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Goldregen und Punktehagel
Eurovision Song Contest Ende Mai in Oslo
von René Gerber
Alle Jahre wieder trifft sich
Europa zum grossen Wettsingen. 39 Teilnehmer greifen nach den Sternen, über 100 Millionen Zuschauer werden das Spektakel am TV verfolgen. Wer die Favoriten sind, wer die Punkte verteilt und warum das Ganze so viel Spass macht.
Nach der Mr. Gay World-Wahl wird Oslo erneut zum queeren Hochdruckgebiet, für den 55. Eurovision Song Contest unter dem Motto «Share the Moment». Mit Gesang, Geige und breitem Grinsen hat Alexander Rybak vor einem Jahr in Moskau die Herzen Europas erobert und eine der weltweit grössten und aufwändigsten TV-Shows nach Norwegen geholt. Um ihn ist es bereits wieder ruhig geworden, überhaupt sind die Sieger seit längerer Zeit immer rasch in der Versenkung verschwunden. Dies, obwohl der ESC sein Klamauk-Image zunehmend abstreift und bei der letzten Ausgabe auch gestandene internationale Stars wie Patricia Kaas oder Andrew Lloyd Webber mit von der Partie waren. Höchste Zeit eigentlich, dass aus dem Gewinner mal wieder mehr wird als ein One Hit Wonder.
Lena, Harel oder Safura?
Auch diesmal werden grosse Balladen und kleine Kleidchen geboten, Nostalgisches, Folkloristisches und Futuristisches. Glaubt man den englischen Wettbüros, haben Deutschland, Israel und Aserbaidschan die grössten Siegeschancen. Die von Stefan Raab entdeckte Lena Meyer-Landrut könnte also durchaus von Deutschlands Liebling zu Europas Darling aufsteigen, ihr Song ist zwar nichts wirklich Neues, hebt sich aber von vielen anderen Beiträgen dadurch ab, dass er doch frisch klingt und genau auf der aktuellen Kate-Nash-und-Konsorten-Trendwelle surft. Für Israel steigt Harel Skaat auf die Showbühne, er singt bereits seit seinem fünften Lebensjahr und ist in seiner Heimat überaus erfolgreich. Seine Stimme wird garantiert nicht der einzige Grund sein, warum ihm Punkte und Herzen zufliegen... Aserbaidschan ist erst zum dritten Mal dabei, kann aber mit einem achten und einem dritten Platz bereits gute Resultate vorweisen. Diesjährige Hoffnung: Safura mit dem Song Drip Drop, der tatsächlich verdächtig nach internationalem Hit klingt, vielleicht etwas gar amerikanisch. Dass Safura zudem Beyoncés Choreographen eingespannt hat, dürfte das Übrige zum Erfolg beitragen.
Abgeschlagen auf dem sechstletzten Platz sehen die Buchmacher unseren Michael von der Heide mit seinem etwas glattpolierten und dennoch glanzlosen Pop-Chanson «Il pleut de l’or».
Christa und Hape
Aber Dabeisein ist alles, ein bisschen Scheitern gehört dazu. Als Querschnitt durch Europas Musikgeschmack, als fröhliche Studienreise punkto Kulturgeschichte der Bühnentechnik und punkto Modetrends wird der oft belächelte und doch von vielen heiss geliebte Song Contest auch diesmal wieder für beste Unterhaltung sorgen. Fast so wichtig wie die Beiträge selbst ist natürlich die Punktevergabe. Wie die französische Verkünderin da immer im Deux-Pièces vor dem Eiffelturm sitzt, der deutsche Mittelsmann stets in einer tobenden Menge badet und Osteuropäerinnen immer blond und schön sind, aber sehr viel Mühe mit englischer Grammatik bekunden, ist schon längst Kult geworden. Für Deutschland übernimmt diesmal Komiker Hape Kerkeling die verantwortungsvolle Aufgabe. Vielleicht sogar in seiner Rolle als Schlagerkönigin Uschi Blum? Und nach diversen Wetterfeen hat Christa Rigozzi die Ehre, die helvetische Wertung abzugeben. Sie freue sich sehr und sei bereits auf der Suche nach einem glamourösen Kleid, liess sie verlauten. Falls es dann unverhofft doch noch zum Schweizer Goldregen kommen würde, könnte sie sich auch vorstellen, den gigantischen Event 2011 in Zürich zu moderieren.
Die Überraschungen blieben in den vergangenen Jahren allerdings weitgehend aus, immer öfter machen die grossen Favoriten das Rennen. Vorerst ist man sowieso hauptsächlich gespannt, ob nicht am Ende eine isländische Aschewolke das Liedertreffen unterm Eurovision-Sternbild verhindern wird... |