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Zurich Pride Festial
Nicht alles optimal gelaufen – dennoch eine gelungene Pride
Ein paar angekündigte High Lights hat man vermisst. Die Parade-Route ums Seebecken war sicher nicht optimal. Aber insgesamt war das Zurich Pride Festival 2010 überzeugend – wie auch die Rede von Regierungsrat Markus Notter.
Mit den Worten «ein absoluter Traum mit grosser Präsenzwirkung» wurde im Vorfeld die neue Route ums Seebecken für die Parade gepriesen. Nach der «einspurig» abgehaltenen Parade, gestand «Zurich Pride Festival» auf der Website: «Aufgrund der momentanen Baustellensituation in der Stadt Zürich war es unmöglich, mit dem Umzug durch die Bahnhofstrasse oder das Limmatquai zu ziehen. Der Verein Zurich Pride Festival war sich bewusst, dass diese Strecke vor allem in Bezug auf die Präsenz der Teilnehmenden, nicht die Optimale war. Jedoch ist ein Umzug ums Seebecken besser als gar keine Parade.» Unser Kolumnist hat da seine eigene Meinung.
Andere Beobachter bemängelten das Nichterscheinen von «Pam Ann», angekündigt als DIE australische Comedy-Stewardess. Schliesslich wartete man vergeblich auf die Wahl «Mister Gay International». Oder hat man da was verpasst?
Nicht verpassen dürfen hätte man die Rede von Regierungsrat Markus Notter, der, wäre er Bischof, die Zuhörer verabschiedet hätte mit den Worten: «Gott schütze alle Lesben, Schwulen und Bisexuelle!» Hier die Rede:
«Wir stehen heute hier und freuen uns aufs Bier oder aufs Cüpli oder die Frühlingsrolle, die es da vorne irgendwo gibt. Ihr habt den Partypass gekauft und schaut euch schon mal um, ob’s irgendwo was Hübsches zu erobern gibt. Dagegen hat ja niemand etwas. Es gibt hier keine Hooligans. Und wenn jemand betrunken ist, dann schlägt er nicht wild um sich, sondern wird höchstens etwas anhänglich, im schlimmsten Fall aufdringlich. Auch die ehemalige Zürcher Polizeivorsteherin soll letztes Jahr über die EuroPride gesagt haben, das sei eines der schönsten Feste, das sie in Zürich je erlebt habe. Voilà, ihr überzeugt sogar diejenigen Leute, die nicht unbedingt zum innersten Kreis der Community gehören. Aber kein Wunder, schliesslich ist das hier eine friedlichere Demo als alle Friedensdemos, die es seit den 60er Jahren gab. In der Tat seit Stonewall vor 41 Jahren ist wahrscheinlich kein einziger Stein mehr aus einer Schwulen- und Lesbendemo heraus geworfen worden. Dafür werden immer wieder Steine hinein geworfen.
Vor zwei Wochen fand in der Slowakei die erste Gay Pride Parade statt. So friedlich wie hier war sie nicht. Skinheads und Anhänger einer nationalistischen Partei haben die Parade gesprengt. Im Vorfeld haben Gruppierungen dazu aufgerufen, die Parade zu verhindern. Sie haben Vorurteile und Hass geschürt. Darunter auch die katholische Kirche. Letztes Jahr hat die römisch-katholische Körperschaft des Kantons Zürich den schwullesbischen ökumenischen Gottesdienst im Rahmen der EuroPride finanziell unterstützt. Hier fliesst Geld. In der Slowakei fliessen Hasstiraden. Das ist doch etwas erstaunlich. Vor allem, wenn man drei Dinge bedenkt.
Erstens: Man dürfte doch hoffen, dass die Kirche gewisse Lehren zieht und endlich aufhört, auf Minderheiten rumzuhacken. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass in keinem Unternehmen der Anteil von schwulen Männern so hoch ist, wie bei der Mutter Kirche. Selbst Network muss da ein bisschen neidisch werden. Beim Lesben-Anteil sieht’s natürlich wieder anders aus.
Zweitens: Dass eine Partei, eine Gruppe, eine Sekte gegen Schwule und Lesben aufruft, daran haben wir uns einigermassen gewöhnt. Aber eine weltweit tätige Grosskirche, die eine zentrale Leitung hat wie keine andere Organisation? Wenn der Vatikan schon auf der ganzen Welt den Tarif durchgibt, dann wäre es vielleicht an der Zeit, dass er endlich ein Machtwort gegen die Ausgrenzung spricht.
Und drittens: Wäre es nach 2000 Jahren reli-giöser Auseinandersetzung – nicht selten verbunden mit Gewalt und Blutvergiessen nicht langsam an der Zeit, dass die Kirche das umsetzt, was sie predigt: nämlich den Frieden? Wäre es nicht schön, wenn nächstes Jahr ein Bischof an dieser Stelle stehen würde und den Mut hätte, am Zürich Pride Festival zu sprechen? Ich weiss, dass in der Vergangenheit schon Bischöfe dafür angefragt worden sind. Sie haben abgelehnt. Und zwar nicht, weil sie das total daneben fanden. Sondern weil sie den Konflikt nicht lostreten wollten.
Doch zurück zum Hier auf dem Turbinenplatz. Der hat ja mittlerweile auch schon Tradition. Am Anfang hat man noch die Nase gerümpft, als man hier raus verbannt worden ist. Aber mittlerweile ist Zürich West so trendy, dass man Schwule, Lesben und Bisexuelle gar nicht mehr wegdenken könnte. Ich will, dass wir hier ein wunderbares Fest geniessen können. Nicht zuletzt, weil ich selber auch ein wunderbares Fest will. Aber vorher wird’s noch kurz etwas ernst.
Da drüben stehen – zumindest hoff ich es, man weiss ja nie – da stehen keine mit Knüppeln bewaffnete Neonazis wie in der Slowakei. Dort hinten sind keine Polizisten, die darauf warten, uns alle festzunehmen, wie in Uganda. (Bei uns laufen die Polizisten mit und heissen Pink Cops.)
Hier hinten wartet nicht die Religionspolizei und sieht euch schon am Galgen baumeln, wie im Iran. Aber Himmel Herrgott, wenn wir Schweizerinnen und Schweizer in den letzten Jahren etwas gelernt haben, dann das: Wir sind ein kleines Land, ein schönes und nettes Land. Aber die Welt, die findet da draussen statt. Und da draussen ist kein Paradies für Männer, die Männer und Frauen, die Frauen lieben. Die Globalisierung betrifft eben nicht nur Bananen und Mobiltelefone, es gibt auch eine Globalisierung der Gedanken, der Ideen. Und die Mehrheit der Leute auf dieser Welt steht heute nicht hier und findet das gut, was wir machen. Die Welt ist eben nicht nur Westeuropa
Mit der Toleranz ist es wie mit dem Geld. Man muss viel arbeiten, damit man ein Vermögen hat (meistens jedenfalls). Und man muss weiter arbeiten, damit es nicht – wie bei gewissen Banken – plötzlich weg ist. Ja, wir haben eine weit gehende rechtliche Gleichstellung erreicht, so lange ist das noch nicht her. Ich stand damals auch auf so einem Podest und habe geredet und gehofft, dass es am nächsten Tag mit der Abstimmung klappt.
Die meisten, die hier sind, werden heutzutage wohl seltener angestarrt, angepflaumt, oder gar angespuckt wie noch vor 10 Jahren. Aber lasst euch gesagt sein: Die Stimmung kann wieder kippen. Wir verbieten Minarette, wir möchten Burkas verbannen. Burkas: Das wäre, wie wenn man in der Schweiz die Robbenjagd verbieten würde, schrieb die NZZ. Die Diskussionen zeugen von einer Haltung: Es ist okay, Minderheiten etwas zu verbieten, ganz einfach, weil es einen ein bisschen stört. So war das früher mit den Schwulen. Sie haben ein bisschen gestört und deshalb hat man sie völlig ausgegrenzt oder gar eingesperrt.
Was macht denn Minderheiten dafür so unglaublich attraktiv? Ich glaube, sie helfen dabei, Probleme zu lösen. Weil in einer Mehrheit, wenn sie auf eine Minderheit losgeht, für kurze Zeit so etwas wie Gemeinschaftssinn entsteht. Man kann gemeinsam gegen andere sein. Das wirkt identitätsstiftend. Eigentlich ist es auch völlig egal, wer diese Minderheit ist. Es gibt genügend davon. Irgendeine passt doch immer zum Problem. Vor allem, wenn Minderheiten zu laut, zu wichtig, zu einflussreich oder einfach zu sichtbar werden, dann macht man sie gern zum Ziel. Das ist brutal, das ist absurd, aber es ist. Und es ist vor allem gefährlich. Weil jede Mehrheit nur ein Konglomerat aus Minderheiten ist. Am Ende kann es jeden treffen. Niemand ist in der Mehrheit.
Also denkt daran, wer ihr seid und woher ihr kommt, wenn ihr nächstes Mal die Wahlzettel ausfüllt. Toleranz ist eine Errungenschaft von Jahrzehnten. Aber Ausgrenzung kann über Nacht passieren. Wir alle stehen mit in der Verantwortung dass diese Gesellschaft eine pluralistische bleibt. Dass der Regenbogen nicht zu grau in grau wird. Dass wir eine Gesellschaft weiterleben können, wo man sein kann, wer man will, an einen Gott glauben oder auch nicht und wo mir der Staat nicht vorschreibt, welchen Haarschnitt oder welche Unterhose ich zu tragen habe. Und denkt daran: Den Schwulen im Iran helft ihr auch nicht, wenn ihr hier Minarette verbietet.
Vor einigen Tagen konnte man lesen und hören, dass ich mein Amt als Regierungsrat abgeben werde. Das ist also nicht bloss ein Gerücht, das stimmt tatsächlich.
In den vergangenen vierzehn Jahren habe ich mich nicht nur – aber auch für die Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Bisexuellen eingesetzt. Ob es nun um ein Zürcher Partnerschaftsgesetz ging, (das wir mittlerweile wieder abschaffen mussten, weil wir Gott sei Dank auf Bundesebene eins haben). Oder ob’s bloss um so kleine Fragen ging, wie ob die Network-GV im Rathaus stattfinden darf oder nicht – sie durfte übrigens – ich habe mich immer gern mit diesen, unseren Anliegen befasst und habe versucht, meinen Teil zur rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung beizutragen.
Wir sind in den letzten Jahrzehnten einen weiten Weg gegangen. Noch sind wir nicht am Ziel. Bitte, hebed Sorg zu dem, was Generationen von Schwulen, Lesben und Bisexuellen erkämpft haben. Und an die jüngeren unter euch: Nehmt die heutige Freiheit nicht einfach als gegeben hin. Sondern schützt sie. Und noch wichtiger, tragt sie in die Welt hinaus. Denn die Welt, die hat noch lange nicht so viel Freiheit, wie sie braucht.
Ich danke euch, dass ihr heute hier seid. Ich danke euch, dass ihr mir zugehört habt. Wenn ich Bischof wäre, würde ich ergänzen:
Gott schütze alle Lesben, Schwulen und Bisexuelle!
Ich bin aber nur Regierungsrat und zähle deshalb auf euch als engagierte Bürgerinnen und Bürger. Und vor allem bin ich ein lebensfroher Mensch und wünsche uns allen ein wunderbares Fest hier auf dem Turbinenplatz!»
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