 |
MrGay zieht seine erste Bilanz
Stephan Bitterlin über seine bisherige Amtszeit, seine Ziele, aber auch Enttäuschungen als vielleicht letzter MrGay Switzerland.
Von Daniel Diriwächter
Nein, er sei nicht der schönste Schwule, sondern ein Botschafter für die Gay-Community. Seit Stephan Bitterlins Sieg im März hat sich dessen Leben wesentlich verändert. Und seit der Auflösung der MrGay-Organisation ist Stephan sein eigener Herr. Das CR-Magazin traf ihn zum ehrlichen Interview: MrGay Switzerland 2011 zieht bei uns seine erste Bilanz.
CR: Gerade zu Beginn, erzähl doch über deine bisherigen Monate als schönster schwuler Schweizer.
Stephan Bitterlin: Ich sehe mich eher als Botschafter der Schweizer Gay-Community, denn als «schönster Schwuler». Bislang habe ich tolle Leute kennen lernen dürfen, und ebensolche Connections gefunden. Aber es wurde mir schnell klar, dass es hart werden würde, um als MrGay überhaupt etwas in Gang zu bringen. Obwohl ich zu Beginn des Jahres an vielen Events präsent war, war ich doch noch nicht an dem Punkt, um meine Botschaften mitzuteilen. Besonders, wenn es um ältere Schwule, späte Coming-outs zumal die Prävention in Sachen STI oder HIV geht.
CR: Du bist mittlerweile dein eigener Manager. Die MrGay-Organisation hat sich aufgelöst. Inwiefern beeinflusst dies deine Aufgabe als MrGay?
Stephan Bitterlin: Schon sehr, zumal ich davon nicht leben kann, wie etwa ein Mr. oder eine Miss Schweiz. Ich habe daneben noch eine Arbeit, auch ein Privatleben. Vielleicht kommt mir hier mein Alter zugute, durch meine Erfahrung kann ich dies alles organisieren. An meinen Wochenenden bin ich fast immer als MrGay unterwegs. Ferien hatte ich in diesem Jahr noch keine. Zugegeben, es zwingt mich niemand, das zu machen, aber ich will es schliesslich tun, denn es ist mir wichtig und ich stehe zu meinem Wort.
CR: Deine Vorgänger waren eher selten in der Presse, du vielleicht
etwas mehr, obwohl du nicht singst …
Stephan Bitterlin: Dies mag dein Eindruck sein, aber wenn die Leute etwas von mir hören und sehen wollen, gibt es Mittel und Wege, das auch zu tun. Ich bin immer wieder in der Presse. Zudem habe ich mir ein kleines Team organisiert, welches mich tatkräftig unterstützt. Dominic war natürlich anders als ich und er hat das sehr gut gemacht. Meine Botschaften sind anders.
CR: Sicher auch, weil du der «älteste» MrGay Switzerland bist, 42 Jahre, um genau zu sein. Ein Attribut, welches du übrigens gerne selbst benutzt und es auf deiner eigenen Webseite sogar als «Tabubruch» bezeichnest. Dein Alter scheint dich nicht zu stören?
Stephan Bitterlin: Im Gegenteil, ich bin halt nun der älteste gewählte MrGay in der Schweiz, aber das Alter ist nur eine Zahl. Mein fortgeschrittenes Alter liess mich überhaupt mitmachen an dem Wettbewerb. Einfach schon die Möglichkeit, dass jemand wie ich jenseits der 35 auch eine Chance haben kann, hat mich fasziniert.
CR: Also wirst du an den MrGay-World-Wahlen im kommenden Frühling in Südafrika teilnehmen?
Stephan Bitterlin: Das ist mein Ziel, aber da brauche ich noch Unterstützung und suche Sponsoren, denn ich kann dieses Unterfangen unmöglich selbst finanzieren. Alles kostet Geld, das Outfit, der Flug, das Hotel usw.
CR: Neben deinen Ambitionen als MrGay hast du eine zweite Karriere. Da steht der Tanz im Mittelpunkt.
Stephan Bitterlin: Stimmt, mein erster Beruf ist der eines diplomierten Balletttänzers. Leider zwang mich eine Knieverletzung zum Beenden dieser Arbeit. Danach habe ich den Beruf des Pflegefachmanns erlernt, aber der Tanz war und ist noch heute meine Leidenschaft. Also habe ich mich weitergebildet und begann auch, Tanz zu unterrichten. Seit meinem Unfall befasse ich mich zudem mit neuen Therapieformen und Methoden, der Medizin und der Gesundheit beim Tanz. Zugleich begann ich noch eine komplette Pilates-Ausbildung, da ich es eine hervorragende Ergänzung und super Methodik für alle Tanz-und Sportarten finde.
CR: Wie reagieren deine Schüler, wenn sie erfahren, da du MrGay bist?
Stephan Bitterlin: Das ist im Unterricht überhaupt kein Thema. Meine Schüler sind meist Mädchen und Frauen. Die kommen nicht wegen meines Titels. Und wenn sie’s erfahren, finden sie es cool.
CR: Als MrGay stehst du im Rampenlicht. Nicht so sehr wie unsere üblichen Missen, welche auch gerne ihr Privatleben präsentieren. Von dir erfahren die Leute diesbezüglich erstaunlich wenig…
Stephan Bitterlin: Ich versuche, mein Privatleben zu schützen. Es ist nicht meine Art, alles breitzutreten, was bei mir zuhause läuft. Wenn mich jemand privat kennen lernen möchte, gibt es andere Möglichkeiten. Ich möchte derzeit regelmässig ein Meet&Greet mit mir als MrGay veranstalten. Dies in einer ausgewählten Bar, in welcher ich dann für alle Fragen offen bin. Ein erster solcher Anlass hat bereits stattgefunden und die Resonanz war durchaus positiv. Das nächste Datum wird dann in meinem Blog (auf www.queer.ch) sowie auf meiner Facebook-Seite bekannt gegeben.
CR: Mit deinem Vater, der auch schwul ist, wurdest du schon im Tages-Anzeiger interviewt. Wie reagiert er auf die neue Publicity?
Stephan Bitterlin: Nun zu Beginn war meine Familie alles andere als begeistert über mein Vorhaben. Mittlerweile sind sie aber alle recht stolz, mein Vater ebenso. Natürlich habe ich ihn zuvor gefragt, ob ich von meinem «schwulen Papa» erzählen darf. Er hatte nichts dagegen und die Medien griffen diese Tatsache dankbar auf.
CR: Wie geht dein Freund mit deinem Titel um? Gerade auch deswegen, weil du so wenig Zeit hast?
Stephan Bitterlin: Diese Frage musste ja kommen (lacht!). Ja, ich habe einen Freund und er hatte auch zu Beginn einige Bedenken. Es ist für ihn tatsächlich oft nicht einfach, dass nun ich im Mittelpunkt stehe. Aber er hat sein eigenes Leben, seine eigene Karriere, so sind wir beide recht
beschäftigt. Wir hoffen, dass nun in den Wintermonaten ein bisschen mehr Zweisamkeit in unser Leben zurückkehrt.
CR: Vielleicht wirst du der letzte MrGay Switzerland bleiben, eine schwere Bürde?
Stephan Bitterlin: Genau, der letzte und auch der älteste MrGay (lacht)! Ich hoffe nicht, dass ich nun der «letzte» bleibe, im Gegenteil, ich würde es sehr begrüssen, einen Nachfolger zu küren. Denn es braucht einen MrGay Switzerland. Selbst in der Schweiz sind wir noch nicht so weit, dass Homosexuelle gleichberechtigt sind.
CR: Derzeit wissen wir auch nicht, ob es bald noch andere Mister und Missen in der Schweiz geben wird…
Stephan Bitterlin: Die Situation ist in der Tat nicht einfach, denn es ist schwierig, einen solchen Anlass zu organisieren. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass der MrGay als Botschafter der Gay-Community angesehen und respektiert wird und nicht «nur» als Schönling. Ich selbst bin bereit, mein Wissen für eine kommende Wahl einzusetzen. Doch die Planung eines solchen Projekts gehört definitiv in andere, professionelle Hände.
CR: Selbst innerhalb der Gay-Community weht ein kalter Wind, so wirst du etwa von Gay.ch geradezu ignoriert (die ehemaligen Organisatoren des Wettbewerbs bis 2003, Anm. d. Red.). Wie gehst du damit um?
Stephan Bitterlin: Dies ist mir so noch nicht so sehr aufgefallen, obwohl es schade ist. Aber an der Stelle möchte ich erwähnen, dass es doch diverse schwule Organisationen gibt, welche sich nicht bei mir melden oder meine Anfragen erst gar nicht beantworten. Ironischerweise erhalte ich viele Einladungen von heterosexuellen Veranstaltungen, wie etwa dem Pink-Ribbon-Anlass. Ansonsten bin ich doch sehr erstaunt, dass gerade aus der schwulen Szene eher wenig kommt. Ich finde die Toleranz unter den Schwulen fehlt, obwohl sie diese selber von der Gesellschaft fordern. Die Gay-Community muss erst lernen sich selbst zu tolerieren, um Toleranz von der Gesellschaft zu erwarten.
CR: Also hast du das Zepter selbst in die Hand genommen…
Stephan Bitterlin: …genau, und unterhalte meinen eigenen Blog auf queer.ch und bin auch auf Facebook präsent. Es gibt viele Termine im Dezember und Januar, beispielsweise mit Gay-Sport Zürich, oder auch der kommende tribute-2live-Anlass im Dolder, an welchem ich dabei bin. Unbedingt Reinschauen!
|