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Regenbogen am Goldenen Horn
«Solange keiner darüber redet, ist es gut.»
von Michael Lenz
Wer kennt sie nicht, die Redens-art «Er sieht aus wie ein griechischer Gott», wenn man über einen besonders schönen, gut gebauten Mann spricht. Die griechischen Götter aber müssen in der Türkei geboren worden sein. Diese Vermutung jedenfalls legen die vielen irrsinnig gut aussehenden türkischen Männer nahe, die über Istanbuls Istiklal Caddesi, der Unabhängigkeitsstrasse, flanieren.
Die Strasse der Unabhängigkeit zwischen dem Taksim Platz und Tünel mit ihren prächtigen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert ist das Zentrum des liberalen, aufgeklärten, weltoffenen Istanbul. In den Geschäften, Restaurants, Cafés, Bars, Buchläden, Galerien, Kinos und Theatern rund um die Istiklal herrscht (fast) rund um die Uhr pralles Leben. Hier im Stadtteil Beyo lu, gelegen auf den Hügeln einer Halbinsel mit Traumaussicht über den Bosporus, das Goldene Horn und die grossen Moscheen in Sultanahmet auf der anderen Seite des Goldenen Horn, weht auch die Regenbogenfahne. Im wörtlichen Sinne vor dem Sugar Club Café. Im übertragenen Sinn auch, weil die Gegend rund um die Istiklal und den Taksim Platz das Zentrum des schwulen Nachtlebens der Metropole an der Nahtstelle von Okzident und Orient ist.
Die Liberalität der Istiklal täuscht
Das Nachtleben in Istanbul beginnt spät. Vor Mitternacht braucht man nicht auf der Matte eines der Clubs zu stehen und ohne einen kundigen Führer steht man auch leicht auf der falschen. Denn die schwule Party--People-Karawane zieht Nacht für Nacht ihre feste Route vom X Large übers Tecoy bis zum Cheeky. Keine dieser Clubs versteht sich als «gay bar», sondern allenfalls als «gay friendly». Man dürfe sich nicht von der Liberalität der Istiklal täuschen lassen, sagt Yuksel, im Nebenberuf Vermieter von Apartments für schwule Touristen, Organisator von schwulen Themenparties wie «Be my Sultan fort the night» und Veranstalter von Besichtigungstouren zu den Sehenswürdigkeiten
Istanbuls wie Hagia Sophia und den Schatzkammern des Topkapi Palastes sowie Nightlifetours (www.istanbulqueens.com). Die Türkei, so Yuksel, sei ein konservatives Land, in dem der Islam viele Bereiche des Lebens dominiere.
Das merkt schon, wer über den Internetzugang von Hotels auf eine der beliebten schwulen Internetdatingseiten will, wie etwa Gaydar oder Gayromeo. Die Zensur teilt einem lapidar mit: «After technical analysis and legal evaluation based on the catalog crimes of the law no 5651, administrative measure has been taken for this website (gayromeo.com)....» Dabei ist Homosexualität in der Türkei legal. Polizei, Justiz und Behörden gehen aber immer wieder hart gegen schwul-lesbische Organisationen vor. Die Rechte Homosexueller wie die Menschenrechte allgemein sind einer der vielen Stolpersteine auf dem Weg der Türkei in die EU. Gott sei Dank aber sind Zensoren dumme Menschen. Gesperrt sind «nur» solche Seiten mit gay, sex oder ähnlich «anstössigen» Begriffen in der Adresse. Planetromeo, das Alter Ego von Gayromeo, oder auch die Fetischseite Recon sind zugänglich.
Das sagt schon fast alles über schwul-lesbisches Leben in der Türkei: Vieles ist möglich, wenn man es nicht zu deutlich zeigt. So hält es auch der 32-jährige Yuksel, der seit über zehn Jahren fest befreundet ist und mit seinem Lebenspartner zusammenlebt. «Unseren Familien haben wir nicht gesagt, dass wir schwul sind. Die sind sehr traditionell. Sie wissen vermutlich Bescheid, aber solange keiner darüber redet, ist es gut.»
Schwulenfreundlich, ohne es an die grosse Glocke zu hängen
Derya ist die Chefin des ersten, seit zehn Jahren aktiven schwul-lesbischen Reisebüros Pride Travel in Istanbul. «Am Anfang wollte niemand mit uns zusammenarbeiten. Wir hatten 25 Hotels angefragt. 23 wollten mit uns nichts zu tun haben», erinnert sich die offen lesbische Frau und fügt grinsend hinzu: «Jahre später riefen sie uns an. Sie haben wohl den Wert des Gay Marktes erkannt.» Inzwischen hat Derya eine ganze Reihe von Hotels und Ausflugsunternehmen als Partner, die schwulenfreundlich sind, ohne es an die grosse Glocke zu hängen. «Das heisst, sie akzeptieren ohne Stirnrunzeln und dumme Bemerkungen schwulen Lebensstil», erklärt Derya.
Die 38-Jährige macht sich gerne über die Doppelmoral der Türken lustig. «Viele türkische Männer haben mit Männern Sex, ohne sich aber als homosexuell oder gar als schwul zu verstehen. Die meisten sind zudem Tops und davon überzeugt, ein ‚richtiger Mann’ zu sein, weil sie ja ‚oben’ sind», sagt sie lachend und fährt fort: «Es gibt sehr viele Transvestiten und Transsexuelle in der Türkei. Wer hat wohl Sex mit denen? Türkische Männer lieben Ärsche, egal, ob die von Frauen, Männern oder Jungs. So ist das hier.»
Für Frauen noch schwieriger
Für lesbische Frauen ist das Ausleben ihrer sexuellen Orientierung meist noch ein Zacken schwieriger als für schwule Männer. Das ist in der islamisch geprägten Türkei erst recht so. Aber es tut sich was. «Es gibt gesellschaftliche Veränderungen», sagt Derya. «Lesben wissen sehr genau, dass Geld Freiheit bedeutet. Deshalb legen sie grossen Wert auf Ausbildung und gute Jobs. Das gibt ihnen die Möglichkeit, aus der Provinz nach Istanbul zu ziehen. In Istanbul kann eine Frau inzwischen unverheiratet sein.»
Aber es ist schwer, dem Druck der Familien auf ihre Söhne und Töchter zu heiraten zu widerstehen. «Hochzeiten sind eine grosse gesellschaftliche Angelegenheit, die sehr wichtig für das Ansehen der ganzen Familie ist. Es gibt daher oft schwule Männer und lesbische Frauen, die heiraten. Drei Monate etwa müssen sie den Schein aufrechterhalten und das glückliche Paar geben. Dann leben sie einfach zusammen in einer offenen Beziehung.»
Yuksel veranstaltet seine Themenparties überall, nur nicht in den schwulen Clubs. «Ich suche immer ganz spezielle Locations, die neu und ungewöhnlich sind. Das gibt den Parties einen besonderen Reiz», sagt Yuksel und fügt schmunzelnd hinzu: «Als Nebeneffekt werden die Betreiber der Locations schwulenfreundlicher.» Tanzen ist eben auch eine Schwulen-bewegung.
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