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Mister GAGA aus Casablanca
Wie schwule Moslems Akzeptanz suchen und finden
Von Alex Rudolf
Der Islam ist in aller Munde. Hier in der Schweiz spricht man über die Nachwehen des Minarettverbotes und das drohende Burka-verbot. Aus schwullesbischer Sicht wird man durch Schreckensmeldungen von Hinrichtungen Homosexueller in streng islamischen Staaten in Atem gehalten. Dass es auch eine andere Seite gibt, sieht man oft nicht.
Lady Gaga lebt in einem molligen, südländischen Männerkörper. Nichts fehlte, weder die mit Zigarettenstummeln beklebte Sonnenbrille noch die gelb-blonde Haarpracht. Ich traf diese Gestalt bei Chatroulette. Für diejenigen, denen dieser Zeitvertreib kein Begriff ist: Chatroulette kombiniert die Kommunikation via Webcam mit dem gleichnamigen Glücksspiel. Und so dreht sich das roulette’sche Chatrad bis man beim nächsten Chat- oder Cybersexpartner angelangt ist. Bei Nichtgefallen klickt man weiter und kommt wiederum zur nächsten Person. Und genauso stiess ich auf Mister Gaga.
Er sagte er komme aus Marokko, sei 25 und schwul. In Anbetracht seiner Herkunft drängte sich mir die Frage auf:«If someone catches you dressed up like that in front of a webcam, aren’t you stoned then? Not talking about the good stoned.» Er schmunzelte nur leicht, antwortete dann widerwillig und gelangweilt: «No, it‘s not so bad here». Diese Antwort verwunderte mich, da in Marokko doch eine Gefängnisstrafe auf homosexuelle Handlungen verhängt werden kann. Ihm wurde das Gespräch jedenfalls zu ernst und schon war ich mit einem Klick weg ge-chatroulette-et. Dabei wären mir noch einige Fragen in den Sinn gekommen, die ich ihm hätte stellen wollen. Homosexualität in muslimischen Ländern schien mir immer als etwas Abstraktes, Unreales. Etwas, das unter strengster Geheimhaltung und nur zu einem gewissen Grad ausgelebt werden darf. Der marokkanische Mister Gaga sieht dies wohl anders. Denn in dem kleinen Chatfenster sass mir die personifizierte «Pride» gegenüber.
Nichts ist einheitlich im Reich der Mondsichel
Islamisch geprägter Staat scheint nicht gleich islamisch geprägter Staat zu sein. Zumindest nicht, was die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe betrifft. Auch wenn in keinem etwas Vergleichbares zur eingetragenen Partnerschaft existiert, sind in elf Ländern, darunter die Türkei, Albanien und Tadschikistan, homosexuelle Handlungen nicht illegal. Traurige Wahrheit ist jedoch, dass in den meisten, es sind deren 24, ebendiese Handlungen mit unterschiedlich hohen Freiheitsstrafen geahndet werden. Darunter Pakistan, Libyen und Marokko. Unser Ladyboy Gaga sollte die Türe also besser doppelt verschliessen, bevor er sich in diese Aufmachung stürzt. Er kann jedoch froh sein, lebt er nicht in einem der sieben Länder, in denen er aufgrund seiner Neigung mit der Todesstrafe rechnen müsste. Darunter Saudi-Arabien, Nigeria und der Iran. So ist es auch schwierig Schwulenorganisationen zu finden, die sich in muslimischen Staaten für LGTB-Rechte einsetzen – In manchen Staaten wäre dies schlichtweg illegal. Im Westen, also in Mitteleuropa und Nordamerika, gibt es sie jedoch.
Ali Adnan ist der Gründer der Britischen Sektion der muslimischen Schwulenrechtsorganisation «Al Fatiha», die ihren Ursprung Anfang der Jahrtausendwende in den USA hat. Der in Pakistan geborene und aufgewachsene Adnan kam der Ausbildung wegen nach Grossbritannien. Im Interview mit der Britischen Tageszeitung «The Guardian» spricht er offen über den Konflikt zwischen Religion und Sexualität: «Zuerst dachte ich, dass ich nicht schwul sein kann, da ich Moslem bin. Mit der Zeit wusste ich dann aber, dass ich schwul bin, also konnte ich kein Moslem sein.» Das Studium in England habe ihn sehr weit gebracht, was die Selbstakzeptanz angehe. Bevor er Pakistan verliess, vertraute er sich seinen Eltern an. «Sie hatten Angst vor den Reaktionen der Nachbarn. Als ich sagte, dass ich mich nicht verstecken werde, da wurde es erst zu einem religiösen Problem», so Adnan. «Al-Fatiha» vereint schwule und lesbische Moslems aus der ganzen Welt. Ein- bis zweimal im Jahr treffen sich die Mitglieder, aus Angst vor Anschlägen, an einem geheimen Ort. Adnan wurde kurz nach der Gründung der Organisation mit einer Fatwa belegt. Ausgegangen war diese vom Oberhaupt der fundamentalistischen Al-Muhajirou-Gruppe. Scheich Omar Bakri Mohammed titulierte die «Al-Fatiha»- Mitglieder als Abtrünnige. Der Schwulenaktivist sieht dem jedoch gelassen entgegen: «Nur weil Ayatolla Khomeidi Salaman Rushdie mit einer Fatwa belegte, die seinen Tod verlangte, heisst das noch lange nicht, dass bei allen Fatwas Blut fliesst». Weiter sagt er, dass es sich auch nur um die Fatwa eines Gelehrten handle, der nicht repräsentativ für den gesamten Islam sei.
Die Blackparty hat mehr Anhänger als «Al-Fatiha»
Die Mitgliederzahlen von «Al-Fatiha» sind überraschend klein. Mit der wissenschaftlichen Annahme im Hinterkopf, dass rund 10 % der Menschen homosexuell sind, sollte es aufgrund der anderthalb Milliarden Moslems rund 150 Millionen schwullesbische geben. «Al-Fatiha» hat jedoch weltweit nur um die 1000 Mitglieder. Die letzte Blackparty im Volkshaus hatte mehr Besucher.
Obwohl Schwulsein in manchen Staaten scharf geahndet wird, gibt es Stimmen, die dieses Problem relativieren. Badruddin Khan, ebenfalls gebürtiger Pakistani, sieht keinen grossen Aufholbedarf, was die Schwulenrechte angeht. Der inzwischen in Nordamerika lebende Autor von «Sex, Longing and Not Belonging: A Gay Muslim’s Quest for Understanding» denkt, dass Homosexualität im Islam kein Problem ist. «Eine der Pflichten eines Moslems ist das Gründen und Ernähren einer Familie, wenn man dies erreicht, hat man die Möglichkeit ein ‚Privatleben’ zu führen, das von der Norm abweicht», sagt Khan. Dass für homosexuelle Handlungen mancherorts noch immer die Todesstrafe gilt, sieht er als Definitionsproblem. «Sex zwischen Männern ist in der muslimischen Gesellschaft eigentlich kein Thema, obwohl viele Leute ‚schwulen Sex’ haben – einfach ohne den Stempel der Homosexualität», sagt er. Dass dies ausschliesslich mit Lustbefriedung, jedoch überhaupt nichts mit gleichgeschlechtlicher Liebe zu tun hat, sei ihm auch klar. Daher sind seine Prognosen für Schwule in islamischen Ländern auch düster. «Ich denke nicht, dass muslimische Communities jemals Schwulenbewegungen unterstützen werden, denn deren Bedürfnisse sind das genaue Gegenteil derer von Familien. Diese sind und bleiben nun mal der Grundpfeiler des Islam.»
«Ich bin sehr glücklich, so wie es jetzt ist»
Hier im deutschsprachigen Raum, wo sich die kulturellen Differenzen zwischen eingewanderten Moslems und der christlich geprägten Gesellschaft im Verbieten von Minaretten niederschlagen, sind Schwule kein grosses Thema. Es existiert beispielsweise kein deutsch/schweizerisches Pendant zu «Al-Fatiha». Das heisst nicht, dass schwule Muslime in europäischen Ländern keine Akzeptanzprobleme haben – diese gehen jedoch hauptsächlich von (Heimat)Landsleuten aus. So belegte eine Studie der Christian-Albrechts-Universität in Kiel aus dem Jahr 2007, bei der 1000 Leute befragt wurden, dass unter männlichen muslimischen Jugendlichen ein sehr viel stärkerer Schwulenhass besteht als beim Durchschnitt. Diese Ergebnisse werden darauf zurückgeführt, dass das Männerbild im Islam einen hohen Stellenwert hat. Die patriarchalischen Verhaltensweisen – von Ehre, Respekt und Männlichkeit geprägt – werden von Schwulen meist nicht befolgt, daher stossen sie auf Ablehnung.
Jedoch gehen die Errungenschaften der westlichen Gay-Community nicht spurlos an den Immigranten vorbei. Indikatoren dafür, dass sich die Beziehung zwischen muslimisch- deutschen Eltern und ihren schwullesbischen Kindern langsam aber sicher verbessert, zeigen die Aussagen, die Hilal Sezgin, Präsident des Muslimischen Zentralrates in einer Radio-sendung des SWR gemacht hat: «Unsere Gesellschaften haben sich gewandelt, Familien sind anders strukturiert (...) Heutige Paare stehen nicht mehr vor der Aufgabe, möglichst viele eigene Kinder aufzuziehen, um die Gemeinschaft und das eigene Alter zu sichern», sagt er. Sezgin geht noch einen Schritt weiter: «Die Menschen bewältigen den Alltag lieber zu zweit als alleine – und wieso soll dies nicht mit einem Partner gleichen Geschlechts möglich sein? Ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass Gott etwas dagegen hätte, wenn sich zwei Menschen lieben. Egal, wie ihre Körper aussehen.»
Auch hier in der Schweiz werden die verhärteten Fronten weicher. Umut ist mittelgross, 18 Jahre alt und Türke. Er wurde hier in der Schweiz geboren und spricht perfektes Berndeutsch. Seine Eltern, beide unter vierzig, sind praktizierende Muslime. Die Mutter ist überzeugte Kopftuchträgerin, sein Vater besucht die Moschee täglich. «Ich glaube auch an Allah, aber die Hetze auf die Homosexuellen, die meiner Meinung nach völlig haltlos ist, weil nicht im Koran verankert, hat mich dazu gebracht, den muslimischen Glauben auf meine Weise zu leben», sagt der KV-Lehrling. Umuts Verwandte in der Türkei wissen nicht, dass er schwul ist, einzig seine Eltern sind eingeweiht und dies auch nur aufgrund einer Unachtsamkeit. «Im ersten Jahr meiner Lehre vergass ich mein Mobiltelefon auf dem Küchentisch. Meine Mutter las eine SMS von meinem damaligen Freund. Da wussten meine Eltern, was Sache ist.» Nach einer tränenreichen Aussprache waren die Eltern fest entschlossen, Umut von seiner Homosexualität zu heilen. Sie schickten ihn zu einem Psychologen, der die Situation schnell erkannte und die Eltern ebenfalls zu Therapiestunden einlud. «Mit der Zeit bemerkte ich eine Veränderung bei meinen Eltern. Zum Beispiel kam meine Mutter nach zwei Monaten Therapie zu mir und fragte, wie Männer denn Sex hätten. Da wir schon immer ein enges, offenes Verhältnis hatten, erklärte ich es ihr», sagt er schmunzelnd. Sie habe es zwar eigenartig gefunden, aber das Verhältnis habe sich so weit normalisiert und entspannt, dass er vor einigen Wochen sogar seinen Freund mit nach Hause nehmen durfte. «Ich bin sehr glücklich, so wie es jetzt ist», sagt er.
Pyramidenbesichtigungen und Schnorchelurlaube zählen nicht
Wir haben Vorurteile gegenüber Kulturen und Lebensweisen, die wir nicht kennen. Das ist menschlich. Durch all die Bilder und Geschichten über Schwule in Islamischen Ländern, die uns die Medien übermitteln, sind wir darauf konditioniert, hellhörig zu werden. Wir glauben zu wissen, ohne jemals einen Fuss auf islamischen Boden gesetzt zu haben, dass es gefährlich werden kann, wenn diese Religion auf unsere sexuelle Orientierung trifft. Dass die rechtlichen Standards andere sind, das ist klar. Die Todesstrafe braucht hierzulande niemand mehr zu fürchten. Aber lässt sich in islamischen Gebieten wirklich kein angenehmes schwules Leben, ein anderes als wir hier gewohnt sind, führen? Ob dem so ist, kann man erst beurteilen, wenn man einmal ein schwuler Mann in einem solchen Land war. Schnorchelurlaube und Pyramidenbesichtigungen werden nicht mitgezählt. Selbst wenn man homosexuell und Moslem ist, driften die Standpunkte auseinander. Der kahn’sche Pessimismus steht der Zigarettenbrille von Mister Gaga gegenüber. Wie die islamische Gesellschaft auf Dauer mit dem Thema Homosexualität umgeht und welche Ausstrahlung dies auf den Westen haben wird, steht in den Sternen, oder genauer in der Mondsichel.
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