Kampfzone Silom
Bangkok stand kurz vor dem Bürgerkrieg –Börse, Einkaufszentren brannten. «Land des Lächelns»?

Von Michael Lenz, Bangkok

Soldaten in gepanzerten Fahrzeugen stürmten am Mittwoch, 19. Mai, das Widerstandscamp in Bangkok. Nach Angaben der Regierung wurde damit der Dauerprotest der «Rothemden» nach zwei Monaten beendet. Ein Tag zuvor machte sich unser Thailandkorrespondent ein Bild über die Situation und über die Auswirkungen auf Schwulenlokale.

So manch einer wäre froh, unverhofft frei zu haben und sich sagen zu können: «Schön, dann kann ich für ein paar Tage an den Strand fahren.» In dieser Situation ist Vincent Hsu. Aber der Chinese aus Taiwan und Hotelbesitzer ist darüber überhaupt nicht glücklich. Denn er musste sein Hotel «Vincent’s» in Bangkok schliessen und vor den Kämpfen zwischen Armee und den «Rothemden» fliehen. Das schwule Boutiquehotel «Vincent’s» liegt in der Soi Ngam Duplee, die am Rande des gefährlichen Bangkok liegt, wo sich Armee und Polizei mit den Rothemden bewaffnete Gefechte leisten.

Bangkok-Flüchtlinge
Hsu ist nach Pattaya gefahren und hat sich im «Venue» im Jomtien Compex, einer lauten Mischung aus Bar, Showbühne und Hotel, einquartiert. Für einen Sonntagabend ist die Show im «Venue» gut besucht. Das liegt an den Bangkok-Flüchtlingen. Hsu schaut in die Runde, zeigt diskret mit dem Finger auf Leute und sagt: «Der ist aus Bangkok, der auch, den da drüben kenne ich auch.» Mit ihm am Tisch sitzt Wayne, Manager der legendären «Telephone Bar» in der Soi 4, an der Silom-Strasse. Auch die Telephone Bar hat zu. Wie alle Bars, Geschäfte, Büros in der Silom-Strasse. Die liegt nämlich direkt an den Barrikaden aus Autoreifen und Bambusstäben, mit denen die Rothemden das  drei Quadratkilometer grosse, seit März von ihnen besetzte Zentrum Bangkoks zwischen Lumpini Park und Siam Square abgeschottet haben.

Regierung hat keine demokratische Legitimierung
Mit dem Protest wollten die Rothemden, Anhänger des 2006 durch einen Militärputsch gestürzten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra, Neuwahlen erzwingen. Das Argument der Bauern aus dem Isaan und Arbeitern aus Bangkok, das durchaus den Anspruch auf eine gewisse historische Wahrheit hat: Die Regierung von Premierminister Abhisit Vejjajiva ist nicht durch demokratische Wahlen ins Amt gekommen, sondern vom Militär und den anderen Repräsentanten der alten Elite installiert worden, um deren Macht und wirtschaftliche Monopolstellung zu sichern.

Viele Leichen, darunter auch Journalisten
Alleine die ersten drei Tage des Einsatzes der Sicherheitskräfte seit dem 13. Mai mit der Lizenz zum scharfen Schiessen hat gut 50 Menschen das Leben gekostet und Hunderte wurden verletzt. Die Rothemden sind nur mit Schleudern, angespitzten Bambusstäben und Eisenstangen bewaffnet, im Nahkampf furchtbare Waffen. Tagsüber steigt schwarzer Rauch von brennenden Autoreifen in den Himmel von Bangkok. Mit dem Rauch wollen die Rothemden den Scharfschützen auf den Dächern der Hochhäuser die Sicht nehmen.

Keine Arbeit mehr
Die Leidtragenden des Bürgerkriegs sind die kleinen Geschäftsleute in Bangkok und alle die vielen Thais, die sich als Kellner, Go Go Boys und Girls, als Masseure, als Verkäufer von gefälschten Markenprodukten, als Garküchenbesitzer ihren Lebensunterhalt verdienen. Schon in den Wochen vor dem 13. Mai war die Silom-Strasse nachts öde und leer. Da wo sonst die Bars und der Nachtmarkt von Patpong locken, die schwule Soi 4 und die Soi 2 mit der berühmten Schwulendisko DJ Station das Epizentrum des schwulen Nachtlebens von Bangkok bilden, war Schluss mit lustig. Statt Partystimmung bestimmten Polizei und Armee mit Gewehren das Bild. Nicht mehr Verkaufsstände machten den schwulen Golfstrom zwischen Soi 4 und Soi 2 zu einem Hindernislauf, sondern Stacheldrahtsperren. Es war die Angst, die schwule Touristen und Expats am Ausgehen hinderte. Die Angst davor, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Zweimal ist die Silom Ziel von Granatenattacken geworden, die Tote und Verletzte gefordert haben. Soldaten wurden nachts von vorbeirasenden Mopeds aus beschossen, einer der Anführer der Rothemden während eines Interviews mit einem Journalisten von einem Scharfschützen ermordet.
Greg Riley ist an einem Montagabend Anfang Mai einer von sechs Gästen im Richard’s, einer populären Schwulenbar auf der Silom. Riley wohnt in der Nähe. Freimütig gibt er zu, Angst zu haben. «Ich war hier, als die Granaten explodierten. Das war furchtbar. Erst die Explosionen, dann das Schreien der Menschen.» Kneipenbesitzer Richard Saint-Laurent sagt: «Viele der Massagesalons und Bars in der Nachbarschaft, die noch auf sind, haben bereits die Gehälter ihrer Angestellten um 50 Prozent gekürzt. «Wir zahlen noch hundert prozent, aber wie lange wir noch durchhalten, weiss ich nicht.» Seit dem 13. Mai ist auch das Richard’s bis auf weiteres geschlossen.

Grosser Schaden für das «Land des Lächelns»
Das schwule Hotel «Poseidon» in Pattaya ist noch im Geschäft. «Wir sind fast völlig ausgebucht», freut sich Heiko Klimanschewsky. Bangkok-Flüchtlinge wohnen bei ihm, aber auch Touristen, die ihren Bangkok-Besuch abgesagt haben. Aber mit Sorgenfalten auf der Stirn schaut Klimanschewsky in die Zukunft. Schon die Besetzung des Flughafens von Bangkok durch die «Gelbhemden» (erbitterte Feinde der Rothemden) im November 2008 hatte zu kräftigen Einbrüchen im Thailand-Tourismus geführt. Nach dem Bürgerkrieg in Bangkok wird es schwierig, das Image von Thailand als «Land des Lächelns» wieder aufzupolieren. Experten ziehen schon eine Parallele zu Bali, dessen Tourismus nach dem verheerenden Bombenattentat zwei Jahre brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber Bali hat auch gezeigt, dass schwule Touristen weniger schreckhaft sind und sehr viel schneller wieder nach Bali gereist sind als Mainstreamurlauber. Es gibt also für «Vincent’s», «Richard’s», das «Poseidon» und alle anderen betroffenen schwulen Unternehmen in Thailand einen Schimmer der Hoffnung auf schnelle Erholung. Zu wünschen wäre es ihnen.