich bewusst sind, dass es Aids gibt und immer noch keine Heilung möglich ist. Man kann heute damit leben, aber doch mit Einschränkungen.
CR: «Mutter Belleza», dein Name steht für Schönheit. Legt die Mutter auch bei den andern Schwestern Wert auf ein schönes Erscheinungsbild?
Mutter Belleza: Ja da lege ich Wert drauf, ich finde das wichtig. In Zürich sind die Leute anspruchsvoller. Wir dürfen schon mal sexy sein, aber nicht ordinär. Und auf eine schöne Schminke lege ich Persönlich sehr viel Wert. Denn die Leute an den Parties sollen sich an unsere «Schönheit» erfreuen. Wir wollen bewusst so die Aufmerksamkeit erregen, um so unsere Ziele zu erreichen. Nebst aller Ernsthaftigkeit ist dies auch das vermitteln von Lebensfreude.
CR: Mutter Belleza, ich danke für das Gespräch, und möge der Orden Zuwachs bekommen.