Ein Hamburger in Bergün
Deutscher, schwul und dazu einer der «Masseneinwanderer» – wie lebt es sich damit in Bergün?

Von Martin Ender

Jan (19) kam durch Zufall, oder besser gesagt, durch seine Liebe zu einem Bündner, nach Bergün. Krasser könnte der «Kulturschock» nicht sein. Einst wildes Partyleben im grossen, weltoffenen Hamburg, nun lebt er im Bündner Albulatal, in Bergün, wo die Bergler unter sich sind und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Jan erzählt gerne von «seinem» Hamburg, wo er die letzten Jahre lebte. Gebürtiger Grosstadtjunge ist er zwar nicht. Er ist zugezogen aus dem gut 60 Kilometer entfernten Schneverdingen. Seine Eltern wohnen in diesem 4000-Seelendorf und Jan ist da zur Schule gegangen. Bekannt ist der Luftkurort Schneverdingen durch seine Lage direkt am Naturschutzgebiet Lüneburger Heide. «Das Heideblütenfest mit der Heideköniginnen-Wahl ist jedes Jahr ein grosses Spektakel – aber auch nicht wirklich spannend», lacht Jan. So kehrte er, der mit 13 schon wusste, dass er eher Männer als Frauen mag, dem Heide-königinnendorf mit 17 den Rücken und «haute ab» nach Hamburg. «Ich hab da erst mal vier Monate auf der Strasse gelebt, Arbeit gesucht, bin bei Kollegen untergekommen, bis ich ne eigene Wohnung fand», erzählt Jan.
Hamburgs St. Georg war seine Welt. Die Nacht wurde zum Tag gemacht. In seinem Gayromeo-Profil steht: «Ich liebe es, mit meinem besten Freund um die Häuser zu ziehen – Party 4ever!» und auf die Frage, ob er denn diesen besten Freund hier in Bergün vermisse, kommt ein ganz kurzes, aber klares Ja.

Ohne Gay-Ski-Week kein Bergün

Wie, um Himmelswillen, kam Jan denn ausgerechnet nach Bergün? Der Hamburger Junge fuhr im Januar 2011 nach Arosa an die Gay-Ski-Week. Skifahren wollte er zwar auch lernen, aber mehr als eine Lektion lag nicht drin, da die Zeit, nebst Parties feiern, einfach zu knapp war. Es war drei Tage vor Urlaubsschluss, an einer Party im Hotel Eden, da hat er seinen Freund kennen gelernt. Da es ihm in diesen Tagen nicht gut ging und ihm im Hotel eh nicht mehr wohl war, nahm er die Einladung von seinem neuen Freund gerne an, für die restlichen Tage nach Bergün zu kommen. Dieser kümmerte sich liebevoll um ihn und schon hats gefunkt. Jan wäre am liebsten noch länger dageblieben und wollte von Luft und Liebe leben. Aber erst gings mal notgedrungen nach Hamburg zurück.
Eine Zeit lang war Jan wohl noch hin und her gerissen. Er postete auf Gayromeo: «Ich liebe es, schwul zu sein und in einer Stadt wie Hamburg zu leben, wo ich sein kann, wie ich will. Ich hasse das konservative Denken, welches ich in der Schweiz kennen gelernt habe.» Auf die Frage, ob denn die Schweizer konservativer als die Deutschen wären, antwortet Jan mit einem klaren «Ja».
Trotzdem kam er wenige Wochen später zurück nach Bergün. Sein Freund hat ihm geholfen, eine Lehrstelle zu finden. Nun lässt er sich zum Sanitärfachmann ausbilden.

Spass am Beruf – Horror in der Schule

«Die Arbeit an sich macht Spass. Ich hätte vorher nie gedacht, dass ich mal auf Baustellen arbeite. Das habe ich mir nie zugetraut. Je mehr ich lerne, umso mehr bin ich begeistert von diesem Beruf. Doch die Berufsschule ist absoluter Horror.», sagt Jan. Der wöchentliche Besuch der Gewerbeschule in Chur ist für ihn zu einem Spiessrutenlauf geworden. Und es ist kein Ruhmesblatt für die jungen Menschen in Chur. Was da vorgefallen ist, schildert Jan so: «Am ersten Tag war noch alles ganz normal, am zweiten Unterrichtstag war ich zwischendurch kurz mal auf der Site Grindr online, das hat man gesehen. ‹Da sind ja nur Männer im Chat! Bist du schwul?›, fragte einer. Ich habe mit ‹Ja› geantwortet. Ich mach da kein Geheimnis draus. Daraufhin wurde getuschelt und am Abend als ich zuhause war, bekam ich vom Klassensprecher einen Anruf auf mein Handy. Er hat mir wörtlich mitgeteilt: ‹Die Klasse will mit einer Schwuchtel keinen Sport-Unterricht machen›. Das fand ich schon krass. Ich ging die nächsten Tage nicht zur Schule. Später habe ich mit dem Direktor der Schule gesprochen und verlangt, dass er etwas unternimmt, damit mich die Mitschüler in Ruhe liessen. Sie könnten mich von mir aus ignorieren oder tolerieren.
Der Direktor hat mir ganz klar gesagt, dass Diskriminierung nicht toleriert werde und dass dies da Konsequenzen haben werde. Da war ich schon überrascht, dass er mich voll unterstützte.» Doch noch haben die Sticheleien und Sprüche nicht ganz aufgehört. Eines Tages lag ein Kondom auf Jans Stuhl...

Als Ausländer kein Problem

Auf die Frage, ob er sich denn als Deutscher ebenfalls diskriminiert fühle, lacht Jan: «Nö, ich arbeite ja auf Baustellen und sehe, wie viele Ausländer hier beschäftigt sind, vor allem Italiener und Türken. Die Schweizer sollen sich da mal nicht beschweren. Ich denke, viele Schweizer fühlen sich zu fein für die Baustellen-Arbeit, sehen aber gleichzeitig ein, dass es darum Ausländer braucht in ihrem Land.»
Letzten Winter kam Jan nicht dazu, Ski fahren zu lernen. Wie sieht das diesen Winter aus? Jan strahlt und sagt: «Ja richtig. Aber diesen Winter bekomm ich Privatunterricht von meinem Freund, ich hab schon die Skihose und Skijacke. Noch fehlen die Skier… Aber Jan weiss sich unterdessen zu wehren.
Ja, ich will das lernen, das ist da oben im Winter wohl der einzige Fun-Faktor, den man haben kann... Ich werde das in Angriff nehmen!»