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Fick nicht mit den Schmuddelkindern
Das kombinierte Juli-/August-Dossier
von Lola Sara Schwarzenegger-Arnold-Korf
Eine international in medizinischen Fachkreisen als «Swiss Statement» bekannt gewordene und wegen der Prävention unter dem Deckel gehaltene Studie hat bereits vor mehr als zwei Jahren festgestellt, dass HIV-Positive bei regelmässiger Einnahme von Me-dikamenten niemanden mehr mit dem HI-Virus anstecken können – neutra-lisiert und null-infektiös sind. The new day has come?
Der grosse Stigma-Lift allerdings bleibt aus. Zum einen hat das Ergebnis der Studie kaum jemand mitbekommen dürfen, zum anderen ist es auch wunderbar einfach, den Schwarzen Peter praktischerweise bei den Positiven zu belassen. Fick nicht mit den Schmuddelkindern lautet deshalb auch im Jahre 2011 noch immer die Devise. Völlig unklar dabei allerdings, wer damit schlussendlich und überhaupt gemeint ist.
Zürich, London, Paris, Berlin, Mailand, New York, Shanghai, Bern und Basel: Wer HIV (Capital Aitsch Eiy You) für ein Problem betont hedonistischer Zentren des Erdballs hält – oder für einen Fluch, der daneben allenfalls noch das rabenschwarze Afrika trifft der irrt. Leider. Auch in der überaus pittoresken, wohlgepflegten Schweiz leben – ungeheuerlicherweise – sogar HIV-Infizierte. Laut Statistik derzeit etwa 20000 Bewohner. Jedes Jahr kommen etwa 600 bis 800 Identifizierte hinzu.
Als Schocker der Saison sind die Zahlen allerdings schon lange nicht mehr geeignet. HIV, AIDS, Schwulenseuche, das sind seit Jahren ja nun schon keine Themen mehr.
Man munkelt: Wen es erwischt hat, der rührt sich halt ein paar Tabletten und mondäne Tröpfchen in den morgendlichen Tee.
HIV/AIDS – das ist heutzutage ja wohl ein zu kontrollierendes, medizinisches Problem. Und überhaupt: Wer macht sich im Jahr 2011 noch Gedanken darüber? Selbst die Aids-Hilfe Schweiz bekommt immer weniger aus dem – angeblich – blutleeren Organismus Staat Schweiz (einem der reichsten Länder des Universums).
Dementsprechend bekommt man am Abend in regelmässiger Frequenz auch in der pittoresken, wohlgepflegten Schweiz Sexpraktiken – aaahhh – angeboten, die bei der Aids-Hilfe nicht zwingend auf der whitelist menu card, der Liste von Reinheit und Anständigkeit, stehen. Hoch das Bein und möglichst weit auf das Loch, lautet auch in der Schweiz allerorten das abendliche Credo am Wochenende. Es sei denn, das Gegenüber lässt vor dem Begattungsakt Sachen wie diese vom Stapel: «Du, Schatz, aah, ähhh, es gibt da was, worüber wir, ääähhhh, reden müssen. Ich bin HIV-positiv. Ääähhhh. Uuuuiiiii.»
Und dann machte es BÄNG bei der Büsi!
BÄNG! Hatte man sich kurz vorher noch der wohligen Annahme hingeben können, dass der neue Saft- oder auch Notschinken es nicht ist, ist er es nun plötzlich doch – und jedwede Erotik ist bei der süssen Miezekatze, meiner kleinen Büsi. Eine Virusschleuder im Bett? Igitt. Wer will die denn schon unter die Decke lassen? Auf den Punkt gebracht: keiner! Doch gerade Sex mit Positiven – wenn sie denn auch artig ihre Medikamente löffeln – erscheint nach einer bereits vor zweieinhalb Jahren veröffentlichten Studie namens «Swiss Statement» derzeit noch am sichersten. Verkehrte Welt? Na ja, selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Mai 2011 nach ihrer subtilen Kritik vor drei Jahren am «Swiss Statement» eine Kehrtwende um 180 Grad gemacht und nennt die neue Präventionsstrategie: Treatment as Prevention! Zu Deutsch: Therapie als Prävention! Die endgültigen Ergebnisse sollten erst in fünf Jahren veröffentlicht werden.
Bereits im Jahr 2005 startete die Studie des amerikanischen National Institute of Allergy and Infectuous Diseases (NIAID, Capital En Eiy Ey Eiy Di) mit 1763 serodifferenten Paaren (ein Partner ist HIV-positiv und der andere ist HIV-negativ). Eine Gruppe erhielt eine Therapie mit antiretroviralen Medikamenten (ART) und durfte fröhlich kondomfrei alles hineinstecken. Die zweite Kontrollgruppe erhielt keine Medikamente, und sollte sich stattdessen an die gestrengen Regeln des Safer-Sex halten.
Im Laufe weniger Jahre kam es bei der Gruppe, die sich stringent an Safer-Sex halten sollte und keine HIV-Medikamente einnahm, zu insgesamt schockierenden 27 Neuinfektionen mit HIV. Demgegenüber wurde in der anderen Gruppe lediglich ein unbedeutender Fall bekannt, bei dem man sich allerdings bis heute nicht sicher ist, ob der Betroffene seine Medikamente überhaupt, und wenn, dann auch regelmässig eingenommen hatte oder nicht.
Die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen (EKAF, Capital Ih Keiy Ey Eff) hatte im Jahr 2008 das so genannte «Swiss Statement» veröffentlicht. Die Überschrift des an sich revolutionären Statements lautete: HIV-Infizierte Menschen ohne andere STD sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös!
Im Mai 2011 wurde die Studie von ihrem Sicherheitsgremium, dem Data and Safety Monitoring Board, in der bisherigen Form gestoppt. Die Ergebnisse sollten eigentlich erst in fünf Jahren, also im Jahr 2016, der Öffentlichkeit und den Betroffenen zugänglich gemacht werden. «Die Studie geht zwar weiter, aber man konnte dem medikamentös unbehandelten Teil der Studiengruppe aus ethischen Gründen die Vorzüge der HIV-Therapie nicht weiter vorenthalten. Man hat diesen Gruppenteilnehmern deshalb angeboten, HIV-Medikamente zu nehmen», sagt Professor Vernazza, Präsident des EKAF, der auch Chefarzt für Infektiologie/Spitalhygiene im Kantonsspital Sankt Gallen ist.
STD??? Pfui! So etwas hab ich nicht!
Nun hört sich STD etwas unappetitlich und verwirrend an. Aber für Entwirrung sorgt Dr. Martin Lehner, der auf wichtige Bedingungen für diese Aussage hinweisen möchte: «HIV-Positive sind nur dann nicht infektiös, wenn sie die Tabletten regelmässig einnehmen, die Viruslast seit mindestens einem halben Jahr unter der Nachweisgrenze von heutzutage unter 20 Viruskopien pro Milliliter Blut liegt, und keine ansteckenden Geschlechtskrankheiten, so genannte STD – wie Tripper oder Syphilis, vorliegen.»
Dabei wurde die Studie seinerzeit gar nicht in Auftrag gegeben, um die notorisch schwanzsüchtigen Homoszenemenschen dieser Welt kondomfrei zu bekommen, sondern es ging vor allem um Heteropaare, bei denen ein Partner das Virus hatte und der andere nicht, und die sich mit einem Kinderwunsch herumschlugen.
«Im Fokus stand die Frage, ob ein extrem teures und aufwändiges Verfahren, bei dem das Sperma vor der künstlichen Befruchtung von HI-Viren gereinigt werden muss, überhaupt notwendig ist. Oder: Ob nicht auch Geschlechtsverkehr ohne Schutz möglich ist, wenn der HIV-positive Teil in der Beziehung medikamentös behandelt wird», erläutert Dr. Lehner. Die Antwort war: Nein, es ist nicht notwendig, denn, wenn die Bedingungen erfüllt sind, besteht keinerlei Ansteckungsgefahr mit HIV.
«Würde diese Tatsache bekannter werden, wäre es ein richtiger Schritt in Richtung Entstigmatisierung HIV-Positiver und in die richtige Richtung von Normalität», ist sich Pierre Rosselet, Präsident von Pink Cross Schweiz (www.pinkcross.ch), sicher. In der Tat. Doch die Realität ist weit davon entfernt: Während in der Szene russisch Roulette nach wie vor den absolut höchsten kombinierten Erotik-Tabu-Faktor hat und deshalb das absolut höchste Ranking im Bett geniesst, weist der Sex mit Positiven nach wie vor den höchsten Non-Erotik-Tabu-Faktor auf und mutiert damit zum veritablen Graus.
Ein kleiner Hauch von Sternenstaub genügt
Vor allem in der pittoresken, wohlgepflegten Schweiz: Es ist nach wie vor besser, den HIV-Status seines Gegenübers nicht zu kennen, als zu wissen, dass man grade mit HIV+ fickt.
Demgegenüber steht der Fakt, dass es fast jeder am Abend darauf anlegt, das Immune Deficiency Syndrome zu akquirieren: Es reichen dazu ein paar Kaltgetränke mit oder ohne Geschmack und ein kleiner Hauch von süssem Sternenstaub – und die Illusion ist perfekt: «Ich war gestern Abend wie von Sinnen. Wie konnte das passieren? Aber morgen, da gehe ich
husch husch husch ... gleich mal zum Aids-Test».
Auf der anderen Seite der güldenen Medaille dann die Fraktion der Positiven, die gerne den Allerwertesten hinhält, ohne dass das Gegenüber über den Status der gesamten Angelegenheit aufgeklärt wird. Auch hier, das tösende Geflöte, der Liebessturm am helllichten Vormittag: «Ich war wie von Sinnen. Wie konnte das nur passieren?» Ja, wie konnte das alles nur passieren? Wie konnte es nur passieren – nach Jahrzehnten? Die Antwort weiss alleine – der Wind, das himmlische Kind.
HIV-Positive sind und bleiben Pestkranke in der Society
«HIV-Positive werden nach wie vor wie Pestkranke behandelt. Machen wir uns hier mal nichts vor», sagt Pierre André Rosselet von Pink Cross. «Dabei sind die Problemfälle doch nicht die geouteten, die regelmässig Medikamente nehmen, sondern die, die den Virus wegen verdrängter HIV-Test-Notwendigkeit tagtäglich weiter tragen», bringt es die smarte und taffe Präsidentin des Zurich Pride Festivals Nathalie Schaltegger (www.zurichpridefestival.ch – Daumen hoch!) auf den Punkt. Und Rosselet setzt noch einen weiteren Akzent: «Die regelmässige Einnahme von HIV-Medikamenten, die allein vor dem Ausbruch von AIDS schützt, erinnert mich an eine Art militärischer Drill. Hinzu kommen die oft unterschätzten, bitteren Nebenwirkungen. Die meisten verdrängen das. Vor allem in Zürich, wo schätzungsweise die Hälfte aller Schwulen HIV-positiv ist. Aber viel wichtiger ist es festzuhalten, dass laut ‚Swiss Statement’ diejenigen andere mit HIV infizieren, die nichts von ihrer Infektion wissen und zu selbstgerecht sind, sich zu testen! Und unter diesen HIV-Schleudern sind es vor allem die Primos.» (Anm. der Redaktion: Primo steht für Primoinfektion und meint die Zeit von drei Monaten seit der Ansteckung. In dieser Phase beträgt die Viruslast im Viruskopienbereich bis zu vielen Millionen pro Milliliter Blut. Demgegenüber steht die Viruslast bei den Therapierten mit einem Wert unter der Nachweisgrenze von derzeit 20 Viruskopien pro Milliliter Blut. Ganz schön kompliziert zu verstehen...)
Das ungetestete ist das perfekte Alibi, denn es bedeutet: Mein Name ist Hase. Steck ihn rein. Denn ich weiss von nichts! Dafür gibt´s allerdings mit oder ohne «Swiss Statement» keine Rechtshaftung. Denn das Statement sieht die Sache anders und die neue Schweizer Rechtslage auch: Ein ungeschützter Sexualkontakt einer HIV-infizierten Person ohne STD unter wirksamer ART mit einer HIV-negativen Person kann nach Auffassung der EKAF weder den Tatbestand einer versuchten Verbreitung einer gefährlichen Krankheit im Sinne von Art. 231 Strafgesetzbuch (StGB) noch den Tatbestand der versuchten gefährlichen Körperverletzung nach den Artikeln 122, 123 oder 125 StGB erfüllen. Und NUR für sie Positiven! Darauf einen Obstler und einen Kirschlikör!
Swiss Statement...Was war das?
Das «Swiss Statement» bedeutet nun was? Nun, meine Freunde & Liebhaber: Es bedeutet absolut gar nichts! Denn: Wer weiss schon, welcher Positive regelmässig seine Medikamente löffelt? Wer weiss schon, wer positiv ist (in jeglicher Hinsicht)? Wer weiss schon, wer negativ ist und wie lange er es noch sein wird? Wer weiss schon, wie lange sich die Erde um den Mond dreht? Und vielleicht ist es ja morgen schon viel zu spät. In diesem Sinne ein Küsschen an alle Positiven und an alle Negativen und an alle, deren Status sich bald ändert, oder auch nicht. Fickt euch frei, meine süssen Blumen, lasst die weissen Tauben fliegen. Vergesst aber nicht fleissig den Schweizer Notstationen in Sachen AIDS zu spenden unter www.aids.ch, www.zurichpridefestival.ch und www.pinkcross.ch. Aber vergesst vor allem eines nicht: Safer-Sex wird in absehbarer Zeit durch nichts zu ersetzen sein! Auch nicht durch das «Swiss Statement» – schon wegen den STDs, die 2011 statistisch auf dem Vormarsch sind.
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